FAZ 03.08.2026
14:46 Uhr

Proteste in Indien: „Lang lebe die Revolution“


Die jungen Inder der „Kakerlaken“-Bewegung haben einige Siege errungen. Aber sie klagen über uneingelöste Versprechen und drohen mit einer Wiederholung der Proteste.

Proteste in Indien: „Lang lebe die Revolution“

Der Rapper Garam Kalakar ist eine bekannte Stimme der indischen „Kakerlaken“, die mit ihren jüngsten Protesten das Land in Aufregung versetzt haben. Er hat gerade ein neues Lied fertig eingesungen, als er auf einem Sofa in seinem Studio Platz nimmt. An der Wand hinter ihm ist während des Videotelefonats die Studioverkleidung zu sehen. „Wir haben gerade die Siegeshymne aufgenommen, und sie wird in einer halben Stunde veröffentlicht“, sagt der Musiker, der mit bürgerlichem Namen Vinod Waghade heißt. Mit dem Lied „Inquilab Zindabad“ („Lang lebe die Revolution“), feiert er den „Sieg“ der indischen Studentenproteste. Nach wochenlangen Kundgebungen hatte die Regierung ihre Forderungen erfüllt. Unter anderem erklärte der Bildungsminister seinen Rücktritt. Ministerpräsident Narendra Modi versprach eine Reform des umstrittenen öffentlichen Prüfungssystems. Auch wenn er nicht selbst in Neu Delhi auf der Straße dabei war, hat Waghade zu diesem Erfolg beigetragen. Eines seiner Lieder hatte auf Instagram sogar 4,6 Millionen Abrufe gesammelt. Darin geht es um das rabiate Vorgehen der Polizei gegen einen Protestmarsch in der Hauptstadt am 20. Juli. „Ich sah, wie die Leidenschaft bei den Studenten überkochte / Ich sah Blut an der Polizei von Delhi“, heißt es darin. Die Bewegung hatte sich zusammengefunden, nachdem Indiens Oberster Richter Surya Kant bei einer Anhörung jugendliche Aktivisten mit „Kakerlaken“ und „Parasiten“ verglichen hatte – wie er später klarstellte, meinte er allerdings nur diejenigen mit gefälschten Abschlüssen. Doch da hatte sich die junge Internetgemeinde schon auf selbstironische Weise in Memes und Parodien mit dem Symbol Küchenschabe identifiziert. Die satirische Cockroach Janta Party (CJP) erreichte bald 23 Millionen Follower auf Instagram. Ende Juni begannen die Proteste. Das Ausmaß war zunächst überschaubar. Aber dann wuchsen sie sich zur wohl größten politischen Herausforderung für die Modi-Regierung in zwölf Jahren aus. An manchen Orten werden weiter Demonstranten festgenommen Rund eine Woche nach dem Ende der Proteste beschäftigt die Bewegung Indien weiter. Trotz der zuvor gemachten Zusagen habe die Regierung einige Forderungen der „Kakerlaken“ noch nicht erfüllt. Der CJP-Gründer Abhijeet Dipke droht sogar damit, dass die Jugend ihre Proteste wieder aufnehme, wenn die Regierung die Einigung nicht in die Realität umsetze. Dabei geht es in erster Linie um das Versprechen der Regierung, alle Ermittlungen gegen Demonstrationsteilnehmer einzustellen. In manchen Bundesstaaten soll dies bereits geschehen sein. Zudem ordnete das höchste Gericht die Freilassung von Minderjährigen an, die wegen ihrer Beteiligung am Protest festgenommen wurden. In einigen Bundesstaaten werden den Berichten nach aber weiterhin Demonstrationsteilnehmer festgehalten. Darüber hinaus geht es um Vorwürfe, wonach die Polizei bei ihrem Vorgehen in Neu Delhi unverhältnismäßige Gewalt eingesetzt habe. „Sie haben mit Langstöcken auf die Studenten eingeschlagen, nicht nur auf die Knie, auch auf den Kopf, auf die Schultern, überall“, empört sich der Rapper Waghade. Im Bundesstaat Bihar wurde ein Polizist einer paramilitärischen Einheit suspendiert, weil er bei einem Protest mit einer AK-47 in die Luft geschossen hatte. Darüber hinaus sollen Sicherheitskräfte in Einzelfällen mit Schrot auf Demonstranten gefeuert haben. Dabei geht es um sogenannte Pellet-Munition, die aus regulären Schrotflinten geschossen wird und mit der Menschenansammlungen unter Kontrolle gebracht werden sollen. Diese Munition verursacht in der Regel nur kleine Verletzungen, durch die hohe Streuung lässt sie sich aber nur bedingt gezielt einsetzen. Wenn etwa die Augen getroffen werden, kann dies zu vorübergehender oder sogar permanenter Erblindung führen. Der Einsatz solcher Pellets hatte im Jahr 2016 für Empörung gesorgt, nachdem im Zuge von Protesten in der Unruheregion Kaschmir Hunderte Demonstranten teilweise schwer an den Augen verletzt worden waren. Nun sind sie zum ersten Mal auch in der Hauptstadt Neu Delhi zum Einsatz gekommen. Dabei wurden der indischen Presse zufolge mindestens drei Menschen verletzt. Einer von ihnen wird demnach möglicherweise auf dem rechten Auge nie wieder sehen können. Gesetzesverschärfung sieht strengere Strafen bei Prüfungsbetrug vor CJP-Gründer Dipke verurteilt den Einsatz von Schrot gegen Demonstranten. Diese seien „keine Terroristen“, sagte er laut indischer Zeitung „The Hindu“. Die Verantwortlichen sollten dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Dazu gehöre möglicherweise auch der mächtige Innenminister Amit Shah, einer der engsten Verbündeten von Ministerpräsident Modi. Auch Oppositionsführer Rahul Gandhi hat bereits Shahs Rücktritt gefordert. Zudem verlangen einige der Betroffenen in einer Petition das Verbot des Einsatzes von Schrot gegen Demonstranten. Ebenfalls im Fokus des Interesses liegt nun das Versprechen der Regierung, das von der Protestbewegung kritisierte öffentliche Prüfungssystem zu reformieren. Hauptanlass für die Proteste war ein Skandal bei den Aufnahmeprüfungen für medizinische Hochschulen (NEET), an dem jedes Jahr mehr als zwei Millionen Menschen teilnehmen. Die im Mai abgehaltenen Prüfungen mussten wiederholt werden, weil einige der Aufgaben in einem im Voraus zirkulierten Papier aufgetaucht waren. Mehr als 20 Studenten hatten sich der indischen Presse nach in der Folge das Leben genommen. Bei der Reform dieses Systems hat die Regierung bereits ein paar Fortschritte gemacht. Modi hat eine Expertenkommission unter dem Vorsitz von Nandan Nilekani, dem Mitgründer des Technologieunternehmens Infosys eingesetzt. Sie soll einen Plan entwerfen, mit dem die Prüfungen mittels Digitalisierung sicherer gemacht werden können. Zudem wird eine Gesetzesverschärfung im Parlament verhandelt. Sie sieht strengere Haftstrafen und hohe Geldbußen für Betrugsfälle im Prüfungssystem vor. Modi wendet sich im Instagram-Stil an die Jugend Die Regierung hat zudem gemerkt, dass sie mehr mit den Angehörigen der Generation Z in den Dialog treten muss. In den vergangenen Tagen sind mehrere Videos mit einem betont jugendlichen Zuschnitt aufgetaucht. Modi hat sich bereits mehrfach in offenkundig mit einem Handy aufgenommenen Reels an die indische Jugend gerichtet – anstatt sich wie sonst in perfekt ausgeleuchteten und ausformulierten Fernsehansprachen an das Volk zu wenden. Gleichzeitig gehen die Behörden aber auch gegen kritische Inhalte in den sozialen Medien vor. So rief die Polizei in Neu Delhi die Plattform X auf, Posts mit „beleidigenden und rufschädigenden“ Inhalten zu staatlichen Institutionen und Ministerpräsident Modi zu löschen. Für die Protestjugend ist nicht zuletzt Instagram zu dem öffentlichen Ort geworden, an dem sie ihren Widerstand und ihre Unzufriedenheit ausdrückt. Dazu gehören auch die Videos des Rappers Waghade. Sie zeigen ihn meist in seinem Studio, mit einer an der Stirn in die Höhe gestylten Frisur, Sonnenbrille und expressiver Handgestik an einem Mikrofon. „Ich nutze Musik als Mittel, um Aufmerksamkeit zu wecken und den Anliegen der Menschen eine Stimme zu geben“, sagt er. Ihm zufolge wird Indiens Jugend nach ihrem Sieg nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Die jüngsten Proteste waren ihm zufolge „nur der Anfang“. Die jüngsten Warnungen der CJP an die Regierung scheinen diese Einschätzung zu bestätigen.