FAZ 16.09.2026
14:11 Uhr

Nutzfahrzeugmesse Hannover: Autoindustrie äußert harsche Kritik an Brüssel


„Wer Geschwindigkeit von der Industrie verlangt, muss selber liefern“, fordert die Leitbranche in Hannover. Strafzahlungen für die Nichteinhaltung der CO₂-Regeln wegen mangelnder Infrastruktur lehnt sie ab.

Nutzfahrzeugmesse Hannover: Autoindustrie äußert harsche Kritik an Brüssel

Die Präsidentin des Verbandes der deutschen Automobilindustrie, Hildegard Müller, hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf der Nutzfahrzeugmesse IAA Transportation in Hannover verbal angegriffen. Die EU habe für schwere Nutzfahrzeuge und die Unternehmen der Automobilindustrie, die weltweit ambitioniertesten CO₂-Ziele beschlossen, aber sie komme ihrer Verantwortung nicht nach, die Voraussetzungen für das Erreichen der Ziele zu schaffen. „Das ist keine konsistente Transformationspolitik“, sagte Müller. „Es ist unverständlich, dass sich die Brüsseler Institutionen einer Analyse der Umstände verweigern.“ Der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) verlange weiterhin, die von Brüssel eigentlich erst für Ende 2027 geplante Überprüfung der CO₂-Ziele für schwere Lkw vorzuziehen. „Nur wer die Realität akzeptiert, kann die dringend notwendigen Anpassungen ermöglichen“, sagte Müller. Sie verlangt, dass die CO₂-Flottenziele für die Nutzfahrzeuge auf die Möglichkeiten der Umsetzung und auf ihre Wirksamkeit untersucht werden. Die EU hat der Nutzfahrzeugbranche auferlegt, bis zum Jahr 2030 die CO₂-Emissionen ihrer neu verkauften Lkw-Flotte um 43 Prozent zu senken, indem sie hohe Anteile von Elektro-Lkw verkauft. Falls dieses Ziel nicht erreicht wird, drohen Milliardenstrafen für die Hersteller. Die stellen auf der Nutzfahrzeugmesse in Hannover breite Modellpaletten von batterieelektrischen Lkw aus. Sie sind aber ebenso wie der VDA erbost darüber, dass der Verkauf der Elektro-Lkw stockt, weil die Lademöglichkeiten für die Lkw bisher sehr spärlich sind. Hersteller wollen nicht für Lücken der Infrastruktur büßen Der Anteil der batterieelektrischen Lkw an den EU-Neuzulassungen für schwere Nutzfahrzeuge betrug deshalb im ersten Halbjahr 2026 nur 4,8 Prozent. „Obwohl die Produkte auf dem Markt sind, sollen die Hersteller für die mangelnde Nachfrage bestraft werden, obwohl ihre Ursache in fehlenden Rahmenbedingungen begründet ist“, beklagte Müller. „Wer Geschwindigkeit von der Industrie verlangt, muss selber liefern, und dies ganz besonders bei der Infrastruktur“, sagte die VDA-Präsidentin. „Wir können keine Verantwortung für das Nichthandeln anderer übernehmen. Strafzahlungen für Umstände, die wir nicht zu verantworten haben, lehnen wir entschieden ab.“ „Brüssel tut nichts für die Wettbewerbsfähigkeit“ Die Schlussfolgerung der VDA-Präsidentin für die EU lautet, dass gegenüber den Mitgliedsländern die Zielsetzungen für den Ausbau der Ladeinfrastruktur, aber auch für die Möglichkeiten zum Betanken von Wasserstoff-Lkw deutlich verbessert werden müssten. „Europa braucht verbindlichere Ausbaupfade“, verlangte Müller. Ein weiterer Grund für Kritik der VDA-Präsidentin ist der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit am Standort Deutschland. „Brüssel spricht viel über Wettbewerbsfähigkeit, tut aber wenig dafür“, kritisierte Müller. Hersteller wie Zulieferer bewege die Frage, ob und wo sie investieren könnten. Die aktuellen Herausforderungen und die daraus resultierenden – auch harten – Entscheidungen dürften nicht allein bei den Unternehmen hängen bleiben. „Wir haben früh auf die Folgen für die Beschäftigung hingewiesen, nun können sich Politik und Gewerkschaften nicht einfach davonstehlen.“ Forderungen an die EU-Kommissionspräsidentin Verglichen mit den harten Tönen der VDA-Präsidentin zeigte sich der neue Verkehrsminister Steffen Bilger geradezu versöhnlich. Die Bundesregierung wolle bis 2030 rund 170 Milliarden Euro in den Erhalt und Ausbau der Infrastruktur investieren. Dazu gehörten auch 4200 Ladesäulen an 350 Standorten. Um den Hochlauf des Elektroantriebs auch für den Gütertransport zu begünstigen, gebe es auch eine Förderung zum Bau von Ladestationen in den Betriebshöfen der Transportunternehmen. Auch andere Länder müssten beim Ausbau der Ladeinfrastruktur nachziehen, sagte Bilger. Aus Sicht des Bundesverkehrsministers ist allerdings nicht nur Ladeinfrastruktur nötig, sondern auch ein dichtes Netz an Wasserstofftankstellen sowie Technologieoffenheit gegenüber klimaneutralen E-Fuels. Jede Technik müsse ihren Beitrag zur Klimaneutralität leisten können. Auch die überlangen, 60 Meter langen Lkw könnten einen Beitrag zur Senkung von Emissionen des Gütertransportes leisten. Die Experimentierphase für diese Lkw werde daher bis zum Jahr 2033 verlängert.