FAZ 29.09.2026
17:34 Uhr

Roman von Filiz Penzkofer: Ein helles Buch über dunkle Zeiten


In ihrem neuen Buch „Roadtrip mit Elefanten“ schickt die Autorin Filiz Penzkofer eine junge Weltverbesserin auf Bildungsreise nach Italien. Eine Coming-of-Age-Geschichte vom Allerfeinsten.

Roman von Filiz Penzkofer: Ein helles Buch über dunkle Zeiten

Clementina hat ein großes Herz. Es gibt kaum ein Leid auf dieser Welt, das nicht ihn ihm Platz fände: obdachlose Menschen; Flüchtlinge, die auf Schlauchbooten das Mittelmeer überqueren oder vor extremen Wetterphänomenen fliehen; von Männern unterdrückte Frauen; von Kolonialherren geraubte Kunst – die Liste der Dinge, die in Eni diese „Weltwut“ auslösen, einen tobenden Schmerz über die Ungerechtigkeiten auf der Erde und die Gleichgültigkeit derer, die sie bewohnen, ist lang. Eni, wie sich die Ich-Erzählerin in dem neuen Buch von Filiz Penzkofer nennt, weil Clementina und alle anderen infrage kommenden Abkürzungen zu spießig klingen, hat ein gefestigtes wokes Weltbild und könnte als typische Vertreterin ihrer Generation durchgehen. Sie ist siebzehn Jahre alt und allein mit ihrer Mutter in Berlin aufgewachsen, der Vater starb vor ihrer Geburt. Mit ihrem besten Freund Luke hat sie das „Robina Hood Duo“ gegründet, das sich, weil man nicht alle Probleme gleichzeitig in den Griff bekommen kann, der Weltrettung im Kleinen verschrieben hat, auch im Netz. „Contran“ nennen die beiden ihre nimmermüden Versuche, den „Hatern“ in den Kommentarspalten hier und dort etwas entgegenzusetzen, um im digitalen Raum nicht den Eindruck entstehen zu lassen, die Schwarzmaler bildeten eine Mehrheit. In der echten Welt planen die beiden konkret, eine, wie sie vermuten, etruskische Büste des reichen Onkels von Luke an ihren Herkunftsort, sprich nach Italien, zurückzubringen. Mögen sich Museen und Sammlungen mit der Rückgabe illegal erbeuteter Raubkunst auch schwertun – Eni macht den Anfang, und zwar notfalls sogar allein, denn Luke hat sich, kurz vor den Sommerferien, in denen es losgehen sollte, von Amanda ablenken lassen, einer Influencer-Mitschülerin mit Ferienhaus auf Kreta. So wird aus dem „Robina Hood Duo“ ein „Robina Hood Solo“. Und Eni fährt los. Mit all den Weltproblemen im Gepäck macht sie sich auf den Weg auf eine Reise, die sie gemäß den Regeln des klassischen Roadtrips auf unvorhergesehenen Wegen an ein Ziel bringt, das sie eigentlich nicht angesteuert hat. Die 1985 geborene Filiz Penzkofer, die vor zwei Jahren mit ihrem Jugendroman „Leuchtfische“ auffiel, der ebenfalls eine Coming-of-Age-Geschichte via Roadmovie erzählte, stellt ihrer Heldin zwei Menschen zur Seite, die ihre Sicht auf die Welt bestätigen und zugleich herausfordern. Als Antipodin gezeichnet ist vor allem die über neunzig Jahre alte Wilhelmine. Jedes Jahr im Sommer lässt sie sich von Helmut, dem Taxifahrer ihres Vertrauens, quer durch Europa bis nach Capri chauffieren, um dort der Erinnerung an alte Zeiten zu frönen. Die beiden nehmen Eni als Anhalterin mit. Mit Leichtigkeit durch die Krisen der Vergangenheit und der Zukunft Die Fahrt geht über Bamberg, Lugano, Genua bis nach Ladispoli. Mal fallen faustgroße Hagelkörner vom Himmel, dann brennt die Sonne. Vieles von dem, was auf einer solchen Fahrt schiefgehen kann, geht schief, selbst Enis Smartphone explodiert irgendwann in der Hitze und wirft die junge Frau in nie gekannte, analoge Zeiten zurück. Mehr als die Umstände aber erweisen sich die Mitfahrer als Herausforderung. Helmut als alter, weißer, vermeintlicher Cis-Mann. Und vor allem die „Oma“. Wo Eni sich um die Zukunft sorgt, versinkt Wilhelmine in Erinnerungen an die Vergangenheit; wenn Eni mit ihrer Wut kämpft, ringt Wilhelmine mit etwas, das sie lange Jahre verdrängt hat und das erst durch Enis Spitznamen, der wie „Leni“ klingt, an die Oberfläche zurückgespült wird. Und während Leni die große Abwesende im Leben von Wilhelmine ist, ist es der früh verstorbene Vater in Enis Dasein. Die beiden Frauen haben viel gemeinsam und könnten doch unterschiedlicher kaum sein. Dass diese Ambivalenz dem Roman nicht zur Last wird, ist der Erzählkunst von Filiz Penzkofer zu verdanken, der es auf beeindruckende Weise gelingt, die vielen Fäden ihrer Geschichte miteinander zu verweben – und das Ganze dabei doch in einer Schwebe zu halten, die der Geschichte jene Leichtigkeit verleiht, die sie braucht, um unter der Schwere der gewälzten Probleme nicht zusammenzubrechen. Sie möge keinen Small Talk, sagt Eni an einer Stelle über sich selbst, lässt sich aber doch auf das Abenteuer ein, ihren Reisegefährten Fragen zu stellen und deren Antworten zu hören. Filiz Penzkofer hat ein helles Buch über dunkle Zeiten geschrieben. Denn ja, natürlich ist alles zum Verzweifeln. Aber nicht in diesem Roman. Filiz Penzkofer: „Roadtrip mit Elefanten“. Roman. Rotfuchs Verlag, Frankfurt 2026. 262 S., geb., 19,90 €. Ab 14 J.