Nadiem Amiri hat’s fürs Erste geschafft. Der Offensivspieler des FSV Mainz 05 gehörte nicht nur zu den 44 Akteuren, die Bundestrainer Jürgen Klopp für die ersten Länderspiele unter seiner Führung nominierte, sondern stand in der Auftaktpartie der Nations League gegen die Niederlande sogar in der Anfangsformation. Sicher, den Einsatz von Beginn an verdankte er zuvörderst dem kurzfristigen Ausfall Jamal Musialas – dennoch kann Amiri sich Chancen ausrechnen, auch dann im Kader zu stehen, wenn im nächsten Jahr die ungleich wichtigere EM-Qualifikation beginnt. Erarbeiten muss er sich den Platz freilich entweder mit herausragenden Leistungen im Nationalteam oder mit Konstanz auf hohem Niveau in der Bundesliga. In beiden Bereichen hat er Luft nach oben. Die 80 Minuten, die er in Amsterdam als linker Achter auf dem Platz stand, absolvierte er weitgehend unauffällig; sein Potential zeigte er anhand zweier feiner Pässe gegen Ende der ersten Halbzeit. Nach dem Seitenwechsel fiel er vor allem mit seinem überharten Einsteigen gegen Denzel Dumfries auf, das ihm eine Gelbe Karte einbrachte. Im 05-Trikot verhielt es sich an den ersten vier Spieltagen dieser Saison ähnlich. Beim 0:0 gegen den SC Paderborn strahlte Amiri wenig Präsenz aus, hatte allerdings Pech, dass Schiedsrichter Tobias Stieler ihm einen Strafstoß verweigerte. Beim 5:0 in Hamburg setzten andere Akteure die Akzente: Phillip Tietz und Sheraldo Becker allen voran. Aus dem enttäuschend verlaufenen und mit 1:3 verlorenen Duell mit der Frankfurter Eintracht blieb hauptsächlich sein verschossener Elfmeter beim Stand von 0:1 hängen. Beim jüngsten 4:3-Erfolg in Gladbach hingegen schwamm der 29-Jährige zwar über weite Strecken nur mit, war aber dennoch an zwei Toren maßgeblich beteiligt: Vor dem 3:2 dribbelte er über die linke Grundlinie und passte diagonal auf den am Strafraum lauernden Kaishu Sano, dessen Flanke Eric Martel einköpfte. Und das vierte Tor leitete Amiri mit einem Eckball ein, zwei Stationen später schloss Danny da Costa ab. Hinterher drehten sich die Diskussionen jedoch weniger um diese Szenen als um den Moment, in dem Amiri vor dem Strafstoß des Gladbachers Kevin Diks den Elfmeterpunkt mit den Stollen traktierte – Diks traf den Pfosten. Unter anderem Sky-Experte Dietmar Hamann forderte hinterher, den Mainzer für dieses Vergehen zu sperren. Ungeachtet dieser Unsportlichkeit war die Performance des WM-Teilnehmers – in Kanada und den USA hatte er beim mühsamen 2:1 der DFB-Elf gegen die Elfenbeinküste den Ausgleich durch Deniz Undav vorbereitet und im Elfmeterschießen gegen Paraguay getroffen – seine bislang beste Saisonleistung. Und doch kann sie nicht den Ansprüchen genügen, die er an sich selbst hat und die auch der Trainer und die Fans mit seinem Namen verbinden. Amiris Zusage in Mainz hatte Ekstase ausgelöst Nadiem Amiri als reiner Szenenspieler: Das wäre auf Dauer zu wenig für den Mann, dessen Ansage beim Fanabend während des Trainingslagers („Ich bleibe“) eine regelrechte Ekstase ausgelöst hatte. Es steht außer Frage, dass seine Fähigkeiten weit darüber hinausreichen. Als er im Januar 2024 vom späteren Meister und Pokalsieger Bayer Leverkusen zu den stark abstiegsgefährdeten Rheinhessen wechselte, schwang er sich zu einem Anführer auf, der seine Kollegen mitriss. In der vorigen Saison war er drauf und dran, Jonathan Burkardts noch frischen Vereinsrekord von 18 Ligatoren in einer Saison zu attackieren. Ohne eine mehrwöchige Ausfallzeit just in seiner treffsichersten Phase mit sieben Treffern binnen acht Partien hätte er den abgewanderten Kollegen überflügeln können. Am Ende standen zwölf Tore in der Liga (plus fünf Vorlagen), vier in der Conference League und eines im DFB-Pokal. Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass Amiri in den Wochen, in denen die international tätigen Rheinhessen national zum Abstiegskandidaten Nummer eins mutierten, in aller Regel mit der Mannschaft unterging. Bis zum Trainerwechsel von Bo Henriksen zu Urs Fischer auf der Doppelsechs eingesetzt, gelangen ihm in der Meisterschaft nur drei erfolgreiche Abschlüsse – allesamt vom Punkt. Als Anführer trat er kaum in Erscheinung. Das änderte sich wieder, als der neue Coach ihm die offensivere Rolle zuteilwerden ließ. Dieser Amiri, gierig statt genügsam, wäre für die Mainzer auch in der laufenden Runde sehr wertvoll. Und gewiss auch weiterhin ein heißer Kandidat für den ehemaligen 05-Trainer, in dessen Händen jetzt das Schicksal der deutschen Nationalmannschaft liegt.
