Die Rewe-Gruppe baut ihr E-Food-Angebot weiter aus. In Zusammenarbeit mit drei bekannten Lieferplattformen – Uber Eats, Wolt und Lieferando – will der Handelskonzern, der 2012 als erster Anbieter in Deutschland in die Onlinebestellung für Lebensmittel eingestiegen ist, Bestellungen innerhalb einer Stunde zum Kunden bringen. Erstmals bietet Rewe die Sofortlieferung von diesem Dienstag an in vier Städten an: Frankfurt, Köln, Hamburg und Jena. In Frankfurt laufen Bestellung und Auslieferung zum Start über den Lieferplattform-Partner Uber Eats, in Köln über Wolt und in Hamburg und Jena über Lieferando. Bis Endes des Jahres sollen der Rewe-Sofortlieferservice auf weitere Großstädte ausgedehnt werden, langfristig auch auf kleine und mittelgroße Städte, wie Clemens Bauer, Leiter des E-Food-Geschäfts, im Gespräch mit der F.A.Z. erläutert. Er sieht in der Schnelllieferung, die in den Corona-Jahren einen Hype erlebte, sich dann aber für eine Reihe von Anbietern, etwa Gorillas und Getir, als wirtschaftlich nicht tragbar erwies – ein „Wachstumsfeld“, vor allem bei jüngeren Kunden. „Aus unserer Sicht hat die junge Generation ein völlig anderes Serviceverständnis. Sie fordert Schnelligkeit und dauerhafte Verfügbarkeit.“ Diesen Wunsch nach Bequemlichkeit dürfe man nicht unterschätzen. „In Deutschland sind wir in dieser Hinsicht fast noch ein bisschen altmodisch“, sagt Bauer. Andere Länder in Europa seien viel weiter. Der E-Food-Chef nennt Marktanteile von 10 bis 15 Prozent, die der E-Commerce in Ländern wie Frankreich und Großbritannien bereits am Lebensmittelmarkt ausmachten. In Deutschland sind es bisher vier Prozent. In Frankfurt und 39 weiteren Städten können Kunden über die Lieferando-App bisher schon Lebensmittel mit kurzen Lieferfristen nach Hause bestellen. Rewe Express heißt das Angebot, bei dem der Lieferdienst Flink die Warenkörbe in eigenen Lagerräumen füllt oder pickt, wie es in der Branche heißt. Rewe hält eine Beteiligung an Flink. Das Sortiment ist aber deutlich kleiner, wie Bauer deutlich macht. Beim neuen Angebot über die Uber-App werden die Bestellungen in den Rewe-Märkten kommissioniert. Gorillas und Co.: Nach dem Hype folgte die Ernüchterung 5000 bis 9000 Artikel, unter diesen viel frisches Obst, Gemüse, Tiefkühl- und Fertiggerichte, stehen zur Auswahl. Geliefert werden soll innerhalb von 45 bis 60 Minuten und im gesamten Stadtgebiet. Die Konditionen bestimmt der Lieferdienst. Nach Angaben von Moritz Bernhard, Manager des Retail-Geschäfts bei Uber Eats, liefern die Partnerunternehmen sowohl mit dem Fahrrad als auch mit dem Auto. Als Liefergebühr nennt er, abhängig von der Entfernung, 99 Cent bis zu drei, vier Euro. Bei einer Mitgliedschaft entfällt die Servicegebühr. Der Lieferdienst ist in Deutschland nach eigenen Angaben bereits in mehr als 150 Städten vertreten und liefert neben Essen aus Restaurants auch Artikel des täglichen Bedarfs. Der Schnelllieferung werden, nachdem sich der Markt konsolidiert hat, inzwischen durchaus wieder Chancen eingeräumt. Auch weil sich das Geschäftsmodell verändert hat. Mindestbestellwerte und Lieferzeiten, die nicht mehr so ambitioniert sind wie anfangs, als 10 bis 20 Minuten versprochen wurden, ermöglichten eine bessere Planung, heißt es in Branchenforen. Statt eigene, teure Minilager zu unterhalten, setzten die Dienste auf die Kooperation mit dem traditionellen Einzelhandel. Auch bei Rewe verweist man auf eine „starke Basis“, auf der sich Prozesse „schnell adaptieren und skalieren“ ließen. Damit spricht Rewe das Abholgeschäft an. Neben der klassischen Lieferung mit Rewe-Fahrzeugen, bei der 12.000 bis 15.000 Artikel für Onlinekunden im Angebot sind, die mit Vorlauf Lieferzeitfenster buchen, gibt es auch die Möglichkeit, Lebensmittel zu bestellen und selbst abzuholen. Das ist in 2200 Märkten möglich. „Rewe hat die Infrastruktur an den Märkten“, sagt Bauer. Er schließe aber nicht aus, dass Bestellungen bei großer Nachfrage künftig auch aus sogenannten Darkstores heraus, wie die Warenlager der Lieferdienste bezeichnet werden, geliefert werden. E-Food ist ein herausforderndes Geschäft, mit dem die namhaften Anbieter – außer Rewe auch Picnic und Knuspr – bisher kein Geld verdienen. Von der „Champions League“ spricht Bauer. „Das muss man können und wollen.“ Schärfster Konkurrent ist Picnic aus den Niederlanden, an dem Edeka beteiligt ist. Als ein Erfolgsbaustein neben der Automatisierung der Lagerlogistik gilt, dass Picnic nur feste Routen fährt und die Fahrzeuge dadurch besser auslasten kann. Picnic möchte Rewe die Marktführerschaft in Deutschland streitig machen. Das Start-up, das 2018 auf den deutschen Markt getreten ist und sich mit der Lebensmittellieferung zunächst auf Nordrhein-Westfalen konzentrierte, ist inzwischen nach eigenen Angaben in allen großen Kommunen vertreten und hat im vergangenen Jahr mit 774 Millionen Euro fast ein Drittel mehr umgesetzt als im Vorjahr. Auf dem Heimatmarkt, in den Niederlanden, arbeitet Picnic bereits profitabel, für dieses Jahr will der Lieferdienst die schwarze Null auch in Deutschland schaffen. Rewe bietet seinen Lieferdienst in rund 90 Städten an, nennt traditionell aber keine Geschäftszahlen. Immerhin so viel verrät der E-Commerce-Chef: „Wir wachsen jedes Jahr deutlich zweistellig, und das schon seit einiger Zeit. Beim klassischen Liefergeschäft werden wir in diesem Jahr erstmals eine operative Profitabilität erreichen.“ Anders als viele seiner Mitbewerber, die in der Automatisierung der Lagerlogistik den Schlüssel zum Geldverdienen sehen, favorisiert Rewe laut Bauer eher kleinere anstatt große, zentrale Standorte mit langen Lieferwegen. „Wir wollen nah bei den Kunden sein.“
