Vorsichtig streicht Abbie Vandivere mit dem behandschuhten Zeigefinger über die Leinwand. „Die Konturen kann man noch fühlen, die Farbe wurde ziemlich dick aufgetragen“. Sie tritt einen Schritt zurück und begutachtet ihr Werk zufrieden: „Aber sehen kann man ihn nicht mehr!“ Die Restauratorin steht im Haager Mauritshuis vor dem wohl berühmtesten Stier der Kunstgeschichte. Der Niederländer Paulus Potter hat ihn 1647 gemalt, mit nur 22 Jahren, lebensgroß auf gut 240 mal 340 Zentimetern. Allerdings ohne jenen kleinen, nur 15 mal 15 Zentimeter großen Zweig, der bis vor Kurzem noch über dem Rücken des Stiers an einem Eichenbaum hing. Sechs Blätter und eine Eichel. Um eine Beschädigung zu kaschieren, war er bei einer Restaurierung Ende des 18. Jahrhunderts an einen anderen Ast des Baumes gehängt worden – prominent in der Bildmitte. Sollten sie ihn übermalen oder nicht? „So klein der Zweig auch war – er bereitete uns größtes Kopfzerbrechen“, seufzt Vandivere. Und ihre Kollegin Jolijn Schilder ergänzt: „Ein Dilemma!“ Ein Zweiglein bereitete Kopfzerbrechen Die beiden Restauratorinnen haben das Stier-Bild in den letzten eineinhalb Jahren gereinigt, denn es war stark vergilbt. Übermalungen, Firnis und alte Retuschen wurden entfernt. Am 15. Januar sollen die Ergebnisse der Restaurierung präsentiert werden. „Derzeit bringen wir den Schlussfirnis auf.“ Die Arbeiten finden im Museum hinter einer Glasscheibe statt, vor der sich auch an diesem Vormittag die Neugierigen drängen. „Der Stier ist einer unserer Publikumslieblinge“, so Schilder. Bis 1903 sei er sogar der unumstrittene Star der Kollektion gewesen: „Dann kam Vermeers Meisje mit dem Perlenohrring und verdrängte ihn auf Platz 2.“ Das monumentale Tierbild mit der weiten Landschaft im Hintergrund gilt als Inbegriff des holländischen Naturalismus, die realistische Darstellung fasziniert Besucher bis heute: Sie staunen über die langen Wimpern des Stiers, den Glanz in seinen Augen, das Fell und die blonden Locken zwischen den Hörnern, durch die man am liebsten kraulen möchte. „Wenn man lange genug guckt, kann man ihn riechen“, lacht eine Frau. Und dann das riesige Format! Normalerweise wurde es für Gruppenporträts verwendet, Historienbilder oder die Darstellung von Herrschern. „Doch was machte Potter?“, lacht Vandivere. „Er benutzte es für Rindviecher!“ Auch Napoleon soll den Stier geliebt haben. Das Gemälde gehört zu den rund 200 Kunstwerken, die französische Revolutionstruppen 1795 bei der Eroberung der Niederlande raubten. Bis zur Niederlage von Napoleon bei Waterloo 1815 hingen sie im Musée Napoléon, wie der Louvre damals noch hieß. Beim Anblick des Stiers verschlug es den Franzosen die Sprache, er war eine Sensation. Wie in aller Welt konnte es ein Maler wagen, ein ordinäres Stück Vieh so großformatig darzustellen? Die Aufregung machte das Bild populär, jeder wollte es sehen. Auch nach seiner Rückkehr in die Niederlande standen die Menschen Schlange. Einst musste ein Bild vor allem möglichst schön aussehen Dass der Eichenbaum über dem Stier in Paris einen zusätzlichen Zweig bekommen hatte, dürfte niemanden gestört haben. „Damals waren ästhetische Aspekte ausschlaggebend, ein Bild musste wieder möglichst schön aussehen“, erklärt Jolijn Schilder. „Für uns heute ist die Intention des Künstlers ausschlaggebend: Ein Bild soll wieder so aussehen, wie er es wollte.“ Was also tun mit dem „franse tak“, dem französischen Zweig? Die Frage führte zu Sondersitzungen, heftigen Diskussionen und spaltete das Museum in zwei Lager. Auch ein Beratungsausschuss aus externen und internen Experten konnte sich nicht einigen. „Jongens, wat is dit ingewikkeld!“, rief Sammlungs- und Forschungschefin Judith Niessen während einer Sitzung aus. „Kinder, was ist das kompliziert!“ Niessen war wie Restauratorin Vandivere zunächst gegen das Übermalen des Zweigs. Ihre Hauptargumente: Er gehöre zur Geschichte des Bildes, sei ein wichtiger historischer Aspekt, außerdem gekonnt gemalt und nicht wirklich störend. „Lassen wir ihn da, wo er ist!“ Sehr niederländisch wollte Potter dem Himmel mehr Raum geben Nein, konterten die „tak“-Gegner, denen sich nach anfänglichem Zögern auch Jolijn Schilder angeschlossen hatte. Im Schöpfungsplan des Künstlers sei der Zweig schließlich nicht vorgesehen gewesen. „Während der Restaurierung haben wir eine Reihe weiterer Zweige entdeckt, die Potter selbst zunächst zwischen Stierrücken und Baum gemalt hatte, dann aber wieder entfernte“, berichtet Schilder. „Er wollte an dieser Stelle ganz offensichtlich keine Zweige haben, um dem Himmel mehr Raum zu geben.“ Nach Entfernen des Firnis stellte sich obendrein heraus, dass das Grün der sechs Pariser Blätter ein anderes war als das des restlichen Baums. „Also, ganz so gut passten sie doch nicht ins Bild.“ Und drittens sah man bei genauerem Hinschauen, dass die neuen Blätter für den Ast, an dem der Zweig hängt, viel zu groß ausgefallen waren. „Die Pariser Restauratoren orientierten sich an der Größe der Blätter weiter vorn im Bild, dadurch stimmte die Perspektive nicht mehr.“ Überzeugen jedoch konnten die Befürworter einer Übermalung das Pro-„tak“-Lager damit nicht. Das gelang erst einer Praktikantin mit einer digitalen Rekonstruktion des Bildes ohne Zweig, die bei einer Sitzung Ende Oktober neben einer Abbildung des Gemäldes mit Zweig gezeigt wurde. „Eine Offenbarung!“, erinnert sich Sammlungschefin Niessen. „Auf einmal wurde es ganz still im Raum.“ Denn plötzlich stimmte die Perspektive, die Komposition war ausgewogener, der räumliche Effekt stärker. Folge: Der „franse tak“ verschwand. Bei Streiflicht, wenn das Bild von der Seite betrachtet wird, ist sein Relief noch zu sehen – ein Trost für die Mitarbeiter der Bildungsabteilung, die weiterhin auf etwas deuten können, wenn sie die Geschichte des Zweigs erzählen: „Sie gehörten zu den vehementesten Gegnern der Übermalung“, erzählt Niessen und seufzt erleichtert: „Es war die richtige Entscheidung.“ Sogar „Pimmelpentimenti“ fanden die Restauratorinnen Verglichen damit seien alle anderen ein Kinderspiel gewesen. Zum Beispiel, was mit den pentimenti geschehen sollte, den sichtbaren Spuren von Veränderungen, die der Künstler selbst während des Malens anbrachte. Der Begriff geht auf das italienische pentirsi zurück, bereuen. „Und Potter hat überraschend viel bereut“, schmunzelt Restauratorin Vandivere. Er verwendete allerdings auch sehr viel Bleiweiß, ein Pigment, das im Laufe der Jahrhunderte transparent wird. Dadurch wurden die pentimenti an vielen Stellen sichtbar. „Hier haben wir von Fall zu Fall entschieden.“ Der Zaun etwa, den Potter anfangs zwischen dem Kopf des Stiers und der darunterliegenden Kuh geplant hatte, aber dann wieder übermalte, ist nach wie vor zu sehen – wenn auch nur ganz schwach. „Weil er vom Entstehungsprozess des Bildes zeugt, und den Entscheidungen, die der Künstler traf.“ Auch das „Pimmelpentimenti“, wie die Restauratorinnen es scherzhaft nennen, ist nicht vollständig verschwunden: die Umrisse der anfangs zu groß ausgefallenen Hoden. Die Konturen der Bauernhöfe hingegen, die am Horizont zum Vorschein gekommen waren, störten die Komposition zu sehr. Dort ist jetzt wieder nur Himmel zu sehen – und der leuchtet seit Entfernen des alten Firnis fast wieder so blau wie einst. Fast, denn Potter verwendete dafür das Blaupigment Smalte – eine billigere Alternative für Ultramarin, die sich im Laufe der Zeit bräunlich-grau verfärbt. Wie blau der Himmel einst gewesen sein muss, zeigt das Fragment eines bis vor Kurzem unbekannten Potter-Gemäldes mit einem weißen Stier, das zu Beginn der Restaurierung in Irland auftauchte. Jolijn Schilder machte den Sensationsfund, als sie einen alten Zeitungsartikel aus dem Jahre 1664 entdeckte, in dem die Versteigerung eines weißen Stierkopfes angekündigt wurde: „Unser Stier bekam einen Bruder.“ Auf dem irischen Bild verwendete Potter zwar auch Smalte, „aber ein qualitativ hochwertigeres“. Insgesamt hat Paulus Potter um die hundert Gemälde hinterlassen, darunter sechs großformatige. Ein beachtliches Œuvre, denn der Landschafts- und Tiermaler wurde nur 28 Jahre alt. „Er war ein Getriebener, er arbeitete schnell und zügig“, so Schilder. Die vielen pentimenti beweisen, dass er auf der Suche nach der perfekten Komposition immer wieder Änderungen anbrachte und sich nicht scheute, alles über den Haufen zu werfen, um neu zu beginnen. Unerschrocken, selbstsicher, geradezu besessen. Davon dürfte auch seine Frau ein Lied gesungen haben. Offiziell starb Paulus Potter an Tuberkulose. Aber seiner Witwe zufolge war es der rastlose „schildersdrift“ – der Maldrang.
