Es begann mit kleinen Unregelmäßigkeiten in den Büchern einer Tochtergesellschaft in China. Doch was interne und externe Untersuchungen in den vergangenen zwei Jahren ans Licht gebracht haben, ist für den japanischen Elektronikkonzern Nidec zu einer handfesten Krise mit vielen Gesichtern herangewachsen. Am Dienstagabend musste der Konzern nun den zweiten Rücktritt an seiner Spitze innerhalb weniger Monate bekannt geben. Nachdem der Unternehmensgründer Shigenobu Nagamori Ende vergangenen Jahres seinen Posten als Verwaltungsratsvorsitzenden geräumt hatte, trat nun sein Nachfolger Mitsuya Kishida ab. Am Mittwoch will das Unternehmen abermals darüber informieren, wie hoch die Abschreibungen aus den über Jahre laufenden Bilanzskandalen sowie der Neubewertung des Geschäfts mit Elektromotoren sein werden. Auf „mehrere Hundert Milliarden Yen“ dürften sich die kumulierten Wertminderungen summieren, berichtet die Wirtschaftszeitung „Nikkei“ unter Berufung auf Unternehmenskreise – das wären umgerechnet mehrere Milliarden Euro. Einschließlich der Korrekturen infolge der Unregelmäßigkeiten in der Rechnungslegung könnten die Wertminderungsaufwendungen rund eine Billion Yen (6 Milliarden Euro) erreichen. Zu den Kunden zählen Volkswagen, Mercedes und MAN Eines der japanischen Vorzeigeunternehmen versinkt damit immer weiter in einem Strudel aus Skandalen. Nidec ist der größte Hersteller von Elektromotoren in jeder Größe in der Welt. Sie werden in Festplatten verbaut, in Waschmaschinen und großen Industrieanlagen und treiben auch viele Geräte und Pumpen im Auto an. Zu Nidecs Kunden zählen nach eigenen Angaben auch viele deutsche Konzerne wie Volkswagen, Mercedes und MAN. Noch im Mai hatte Konzernchef Kishida von der „explodierenden Nachfrage“ nach Komponenten für die Notstromversorgung von Rechenzentren geschwärmt. Das in Kyoto ansässige Unternehmen wolle weitere Fabriken in den Vereinigten Staaten, China und Indien bauen. Doch wie es mit dem Konzern weitergeht, ist vorerst offen. Zum Abgang Kishidas hieß am Dienstag von dem Unternehmen etwas blumig, dass er „bei bestimmten Gelegenheiten Äußerungen gemacht oder Verhaltensweisen im Zusammenhang mit der Finanzberichterstattung gezeigt hatte, die nicht unbedingt als angemessen angesehen werden konnten“. Als sein Nachfolger an der Konzernspitze wurde der bisherige 70 Jahre alte Technologievorstand Michio Kaida präsentiert, der zuletzt die internen Untersuchungen leitete. Dass der Konzern so arg ins Straucheln gerät, hat mehrere Gründe. Nach dem Fund der kleineren Bilanzunregelmäßigkeiten traten nach und nach immer weitere Missstände zutage, darunter aufgeblähte Finanzen, falsche Bilanzierung und vertuschte Verluste in verschiedenen Abteilungen. Unter anderem wurden Motoren, die in China produziert worden waren, als „made in Italy“ ausgegeben, um dadurch amerikanische Zölle zu umgehen. Auch dem Wirtschaftsprüfer PWC sind offenbar viele wichtige Informationen vorenthalten worden. Die Börse in Tokio setzte das Unternehmen im vergangenen Oktober schließlich unter „spezielle Beobachtung“, aus den großen Börsenindizes wie dem Nikkei 225 wurde der Wert vorerst entfernt. Vom Börsenliebling zum Sorgenkind Im Frühjahr dieses Jahres musste Nidec zudem noch Fehlverhalten in der Qualitätskontrolle von Motoren und anderen Produkten eingestehen, die das Unternehmen an andere Firmen liefert. Laut einem Untersuchungsbericht wurden mehr als 1000 Fälle aufgedeckt, in denen Mängel in Komponenten vor allem für Haushaltsgeräte festgestellt worden waren, ohne dass die Kunden davon informiert worden wären. Verstärkt wird die Krise dadurch, dass der Unternehmensgründer Nagamori in hohem Maß auf den Erfolg von Elektroautos gesetzt und entsprechend viel Geld in den Ausbau des Geschäfts mit E-Achsen investiert hatte, die solche Fahrzeuge besonders effizient antreiben sollen. Vor allem in China wollte er damit groß durchstarten – und gewann mit diesen Plänen auch viel Zuspruch von Investoren. Allein im Jahr 2021 verdoppelte sich der Aktienkurs des Unternehmens. Die Anleger waren begeistert von der Geschichte, Nidec könne sich vom Hersteller von Kleinstmotoren für Festplatten hin zu einem Antreiber des Umstiegs auf die Elektromobilität wandeln. Dass nun viele Autokonzerne ihre Pläne mit Elektroautos mangels Käuferinteresse wieder zurückfahren und die chinesischen Hersteller eigene Motoren bauen, bekommt Nidec heftig zu spüren. Der Schock in Japan sitzt auch deswegen so tief, weil der heute 82 Jahre alte Shigenobu Nagamori, der bis zu seinem Abtritt im vergangenen Winter das Unternehmen regierte, eine lebende Unternehmerlegende ist. Der Sohn eines Landwirts hatte Nidec im Jahr 1973 gegründet und zielte zunächst mit seinen bürstenlosen Gleichstrommotoren auf die damals noch junge Computerindustrie ab. Diese erwiesen sich als ideal für den Betrieb von Festplatten, und so wurden Nidec-Produkte rasch zum globalen Verkaufsschlager. Anders als viele traditionelle japanische Konzerne wie Toyota oder Honda trieb Nagamori die Expansion von Nidec auch immer wieder mit gewagten Übernahmen voran. In Japan wird er wegen seines ehrgeizigen und forschen Auftretens in einem Atemzug genannt mit Unternehmerlegenden wie Masayoshi Son vom Technologieinvestor Softbank und Tadashi Yanai, der das Modeimperium Uniqlo aufbaute. Untersuchungsbericht kritisiert „übermäßigen Druck“ Heute ist er mit einem geschätzten Vermögen von knapp drei Milliarden Dollar einer der reichsten Japaner und nach wie vor der größte Einzelaktionär von Nidec. In den internen Untersuchungsberichten, die bislang zu den Vorgängen veröffentlicht wurden, wird kritisiert, dass Nagamori „übermäßigen Druck“ auf seine Mitarbeiter ausgeübt habe und dadurch für deren Fehlverhalten mitverantwortlich sein soll. In japanischen Medien wird betont, dass Nidec aufgrund seiner guten Kapitalausstattung und der Unterstützung zweier japanischer Großbanken trotz der hohen Abschreibungen nicht in existenzielle Schwierigkeiten geraten sollte. Ende September 2025 hatte Nidec ein Eigenkapital von mehr als 1,7 Billionen Yen ausgewiesen. Im November vergangenen Jahres hatten die MUFG Bank und die Sumitomo Mitsui Banking Corp. laut „Nikkei“ dem Unternehmen eine Kreditlinie von bis zu 600 Milliarden Yen bereitgestellt. Der Schaden ist dennoch immens. Seit Anfang der Woche die ersten Gerüchte über das Ausmaß der Verluste bekannt wurden, hat der Konzern gut 20 Prozent seines Börsenwerts verloren. Schon im Frühjahr war der aktivistische Investor Oasis Management Co. aus Hongkong mit 6,8 Prozent bei Nidec eingestiegen und forderte rasch umfassende Reformen der Unternehmensführung.
