Dior: Erinnerung an eine Stilikone Rihanna ist da, Rosalía ist da, Camille Cottin ist da, so weit, so fast schon üblich für eine Dior-Schau. Aber die Frau, die verantwortlich dafür war, dass all diese Stars auch kommen, fehlt heute. Im August ist Mathilde Favier, die langjährige Kommunikationschefin von Dior, bei einem schweren Autounfall tödlich verunglückt. Diese Kollektion widmet Kreativdirektor Jonathan Anderson ihr und ihrem Look, mit dem sie über Dior hinaus zu den Pariser Stilikonen gehörte. Hemd- und Jackenstoffe sind so leicht, dass man sie krempeln und knoten kann, die Röcke sind plissiert, drapiert und locker unterfüttert, sodass sie zu schweben scheinen. Favier galt als besonders lebensfroher Mensch, stets dekoriert mit Schmuck am Körper und hier und da einem Muster auf den Kleidern. Auch die Dior-Frauen tragen jetzt bei ihrem Marsch übers Wasser in den Tuilerien Blumen auf den Röcken, Fransen an den Taschen, schulterlange Ohrringe und Ketten, die wie zufällig fallen. Nur das breite Lachen, ein Markenzeichen von Favier, können sie nicht einfach anziehen. Saint Laurent: Viel Gold, das glänzt Auf Social Media wird schon länger über mögliche Designerwechsel spekuliert, da kann man sich an dieser Stelle getrost auf die Gegenwart konzentrieren. Und an diesem Dienstagabend, so viel steht fest, ist Anthony Vaccarello Kreativdirektor bei Saint Laurent und zeigt, wie viel er aus seinem bewährten Konzept einer Ein-bis-zwei-Ideen-Kollektion herausholen kann. Dieses Mal ist es die Farbe Gold. Die Saint-Laurent-Uniform besteht somit aus Bomberjacken, Trenchcoats, Mikro-Jacken, Safarijacken, jede davon aufwendig in der Oberflächenbearbeitung, dazu meist einem Rock, mal einer Hose, häufig einer am Nacken geknoteten Schluppe, aus der dann eine den Boden streifende Schleppe wird, im Hintergrund der glitzernde Eiffelturm, ein Saint-Laurent-Schauen-Merkmal. Kann man sich so von einem Haus nach zehn Jahren verabschieden? Nein! Daher folgt auf Gold noch ein zweiter, kürzerer Akt in Schwarz. Aber auch das reicht nicht. Am Ende singt Charlotte Gainsbourg, auf dem Laufsteg, unter den goldenen Kronleuchtern. Ihr Lied: „You are so much Yves Saint Laurent“. Dries Van Noten: Der Look der Filmstars nach Drehschluss Die neue, leichtere Ära, die Julian Klausner bei Dries Van Noten eingeläutet hat, bricht gerade erst an. Aber über den Sternen- und Flamingomotiven sitzen jetzt Strickjacken, Broschen, Karo- und Blümchenmuster, Strickwesten und Perlenketten. Glamour sei das Stichwort gewesen, sagt Klausner nach der Schau, und damit verbunden auch der Look der Filmstars in den Fünfzigerjahren. Hier wird aus dem Stoff, an dem seine fiktiven Figuren drehen, buchstäblicher Stoff, nämlich abstrakte Filmplakate als Motive auf den Kleidern. Damit ist Klausner dann doch modisch woanders, als der Gründer Dries Van Noten es war, der zugleich physisch anwesend ist und von Reihe eins aus zuschaut. Acne Studios: 30 Jahre und älter Bei Acne Studios sehen die Schößchentops und reifrockähnlichen Modelle aus, als wären sie deutlich älter als die 30 Jahre, die das Unternehmen jetzt feiert. So viel Stoff könnte gegensätzlicher nicht sein zu dem Produkt, mit dem Acne Studios sich – damals noch einfach Acne genannt – zuerst einen Namen machte: der Skinny Jeans. Aber halt, auch Jeans kommen zum Jubiläum vor, sogar in der ganz schmalen Variante. Sie sind nur häufig unter den ausladenden Röcken, die an viktorianische Verhältnisse erinnern, geschichtet, gehören aber längst zur Modegeschichte. Kate Moss und Topshop sei Dank. Und Acne Studios. Vaquera: Hier ist alles erlaubt Im Innenhof vor dem Schauentheater hängt Zigarettenrauch. Auf dem Laufsteg wird der Zigarettenhalter dann zum Accessoire. Damit ist schon klar, dass es sich bei Vaquera kaum um eine LVMH- oder Kering-Marke handelt, bei der die Vision eines Designers zum Image einer Marke passen muss und das Ergebnis manchmal arg gezwungen wirkt. Das kann man von Vaquera, der Marke von Patric DiCaprio und Bryn Taubensee, nun wirklich nicht sagen. Hier herrscht größte Freiheit im Spiel mit den Referenzen: Zigarettenhalter und Nullerjahre-Täschchen, Brautkleider und BH-Tops, Grande-Dame-Hüte und hoch sitzende lockere Jeans. Da gehören neben Vaquera-Teilen auch Crocs-Schuhe und Mykita-Brillen auf den Vaquera-Laufsteg, und die Designer singen zum Finale im Duo wie Sonny & Cher – „I got you babe“. Courrèges: Seine Go-go-Boots für 2027 Nicolas Di Felice geht, Drew Henry kommt. Aber mit Di Felice gehen auch die zum Teil grenzüberschreitenden Ideen. Man kann förmlich hören, wie Marie Leblanc, CEO von Courrèges, dem ehemaligen Design-Direktor von Burberry gut zugesprochen hat, jetzt da Courrèges begehrt sei, müsse er an die Verkäufe denken. Also setzt Henry zum Debüt auf plakative Logos und die Erinnerung an das Courrèges von anno dazumal. Die vielen A-Linien-Kleider und die Plastikschmuck-Teile wirken allerdings nicht originell, selbst dann nicht, wenn Männer sie tragen. Anders die Go-go-Boots und ihre vielen Enkelinnen-Modelle, die Henry hier auflegt. Die Archive sind gefüllt, Henry muss sie nur richtig nutzen. Carven: Deutscher als italienisch Dafür, dass Kai Nesselrath, der in Rom als Sohn deutscher Kunstgeschichtler aufwuchs, einem Interview im Fachmedium „Women’s Wear Daily“ zufolge in seiner Kindheit widerwillig in jede Kirche mitgeschleppt wurde, ist die Wahl für sein Debüt bei Carven, der bis dato wohl wichtigsten Schau seines Lebens, überraschend: Es ist eine ehemalige Kirche. Nesselrath würdigt mit dieser ersten Kollektion aber vor allem die Mutter des Hauses Carven. „Sie war eine richtige Macherin“, sagt er nach der Schau. Marie-Louise Carven baute ihr Haus mit der gleichen Art von simpler Prêt-à-porter-Mode auf, die sie selbst trug und mit der Kai Nesselrath nun einsteigt: Kostüme aus Miniröcken und kastigen ärmellosen Oberteilen. Bleistifte setzt er als Schmuckstücke hinter die Ohren der Models und in die Taschen ihrer Hemdblusen. Nichts soll gezwungen wirken, selbst Maxikleider sind deshalb am Rücken sowohl tief als auch hoch geschlitzt. Trotzdem wirkt das Gesamtbild recht schlicht, deutscher als italienisch. Um sich mit Carven am Markt zwischen Hunderten anderen zu behaupten, braucht Nesselrath in Zukunft sicher ein paar mehr Ideen, die Frauen intuitiv ansprechen. Chloé: Kleider, wie die Welt sie noch nicht gesehen hat Kleider, die mehr zeigen als verhüllen, heißen Naked Dresses, klar. Aber wie nennt sich ein Kleid, mit so vielen Stofflagen von der Hüfte abwärts, dass es den Königinnen im 18. Jahrhundert gefallen hätte, das aber obenrum wie gemacht ist für die Auftritte der Gegenwart, von Musikerinnen wie Sabrina Carpenter, indem es vor allem aus Wäsche besteht? Chemena Kamali dekoriert ihr Chloé nicht nur, sie experimentiert auch mit ganzen Kategorien, indem sie eben – nennen wir sie – Half-Naked-Full-Skirted-Dresses auflegt, Luxusregencapes über den Laufsteg schickt, dazu Fischerhüte mit Schleppen statt Krempen, wie die Welt sie noch nicht gesehen hat. Und damit auch die Bühnen, auf denen sich insbesondere diese Kleider demnächst gut machen würden. Balenciaga: Zwischen den Welten Das Vermächtnis, das Cristóbal Balenciaga bei dem von ihm 1937 eröffneten und 1968 geschlossenen Couture-Haus Balenciaga hinterlassen hat, ist gewaltig. Das Vermächtnis von Demna, von 2015 bis 2025 als Kreativdirektor dort tätig, ist es allerdings auch. Pierpaolo Piccioli, einer der besten Designer der Welt, wird noch immer von dieser jüngeren Vergangenheit heimgesucht, ist aber allmählich dabei, sich zu finden. Denn hier treffen der Streetwear-Touch seines Vorgängers auf das Spiel mit Volumen und Proportionen des Gründers. Auf den Capes und Mänteln sitzen also aufgesetzte Reißverschluss-Taschen, wie man sie von Bomberjacken kennt, umgekehrt tragen die Cargohosen Schößchen. Die beste Idee ist allerdings ein XL-Kummerbund, mal über dem Anzug, mal zum Oberteil geknotet. Pierpaolo Picciolo ist schon dabei, an seinem Vermächtnis zu arbeiten. Isabel Marant: Wo bleibt der Freiheitsdrang? Da sitzt man am Donnerstagabend im Hof des Palais Royal, und eigentlich ist alles wie immer. Es ist Isabel Marants Stammplatz für Schauen, und es ziehen vorbei: Häkelwesten, Mikroshorts, Paisleymuster, Jumpsuits. Aber etwas ist doch anders: Die gewisse Energie, der Funke von Freiheitsdrang, der mit dieser Inszenierung eigentlich zuverlässig überspringt, fehlt jetzt. Kim Bekker, die schon lange Zeit an Isabel Marants Seite arbeitet, hat vor einem Jahr von ihr übernommen und macht da weiter, wo die Gründerin aufgehört hat. Vielleicht sollte sie das bewährte Konzept doch mal überdenken. Schiaparelli: Ihr Schuh-Hut ist sein Schuh-Ohrring Kein Designer vor ihm hat Elsa Schiaparelli besser verstanden, denn Daniel Roseberry dreht auf, wenn aus Mode Kunst werden soll. Dieses Mal denkt Roseberry an die geschwungenen Vorhänge in Schiaparellis Atelier und setzt ebensolche sanften Rüschen in eine Serie kleiner Schwarzer. Die Naked Dresses, noch immer ein Bühnentrend – siehe Chloé –, sind derweil ein klarer Fall für ein Trompe-l’Œil, denn hier spielt ihr Macher nur mit der Illusion von Nacktheit. Überhaupt, das Spiel: Obst und Gemüse tauchen als Motive auf Taschen auf, High Heels hängen von den Ohrläppchen herab. Der Schuh-Hut der Gründerin von damals ist der Schuh-Schmuck des Nachfolgers von heute.
