Drei Tage nach seiner Ernennung zum Obersten Führer ist Modschtaba Khamenei noch nicht in Erscheinung getreten. Es gibt von ihm weder eine Videobotschaft noch eine schriftliche Wortmeldung, geschweige denn einen öffentlichen Auftritt. Das könnte daran liegen, dass Khamenei bereits am ersten Kriegstag verwundet wurde. Die „New York Times“ berichtet unter Berufung auf iranische und israelische Regierungsquellen, er sei am Bein verletzt worden. Demnach soll er bei Bewusstsein sein und sich an einem sicheren Ort mit begrenzten Kommunikationsmöglichkeiten aufhalten. Laut der Nachrichtenagentur Reuters gehen israelische Geheimdienstmitarbeiter davon aus, dass Khamenei nur leicht verletzt ist. So hat es am Mittwoch auch der Sohn von Präsident Massud Peseschkian dargestellt. Schon am Montag hatte das Staatsfernsehen Khamenei als „Veteranen des Ramadan-Krieges“ bezeichnet. Daraufhin war der Sprecher des Außenministeriums gefragt worden, inwieweit Khameneis Gesundheitszustand ihm erlaube, seine Amtsgeschäfte aktuell zu führen. Esmail Baghaei wich der Frage aus. Er sagte lediglich, der „Führer“ sei offiziell ernannt worden. Damit sei der Prozess verfassungsgemäß abgeschlossen. Trumps Äußerungen beschleunigten den Auswahlprozess Die Botschaft, die mit der Ernennung Khameneis gesendet werden sollte, sei klar, sagte Baghaei. „Die, für die sie bestimmt war, haben sie bekommen.“ Der Sprecher schien damit Vermutungen zu bestätigen, wonach der Auswahlprozess beschleunigt wurde, nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump verlangt hatte, daran beteiligt zu werden und Khamenei als „inakzeptabel“ bezeichnet hatte. Außenminister Abbas Araghchi sagte in einem Interview mit dem Sender PBS, es sei „zu früh“ für den neuen Obersten Führer, sich zu äußern: „Wir warten alle auf seine Reden und Kommentare, die später kommen werden.“ Gerüchte über dessen Gesundheitszustand hatte es schon am ersten Kriegstag gegeben, an dem sein Vater, seine Mutter, seine Ehefrau und eines seiner Kinder getötet wurden. Um die Gerüchte zu zerstreuen, hatte die Nachrichtenagentur Mehr behauptet, Khamenei sei „bei voller Gesundheit“ und „beaufsichtigt wichtige nationale Angelegenheiten“. Ein Termin, an dem er nicht hätte fehlen können, wäre das Staatsbegräbnis seines Vaters gewesen. Es wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Zweifel an Khameneis Amtsfähigkeit, auch wegen seiner mangelnden Erreichbarkeit, werfen Fragen über den weiteren Verlauf des Krieges auf. Wer kann entscheiden, ob Iran einem Waffenstillstand zustimmt oder Verhandlungen mit der amerikanischen Regierung über ein Ende des Krieges führt? Vorerst hat Parlamentssprecher Mohammad-Bagher Ghalibaf es übernommen, einen Waffenstillstand öffentlich abzulehnen. Er schrieb am Dienstagabend auf der Plattform X: „Wir streben sicherlich keinen Waffenstillstand an. Wir glauben, der Aggressor muss bestraft werden und er muss eine Lektion erfahren, die ihn davon abhält, Iran wieder anzugreifen.“ Auch gehe es Iran darum, den von Israel bevorzugten Kreislauf aus Krieg, Waffenstillstand, Verhandlungen und Rückkehr zum Krieg zu durchbrechen. Iran will jeden Angriff vergelten Ghalibaf wies damit Trumps Äußerungen zurück, wonach er allein über den Zeitpunkt des Kriegsendes entscheide. Zudem kündigte er an, Iran werde „Auge um Auge“ jeden Angriff vergelten. So kündigte ein Militärsprecher am Mittwoch an, Iran werde Banken im Nahen Osten mit Verbindungen zu den USA und Israel angreifen, nachdem angeblich iranische Bankangestellte getötet worden seien. Ghalibaf ist nicht nur Parlamentssprecher. Er ist neben dem Vorsitzenden des Sicherheitsrats Ali Laridschani zum führenden Strippenzieher im iranischen Machtapparat aufgestiegen. „Sie sind beide nah am neuen Obersten Führer“, sagt der Iran-Fachmann Ali Vaez von der Denkfabrik International Crisis Group. Gemeinsam mit Hossein Taeb, einem früheren Geheimdienstchef der Revolutionsgarde, würden sie derzeit das Land und Irans Kriegsmaschinerie führen. Die drei Männer sind gemeint, wenn es in diesen Tagen heißt, die Revolutionsgarde habe seit dem Tod Ali Khameneis noch mehr Macht an sich gerissen. Ghalibaf und Laridschani sind frühere Kommandeure der Revolutionsgarde. Ihr Aufstieg sei auch dadurch begünstigt worden, dass Israel seit dem vergangenen Jahr etliche Führungsfiguren der Revolutionsgarde getötet habe, sagt Vaez. Während sich die iranische Führung nach außen unbeugsam zeigt, verstärkt Teheran die Repression nach innen. Offenbar fürchtet das Regime, dass es nach dem Ende der Kampfhandlungen zu neuen Protesten kommen könnte. Teherans Polizeichef Ahmad-Reza Radan sagte dem Staatsfernsehen: „Unser Finger ist am Abzug, um unsere Revolution zu verteidigen.“ Wenn jemand auf die Straße gehe, werde er nicht als Demonstrant, sondern als Feind betrachtet. Zehn Personen, die Fotos oder Videos an „Feindmedien“ geschickt hätten, seien festgenommen worden, hieß es am Mittwoch. Die Generalstaatsanwaltschaft gab bekannt, dass Vermögenswerte von Iranern, die in der Diaspora „mit dem Feind kooperieren“, beschlagnahmt würden. Aus Teheran ist zu hören, dass Basidsch-Milizen ihre Motorradpatrouillen sichtbar verstärkt hätten. Man habe den Eindruck, berichtet ein Augenzeuge, dass sie auf den Straßen herumlungerten, weil sie es nicht wagten, sich in ihren Stützpunkten aufzuhalten. Es gebe außerdem mehr Straßensperren und Fahrzeugkontrollen. Auffällig sei, dass die Regimekräfte sich nun häufiger vermummten. Womöglich sind auch sie sich nicht sicher, was die Zukunft bringt.
