Ja, Moment mal, ein so großes Thema, eines der größten – und ein so kurzes Büchlein? Nur knapp 100 Seiten über das Weinen? Wo schon manche der Unterkapitel Enzyklopädien versprechen, etwa „Eine Geschichte der Tränen schreiben“ oder „Tränen als Kommunikationsmittel“ – und dann haben diese Kapitel nur je zwei oder drei Seiten: Ist dieses Weinebüchlein ein Witz? Wenn man von hinten anfängt, etwa mit dem Kapitel „Lieder zum Weinen“, ist es wirklich einer. Denn das Kapitel umfasst auch kaum mehr als drei Seiten, und es zählt so wenige so abseitige Songs zum Thema auf, dass es wie eine Provokation wirkt: Teresa Präauer scheint damit vor allem ausdrücken zu wollen, dass sie alle Erwartungen zu unterlaufen gewillt ist. Immerhin erfährt man darin, dass Reinhard Meys Lied „Gute Nacht, Freunde“, obwohl es nicht von Weinen handelt, sie immer dazu bringt. Ein besonderer Whiskey Aber fangen wir vorne an, besser gesagt mit Vorgeschichte: Dass die 1979 in Linz Geborene als Schriftstellerin sich bisweilen eher kurz fasst, dafür spricht auf erfreuliche Weise ihr Buch „Kochen im falschen Jahrhundert“, das als Roman ausgewiesen ist, wobei es sich eigentlich eher um eine Theaterkomödie handelt. Daraus hätte man als Leser auch schon wissen können, dass sie das Thema Tränen eher lakonisch behandelt. Das Buch birgt nämlich eine Szene, in der die Figuren alle einen Whiskey namens „Writer’s Tears“ probieren (den gibt es wirklich, er stammt aus Irland), aber: „Dabei war keinem nach Weinen zumute, nicht einmal mehr der Gastgeberin.“ In etwa so lakonisch wirkt es auch, wenn die Autorin im vorliegenden Buch bekundet, früher habe sie gehofft, dass die Neigung zum Weinen mit dem Erwachsen- und Älterwerden abnehme, während sie selbst immer souveräner, abgeklärter, erfahrener werde. Natürlich ist es anders gekommen: „Ich weine im Kino, ich weine im Theater, ich weine bei Bachs ‚Matthäuspassion‘ im Konzerthaus. Ich weine am Telefon, ich weine in Zoom-Calls, ich weine in Italien am Strand. Ich weine bei Glück und Unglück, ich weine über die Schönheit eines Augenblicks, der bald vorüber sein wird. Ich weine beim Kofferpacken, beim Abreisen, bei Umarmungen zum Abschied. Ich weine auf Fotos, die ich in meinen Händen halte, auf Buchseiten, ins I-Pad.“ Was ist das Gefühl? Schnell wird deutlich, dass hier jemand spricht, der mehr als nur „nah am Wasser gebaut“ ist, eine Spezialistin für Tränen geradezu. Und die übt, wie man an den vorausgehenden Zitaten bereits merkt, einen durchaus analytischen und kühlen Blick auf sich selbst, was ihrem erklärten Versuch einer „Autobiographie des eigenen Weinens“ einen entschieden sachlichen, fast wissenschaftlichen Ton verleiht. Sie wolle dabei „über das rein Anekdotische“ hinausgehen, um das Weinen zu beschreiben „und seine Ursachen ein wenig besser zu verstehen“. Tatsächlich sammelt Präauer so manche Anekdoten, denen auch oft etwas Zufälliges anhaftet – der eine hat ihr dies erzählt, eine andere jenes, und alles hat irgendwie mit Weinen zu tun. Gelegentlich lockert sich der harte Panzer ihrer Tränenprosa und rutscht herunter, sodass sie schutzlos dasteht: „Der Anblick eines Babys rührt uns, weil alles weitergeht, auch wenn sich rundherum die Menschen die Köpfe einschlagen.“ Aber tatsächlich geht sie dann über Anekdoten hinaus und ans Eingemachte: In dem Kapitel „Was ist das Gefühl?“ kommt sie von einem Popsong der Neunzigerjahre über eine Etymologie der Emotion zu Agnes Hellers „Theorie der Gefühle“, zu den Überlegungen des Anthropologen und Psychotherapeuten Hannes Stubbe in dessen Werk „Formen der Trauer“ und schließlich zu Helmuth Plessners Studie „Lachen und Weinen“. Das ist also ein lustiges Namedropping, an dessen Ende auch ein Urteil gedroppt wird: Plessner sei nicht allzu gewinnbringend, zugleich „spekulativ und behauptend“ – heißt es behauptend, ohne weitere Begründung. Dessen Einschätzung, Weinen sei eine Art menschlichen Versagens, scheint die Schriftstellerin jedenfalls nicht zu teilen. Sie scheint eher mit dem sogenannten „affective turn“ verschiedener Wissenschaften zu sympathisieren, der im Extremfall sogar nahelegt, Rationalität und Emotionalität seien „nichts grundlegend Verschiedenes“. Wo bleibt das Erzählen im Flow des Aufzählens? Einmal warmgelaufen, gerät Präauer erst recht in den Flow des Aufzählens, es folgen Seite um Seite fußnotenhafter Befunde, die übergangslos aneinandergereiht wirken, ohne jeglichen Versuch, sie argumentativ oder auch nur stilistisch in Beziehung zu setzen: „Lessing formulierte eine Art ‚Mitleidspoetik‘ (1756) ...“, „Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky beschrieb ...“, „Burkhard Meyer-Sickendiek weist auf die Standesunterschiede im ‚emotionalen Habitus‘ hin …“. Schon klar, wir haben es beim vorliegenden Text ursprünglich mit einer Vorlesung zu tun, aber selbst Vorlesungen haben bisweilen deutlich mehr erzählerischen Charakter als das vorliegende Buch. Das erlaubt die Frage, warum es dann überhaupt in dieser Literaturbeilage aufgeführt wird. Die Antwort lautet, dass kurioserweise gerade in der Schroffheit des Stils, der Nüchternheit und der bloßen Aufzählung eine Art negative Literarizität zu liegen scheint: Es entsteht eine Form der Leerstellenprosa, rezeptionsästhetisch zu füllen vom Leser mit seiner je eigenen Tränenbiographie. Nennen wir es eine Art des „nature writing“, das uns ansonsten schon zu den Ohren herauskommt, aber hier Triftigkeit erlangt. Das erklärte Ziel, das sich aus all diesen kulturgeschichtlichen Befunden zu Tränendarstellung und Trauerritualen ableitet und im Titel des Buches steht, „Nie mehr weinen“, ist natürlich ebenfalls ein Witz. Die Autorin weiß es selbst – und räumt es mit einer Verbeugung vor Friederike Mayröcker ein: „… ich habe ja erst angefangen zu schauen zu sprechen zu schreiben zu weinen“. Teresa Präauer: „Nie mehr weinen“. Tränenkunde für Fortgeschrittene. Residenz Verlag, Wien 2026. 110 S., br., 20,– €.
