Eine Frau! Protestantin! Aus dem Osten! Drei Tatsachen, die es eigentlich unmöglich machen sollten, dass es so jemand an die Spitze der Bundesrepublik Deutschland, einem Weststaat mit östlichem Anhängsel bringt. Und doch wurde das Märchen Wirklichkeit. 16 heute von vielen verklärte Jahre lang war Angela Merkel (CDU) Bundeskanzlerin. Juliane Hendes’ satirisches Revuestück „Angelaland“, das im November 2025 uraufgeführt wurde und nun am Hessischen Landestheater Marburg gezeigt wird, erzählt mit viel Musik, wie es so weit kommen konnte. Die Autorin und Dramaturgin Hendes, 1987 in Rostock geboren, wählt eine dezidiert nicht-westdeutsche Erzählperspektive: Durch das politische Leben Merkels von 1990 bis zum Ende ihrer Kanzlerschaft führt eine von zwei Schauspielerinnen (Lisa Grosche, Zenzi Huber) gespielte Figur, der bodenständige Karl-Konrad im Blaumann und wie Merkel aus dem flachen Land weit im Osten stammend. Er kommt zu Beginn des Abends, mit Bierflasche, Marx’ „Das Kapital“ und dem Grundgesetz ausgestattet, in den Theatersaal im Erwin-Piscator-Haus, plaudert mit dem Publikum und beginnt dann mit deutlich nordostdeutschem Zungenschlag die Geschichte vom märchenhaften Aufstieg der jungen Politikerin zu erzählen, die eher zufällig in die CDU eingetreten sei, weil ihr das „Geduze“ bei den SPD-Genossen auf die Nerven gegangen sei. Und in dieser von Kohl, Schäuble und den nicht mehr ganz jungen Männern des Andenpakts dominierten Partei habe ausgerechnet sie Karriere gemacht, gegen alle westdeutsch-patriarchalen Widerstände, gegen alle Wahrscheinlichkeiten. Wunderbare Bilder der vielfachen Merkel In der Inszenierung von Eva Lange, Ko-Intendantin des Landestheaters, wird die Verwandlung der unscheinbaren Pastorentochter in den womöglich mächtigsten Menschen des Landes durch ihre selbst gewählte Uniform augenfällig in Szene gesetzt. Vier Merkel-Klone in bunten Blazern (Miriam Bahri, Flamur Blakaj, Tomris Lahusen, Aliona Marchenko) stehen in Marburg auf der Bühne, tanzen, singen, gestikulieren deckungsgleich, und auch die beiden Karl-Konrad-Figuren mutieren in den etwas mehr als zwei Stunden zu einer Frau mit schwarzen Hosen und hochgeschlossener bunter Jacke, sodass schließlich sechs Merkels mit dem ikonischen Pagenkopf auf der Bühne stehen. Das ergibt wunderbare Bilder, und zusammen mit der Musik der vier Bandmusiker auf der Bühne haben nahezu alle Darstellerinnen mal lustige, mal sentimental-nostalgische Soloauftritte. Man singt „Du hast den Farbfilm vergessen“, „Über sieben Brücken musst du gehn“, „Zeit, dass sich was dreht“, und schließlich, als von 2015 an die ersten „Merkel muss weg!“-Rufe erklingen, auch wehmütig „Angie“, zum Abschied dann „Für mich soll’s rote Rosen regnen“. Dabei legen alle nach und nach ihre Kostüme ab, schlüpfen aus der Panzerung und werden wieder sie selbst, das Merkel-Märchen ist zu Ende. Dramaturgisch knirscht es freilich ein wenig in diesem insgesamt unterhaltsamen, die Balance zwischen nostalgischer Sehnsucht und satirischer Geschichtsstunde haltendem Abend. Im ersten Drittel, als die Jahre vor der Kanzlerschaft abgearbeitet werden, müssen die Karl-Konrad-Figuren übergroße Textmengen absondern, auch zwischendurch können die herrlichen Gesangs- und Tanznummern nicht ganz das Lehrstück, das sich an der Historie entlanghangelt, vergessen machen. Was bleibt, ist die Illusion, dass knapp 20 Jahre alles gut war, die Sehnsucht nach der sorglosen Zeit, als die Übermutter Merkel das Land beschützte. Denn wir, sagt der bissige Schalk Karl-Konrad, dem Hendes einige böse Wahrheiten über das Land, seine Menschen und insbesondere seine Politiker in den Text geschrieben hat, wollen die totale Freiheit, dabei gleichzeitig keine Verantwortung und hundertprozentige Sicherheit. Das fällt uns jetzt, in der öden Post-Merkel-Ära, schmerzlich auf die Füße. „Angelaland“, Hessisches Landestheater Marburg, Erwin-Piscator-Haus, nächste Aufführung am 30. September, 19.30 Uhr
