FAZ 16.08.2026
13:56 Uhr

Nach Ansturm auf Ceuta: Dieses Mal hält die Grenze


In der Grenzstadt Fnideq verhindert Marokko mit einem beispiellosen Großaufgebot einen zweiten Ansturm auf Ceuta. Es ist in dem nordafrikanischen Land auch ein Signal nach innen.

Nach Ansturm auf Ceuta: Dieses Mal hält die Grenze

Auf der Mauer über der Strandpromenade in Fnideq ist bei Einbruch der Dunkelheit kaum noch ein Platz zu bekommen. Zwischen Familien mit kleinen Kindern senden Fernsehteams live. Alle blicken übers Meer in eine Richtung: In Ceuta gehen die ersten Lichter an, während unten an der Kreuzung Polizisten mit ihren Trillerpfeifen den Mannschaftswagen einen Weg durch den Stau zum Grenzübergang zu bahnen. Die Bühne ist bereitet für das nächste Kapitel des Migrationsdramas am Tarajal-Strand. „Von hier oben sieht man besser als im Fernsehen“, sagt ein Mann, der auf der Mauer eine kleine Decke ausgebreitet hat. „Sie werden es nicht wieder wagen.“ Sein Begleiter ist skeptisch: „Wenn 80.000 Menschen kommen wie im Juli, dann reicht der eine Wasserwerfer am Kreisverkehr bestimmt nicht aus“, meint er. In dem marokkanischen Grenzort herrscht am Vorabend des 15. August gespannte Urlaubsstimmung. Für den Samstag haben soziale Medien zum zweiten Sturm auf die Grenze nach Ceuta aufgerufen. Nach neuen Aufrufen wurde die Grenze zum Bollwerk „Wir sehen uns dort am 15. August“ und „Brüder, zwischen Sonnenaufgang und -untergang kommen am 15. alle rein“, hieß es in Facebook-Gruppen. Doch am Samstagmorgen rauschen am Strand an der Grenze nur leise die Wellen, in der Ferne patrouilliert ein einsames marokkanisches Polizeiboot. Auf der spanischen Seite ist es noch ruhiger. Mariä Himmelfahrt ist in Spanien ein Feiertag. Ein paar Einwohner joggen am Strand oder führen ihre Hunde aus. Dieses Mal sollte nichts mehr schiefgehen. Nach den neuen Aufrufen wurde die Grenze zum neuen Bollwerk Europas aufgerüstet. Spanien entsandte 500 zusätzliche Polizisten und mobilisierte 2000 in der Exklave stationierte Soldaten. In Marokko sollen es mindestens 6000 Sicherheitskräfte gewesen sein. Eigentlich ist Fnideq schon ausgebucht. Viele Marokkaner, die im Ausland leben, sind auf Heimaturlaub. Die letzten freien Zimmer haben die Sicherheitskräfte ergattert. Vom Dach des Hotels über der Kreuzung lassen sie eine große Drohne über dem Pool starten, in dem Kinder planschen. An dem Wochenende scheint es in dem Badeort ähnlich viele Polizisten wie Urlauber zu geben. Der größte Teil der Uferpromenade ist mit Metallgittern abgesperrt, alle fünfzig Meter ist ein Beamter postiert. Nur das letzte Stück Strand unterhalb der großen Moschee ist geöffnet: Von dort ist es aber zu weit, um nach Ceuta hinüberzuschwimmen. An der Promenade sind die Spuren des 30. Juli längst getilgt. Arbeiter haben Mauern und Bordsteinkanten mit frischer Farbe geweißelt, mit Gartenschläuchen päppeln sie den lädierten Rasen auf. Die Regierung will zeigen, dass sie das Land kontrolliert Dieses Mal will die Regierung in Rabat in dem Urlaubsort am Fuß des Rifgebirges zeigen, dass sie das Land und die jungen Leute unter Kontrolle hat, von denen Zehntausende nur noch wegwollten. Wenn Marokko will, dann herrscht Ruhe an der wenige Kilometer langen Landgrenze zwischen Afrika und Europa, lautet die Botschaft. Nach dem 30. Juli wurde den Sicherheitskräften vorgeworfen, sie hätten sich den Massen nicht entgegengestellt, die in Richtung Ceuta zogen. Zwei Wochen später ist die Demonstration der Stärke generalstabsmäßig organisiert. Auf den letzten 20 Kilometern der Landstraße von Tanger nach Fnideq hat man den Eindruck, es sei der gesamte Fuhrpark der Polizei unterwegs. Mit blinkendem Warnlicht auf dem Dach stehen die Einsatzfahrzeuge der Sûreté Nationale, der Gendarmerie royale und der paramilitärischen Forces auxiliaires an Straßenrändern, Kreuzungen und mehr als einem halben Dutzend Kontrollpunkten. Im Gewerbegebiet von Fnideq warten Dutzende Busse, die schon vor zwei Wochen Migranten so schnell wie möglich ans andere Ende Marokkos brachten. Beamte durchkämmten schon zuvor Bahnhöfe und Busterminals im Rest des Landes wie die bergigen Wälder rund um Ceuta. Auf den Straßen von Fnideq überprüften Polizisten in Zivil vor allem die Papiere junger Männer. Marokkanische Medien, die sonst bei Sicherheitsfragen zurückhaltend sind, berichten ungewöhnlich ausführlich über die Aktion. Sie soll offenbar helfen, im Internet Gegenbilder zu produzieren, um junge Marokkaner und afrikanische Migranten von einem neuen Aufbruch abzuhalten. Es ist eine Kraftprobe der neuen Art: Können die Sicherheitsbehörden eine Onlinemobilisierung stoppen? Nicht nur die Cafés neben dem Hotel Dreamland an der Uferpromenade hatten plötzlich mit Personalknappheit zu kämpfen. Bekannte seien einfach ins Meer gesprungen, um sich den Traum eines besseren Lebens im nahen Europa zu erfüllen, sagt ein Kellner. Die meisten kehrten inzwischen wieder zurück. Aber unter den 82 Leichen in Ceuta identifizierten spanische Gerichtsmediziner mindestens einen Einwohner Fnideqs. Wolkige Versprechen wecken große Hoffnungen Marokko zeigt auch bei Ceuta sein doppeltes Gesicht. Keine halbe Stunde von Fnideq entfernt liegt der Hafen Tanger Med, der mehr als doppelt so viele Container abfertigt wie in Algeciras auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar.  Die Hafenstadt Tanger boomt, das WM-Stadion ist schon fertig, moderne Wohnviertel entstehen, in den Vororten wachsen die Autofabriken. Renault hat hier seinen zweitgrößten Produktionsstandort auf der Welt. Und an der Tamuda-Bucht östlich Fnideqs verlangen Luxusresorts an diesem Wochenende mehr als 900 Euro pro Nacht. Doch nicht Städte wie Tanger, sondern das kleine Ceuta mit knapp 84.000 Einwohnern zieht junge Marokkaner an. Das Wachstum reicht nicht aus, damit viele von ihnen ihre Träume erfüllen können, vor allem im vernachlässigten Landesinnern. Im Juli genügten ihnen Beiträge in den sozialen Medien, die hinter dem Grenzzaun Hunderte Euro Begrüßungsgeld und ein Ticket in den europäischen Schengenraum versprachen, damit Zehntausende ins Meer gingen; viele konnten gar nicht schwimmen. Mehr als 2000 unbegleitete Kinder und Jugendliche wollen bis heute nicht aus Ceuta zurück in ihre Heimat. Es dauerte einige Tage, bis der marokkanische Staat sich dazu positionierte. Inzwischen fordert Marokko die Minderjährigen zurück und gibt Spanien die Schuld an der Eskalation der Migrationskrise. Sein Land sei „entschlossen, seine Kinder und Jugendlichen aus Spanien zurückzuholen“, kündigte Justizminister Abdellatif Ouahbi an. Das soll der marokkanische König Mohammed VI. selbst angeordnet haben. Marokko kritisiert das Verhalten Spaniens In einem Interview mit der spanischen Nachrichtenagentur Efe beklagte Ouahbi ein widersprüchliches Verhalten Spaniens. „Die Lage sieht derzeit so aus: Wir hindern Einwanderer daran, das Land zu verlassen – nicht nur Marokkaner, sondern auch andere. Doch sobald sie in Spanien ankommen, werden sie aufgenommen, und ihre Situation wird regularisiert“, sagte er. Beim Kampf gegen die illegale Migration wünsche sich seine Regierung auch mehr europäische Unterstützung. Migration wird bei der marokkanischen Parlamentswahl am 23. September eine Rolle spielen. Die deutlichen Worte des Justizministers sind wohl nicht zufällig: Seine Partei PAM hofft auf einen Sieg und den Posten des Regierungschefs. Anders als in Europa geht es in der marokkanischen Migrationsdebatte nicht um Zustrom, sondern um Verlust. Schon jetzt wird über die vielen Ertrunkenen an der Grenze diskutiert und die Frage, warum die eigenen Sicherheitskräfte nicht früher einschritten. Linke und islamistische Oppositionsparteien fordern eine unabhängige Untersuchung. Er sei schockiert über die ungebremste „Menschenflut“, die er selbst im Juli auf dem Weg in Richtung der spanischen Exklave gesehen habe, sagt der ehemalige Ministerpräsident Abdelilah Benkirane, der Vorsitzender der gemäßigt islamistischen Partei PJD ist. Eine Vergeltungsaktion der marokkanischen Geheimdienste? Es bleiben viele Fragen offen: Weshalb konnten am 31. Juli Zehntausende aus dem ganzen Land ungehindert über die hoch gesicherte Grenze nach Ceuta kommen? Warum zeigte der Staat erst nach dem zweiten Aufruf seine ganze Macht? Der spanische Journalist und Marokko-Kenner Ignacio Cembrero vermutet eine Vergeltungsaktion der marokkanischen Geheimdienste. Diese hätten die Kontrollen gelockert und Migranten eingesetzt, um sich für einen Investigativbericht einer Gruppe ausländischer Medien zu „rächen“, wie Cembrero im Onlineportal El Confidencial schreibt. Die Recherche, an der auch er mitwirkte, hatte so detailliert wie nie zuvor die Methoden des Geheimdienstes und seiner Chefs beschrieben. Doch die als begrenzte Aktion geplante Vergeltung geriet laut Cembrero außer Kontrolle und habe den König verärgert, der sein Thronjubiläum feierte. In seiner Rede lobte der die Sicherheit und Stabilität in Marokko. Mohammed VI. befahl den Sicherheitskräften ein Eingreifen und die Zusammenarbeit mit Madrid, weil er fürchtete, sein Ansehen und das seines Königsreichs könnte Schaden nehmen. In Spanien forderte der linke Koalitionspartner Sumar, Marokko von der Vorbereitung der gemeinsamen Fußball-WM auszuschließen, weil es Migranten als politische Druckmittel missbrauche und schwere Menschenrechtsverletzungen begehe. In Marokko kursierte plötzlich das Gerücht, der regionale Rivale Algerien stecke hinter der Onlinekampagne. In Fnideq kehrt an der Uferpromenade am Samstagnachmittag langsam der Urlaubsalltag wieder. Die ersten Polizisten ziehen sich zurück und machen den Badegästen Platz. Bis ans Meer schaffte es am 15. August kein einziger Migrant. Bei Razzien in den nahen Bergen griffen Polizisten fast 300 Migranten auf. 248 kamen aus Ländern südlich der Sahara, nur 46 aus Marokko, wie regierungsnahe marokkanische Onlineportale berichteten. Zudem wurden weitere 61 Menschen festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, in Onlinenetzwerken „zur irregulären Migration anzustiften oder diese zu fördern“. Im Internet war jedoch schon vor dem Samstag ein Stimmungsumschwung zu beobachten. „Leute, hört mal zu, das wird alles nichts. (…) Wir haben voreilig gehandelt und uns verraten“, zitiert der spanische Sender RTVE aus einem Beitrag. Tausende hatten die Rechercheure ausgewertet. Nutzer haben längst einen neuen Termin für eine Massenflucht ins Gespräch gebracht: den 23. September. An jenem Tag wählen die Marokkaner ein neues Parlament.