FAZ 18.09.2026
14:33 Uhr

Mbappé zu Ceuta: „Zuerst bin ich Mensch“


In Spaniens Fußballstadien wird Solidarität mit den Einwohnern der Exklave Ceuta zur politischen Parole. Kylian Mbappé zieht nur halb mit – und fällt mit der differenzierendsten Erklärung in der Debatte auf.

Mbappé zu Ceuta: „Zuerst bin ich Mensch“

„Politik hat im Sport nichts zu suchen“: Wie unsinnig dieser oft zu hörende Satz ist, zeigt sich gerade in Spanien. „Ceuta verkauft man nicht, Ceuta verteidigt man“, schallt es seit Wochen durch die spanischen Fußballstadien. Eine Parole, der sich kaum jemand entziehen kann, wenn er dazugehören möchte. Von den Sportlern wird dabei erwartet, voranzuschreiten. Doch genau das haben diese Woche drei Spieler verweigert. Kylian Mbappé, Vinícius Júnior und Ibrahima Konaté rollten kurz vor dem Auflaufen die verteilten Solidaritäts-T-Shirts mit Ceuta bis zur Brust hoch, sodass der Slogan „Wir alle sind Ceuta“ nur halb zu sehen war. Sie waren auch die Ersten, die sie schnell wieder auszogen. Seither stehen sie in der Kritik. „Dieser Haufen von verwöhnten Gören“, polterte der spanische Radiomoderator Federico Jiménez Losantos gegen die drei Spieler im privaten Radiosender esRadio. „Meinungsfreiheit? Sie spielen bei Real Madrid, mit dem Geld von Real Madrid. 80.000 Einwohner von Ceuta liegen am Boden. Mbappé wird sich nicht über sie lustig machen. Das werden wir nicht zulassen.“ Mindestens 83 Menschen sind gestorben Losantos ist nicht der Einzige. Auch Ester Muñoz, die Fraktionssprecherin der konservativen Volkspartei im Parlament, verlangte nach Erklärungen: „Warum wollen sie in einem spanischen Spiel Spanien nicht verteidigen?“, fragte die Politikerin und behauptete, das Verhalten der Spieler sei zum Fremdschämen. Die ultrarechte Vox verlangt, die Fußball-Weltmeisterschaft 2030 dürfe nicht in Marokko ausgetragen werden, eine Forderung, die auch die Linkspopulisten teilen. Hintergrund der heftigen Auseinandersetzungen ist die Masseneinwanderung von mindestens 70.000 Menschen von Marokko in die spanische Nordafrika-Enklave Ceuta, die selbst nur 80.000 Einwohner hat, am 30. und 31. Juli. Mindestens 83 Menschen sind damals gestorben, die meisten davon ertrunken, als sie schwimmend von Marokko nach Ceuta gelangen wollten. Die meisten der Migranten sind zwar wieder nach Marokko zurückgekehrt, aber bis zu 10.000 leben immer noch in der Stadt. Immer noch sind nicht alle in Auffanglagern untergebracht, während die angekündigten Abschiebungen nur schleppend begonnen haben. Umfragen zufolge meinen fast 90 Prozent in Spanien, dass Marokko die Ereignisse entweder selbst geplant oder durch eine ausgebliebene Grenzkontrolle zumindest gebilligt habe, während die spanische Regierung kritische Töne gegenüber Rabat vermeidet, schließlich soll Marokko die Leute ja wieder zurücknehmen. In der hitzig geführten politischen Debatte wird damit der linke spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez zum Mitverantwortlichen für die Masseneinwanderung. Das hat sich längst auf den Sport übertragen. Bei der Begegnung zwischen Real Madrid und Inter Mailand in der Champions League zu Beginn des Monats hielten die Real-Fans Fahnen und Schilder in den Farben der Nordafrika-Enklave hoch. Zunächst riefen sie: „Ceuta verkauft man nicht, Ceuta verteidigt man.“ Doch plötzlich schallte es durchs Stadion: „Pedro Sánchez – hijo de puta“ – eines der beliebtesten Zitate aus der Sammlung der spanischen Verbalgewalt. Der Ruf war schon bei anderen Demonstrationen zu Ceuta außerhalb der Stadien zu hören, bei denen auch die rechtsradikale Formation „Núcleo Nacional“ Präsenz zeigte. Und gestern reiste der Präsident von Real Madrid, Florentino Pérez, zum Zeichen der Solidarität des Vereins nach Ceuta, wurde dort von Juan Jesús Vivas, dem Präsidenten der Stadt, empfangen. Mit dabei war auch Reals Ehrenpräsident José Martínez Sánchez, genannt Pirri, der aus Ceuta stammt. Der öffentliche Druck, Ceuta verteidigen zu müssen, erreichte eine neue Qualität, als vor dem vergangenen Spieltag der valencianische Unternehmerverband den Klubs T-Shirts verteilte. Darauf stand „Todos somos caballas“, übersetzt „Wir sind alle aus Ceuta“. Die Spieler der Begegnungen in der Region sollten mit den Shirts auflaufen, so die Idee. Der FC Barcelona, der an diesem Tag bei Levante zu Gast war, ließ die Hemden jedoch in der Kabine, bei der Begegnung Villarreal gegen Betis Sevilla machten alle mit, und vor dem Spiel Real Madrids in Elche zogen sich die sichtlich verstimmten Mbappé, Vinícius und Konaté die Shirts zwar an, rollten sie aber bis zur Brust hoch. Mbappé hat die verlangte Erklärung inzwischen geliefert, und sie war tatsächlich bislang die differenzierteste Äußerung in der gesamten Ceuta-Debatte. Denn Mbappé erwähnte als einer der wenigen in der ganzen Debatte die anderen Opfer – also sowohl die Menschen in Ceuta als auch die Migranten, die Spaniens Rechte nur noch pauschal als Invasoren, als Täter beschreibt. In einem Interview mit der Sportzeitung „AS“ sagt Mbappé, er sei durchaus solidarisch mit den Menschen in Ceuta und mit allen Opfern. „Ich bin Spieler, aber zuerst bin ich Mensch“, sagte Mbappé. Aber sein Verhalten sei auch eine Geste für die gestorbenen Migranten und diejenigen, die derzeit unter schlimmen Verhältnissen in Ceuta lebten. „Das ist keine leichte Position“, sagte der Franzose, aber er wolle nicht das Leid der einen über das Leid der anderen stellen. Welche Konsequenzen dieser Ausbruch aus dem inzwischen äußerst engen Meinungskorridor in Spanien in der Ceuta-Frage haben wird, wird sich am Sonntag zeigen. Da tritt Mbappé mit Real Madrid zum Stadtderby gegen Atlético wieder vor die Fans.