FAZ 10.03.2026
14:34 Uhr

Raketenengpässe der USA: Wie der Irankrieg die Verteidigung Südkoreas und Taiwans schwächt


Die USA verlegen Flugabwehrsysteme von Asien in den Nahen Osten. Gleichzeitig bleibt die Bedrohung aus China und Nordkorea bestehen.

Raketenengpässe der USA: Wie der Irankrieg die Verteidigung Südkoreas und Taiwans schwächt

Während China sein Raketenarsenal massiv aufstockt und den Rüstungshaushalt gerade um sieben Prozent erhöht hat, müssen die Regierungen in Seoul und Taipeh zusehen, wie die USA Flugabwehr aus Asien abziehen. Wohl nur vorübergehend. Doch schon das Wiederauffüllen der Arsenale dürfte lange dauern. Zudem wird erwartet, dass sich vereinbarte amerikanische Lieferungen von Abwehrraketen angesichts der ohnehin bestehenden Kapazitätsengpässe weiter verzögern. „Je nachdem, wie sich die Situation entwickelt, kann das amerikanische Militär gemäß seiner Bedürfnisse bestimmte Luftverteidigungssysteme verlegen“, sagte Südkoreas Präsident Lee Jae-myung am Dienstag im Kabinett. „Obwohl wir uns dagegen ausgesprochen haben, ist unbestreitbar, dass unsere Position nicht ganz umgesetzt werden kann“, formulierte der Präsident vorsichtig in Seoul. Zuvor hatte es in Südkorea Berichte über schwere US-Transportflugzeuge gegeben, die Material aus Südkorea ausflogen. Lee beschwichtigte jetzt, selbst wenn das amerikanische Militär wegen des Irankriegs Luftverteidigungssysteme aus Südkorea abziehen sollte, werde dies die Fähigkeit seines Landes, sich gegen Nordkorea zu verteidigen, „nicht ernsthaft“ beeinträchtigen. Mittelfristig aber verzögert der Irankrieg zumindest den Ausbau westlicher Luftverteidigung in Asien. „Raketenbau hat beträchtliche Vorlaufzeit“ Nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ hatten die USA bereits im Zwölftagekrieg vergangenen Sommer zwei THAAD-Flugabwehrsysteme gegen ballistische Raketen von Südkorea nach Israel verlegt. Diese feuerten dort mehr als 150 Abwehrraketen gegen iranische Geschosse ab. Das war fast ein Viertel aller jemals vom Pentagon beschafften Abfangraketen. Die amerikanische Jahresproduktion von THAAD-Geschossen soll zuletzt bei rund hundert gelegen haben. Im Januar schloss das Pentagon Verträge über die Ausweitung der heimischen Produktion ab. Südkoreanische Medien berichteten jetzt zudem von Patriot-Flugabwehrsystemen, die aus Korea verlegt worden seien. Die mit gut 28.000 Soldaten in Südkorea stationierten amerikanischen Streitkräfte unterhalten auf der Halbinsel zwei Patriot-Bataillone. Während diese Einheiten nach einem Kriegsende im Nahen Osten rasch wieder nach Asien verlegt werden können, dürfte es lange dauern, die erschöpften Bestände überhaupt erst mal wieder auf den alten Stand zu bringen. „Die Entwicklung von Abfangraketen wie Patriot und THAAD oder auch von Standardraketen hat eine beträchtliche Vorlaufzeit“, sagte Frank Kendall, bis 2026 Staatssekretär für die amerikanische Luftwaffe. In diesem Zusammenhang mache er sich große Sorgen über China, fügte er hinzu. China verfüge über deutlich stärkere Fähigkeiten als Iran oder irgendein anderer Staat, so Kendall im Podcast „China Talk“. Peking sei ein „gewaltiger Gegner – viel gewaltiger als selbst die Sowjetunion. Und jetzt setzen wir schon wieder (ferngelenkte) JDAM-Raketen im Nahen Osten ein.“ Taiwan in Sorge vor weiterem Lieferstau Auch in Taiwan vergrößern sich durch den Irankrieg Befürchtungen, dass sich der ohnehin bestehende Auftragsrückstau an Waffenlieferungen aus den USA über rund 20 Milliarden Dollar weiter verzögern wird. Schon vor dem Krieg war über Kapazitätsengpässe amerikanischer Rüstungshersteller berichtet worden. Diese Lage gibt der Opposition in Taiwan Argumente, die den von der Regierung vorgelegten Rüstungssonderhaushalt weiter nicht verabschiedet. Im Parlament hat die Opposition um die Nationalpartei Kuomintang (KMT) eine Mehrheit. Sie ist derzeit nur bereit, einen weit kleineren Sonderhaushalt für Rüstungsbeschaffung zu genehmigen. Als Argument diente der neuerliche Kapazitätsengpass dafür, nicht noch weitere Waffen aus den USA zu bestellen. Seit Monaten stocken die Verhandlungen über Taiwans nächstes Rüstungsbudget. Ein westlicher Regierungsvertreter kritisierte Taiwans Oppositionspolitiker, die argumentieren würden: Der Lieferrückstand der USA sei bereits enorm, warum also noch mehr bezahlen, wenn der Rückstand nur noch größer werde? In der Zeitung „Nikkei“ warnte er: „Je länger der Konflikt andauert, desto gravierender werden die Folgen aufgrund des immer größer werdenden Lieferrückstands.“ Die oppositionelle, China gegenüber aufgeschlossenere KMT teilte jetzt mit, sie habe die Rüstungsbeschaffung aus den Vereinigten Staaten stets unterstützt. Doch müssten „Details wie Konfiguration, Preis und Liefertermin“ genau festgelegt sein. Taiwans Regierung hält sich aus Sorge vor ungewollten Reaktionen des US-Präsidenten Donald Trump mit öffentlichen Äußerungen zurück. Auch wenn die USA ihre politische Haltung gegenüber Taiwan unverändert lassen: Schon die Unsicherheit über Liefertermine von stark nachgefragter Munition sowie Flug- und Raketenabwehrsystemen hemmt die Militärplaner in Taiwan. Der amerikanische Wille zu weiteren Lieferungen aber bleibt bestehen: Am Dienstag veröffentlichte Verteidigungsminister Koo Li-hsiung ein Annahmeschreiben der USA über den Verkauf von 82 Raketenartilleriesystemen des Typs HIMARS an Taiwan. Dieses System wird im Irankrieg weniger eingesetzt - und gilt für Taiwans Verteidigung als entscheidend.