FAZ 24.09.2026
14:29 Uhr

Russlands Angriff: Wie die Wirtschaft in der Ukraine leidet


Russland beschießt immer wieder Gebäude, Stromleitungen oder Bahnstrecken in der Ukraine. Die Hälfte des wirtschaftlichen Schadens hat nur indirekt mit Drohnen und Raketen zu tun.

Russlands Angriff: Wie die Wirtschaft in der Ukraine leidet

Der Krieg in der Ukraine bringt den Menschen unvorstellbares Leid. Mindestens 55.000 Soldaten und 16.000 Zivilisten sollen getötet worden sein, seit die russischen Truppen im Februar 2022 in das Land einfielen. Vier Millionen Ukrainer wurden nach Zahlen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen zu Binnenvertriebenen, acht Millionen Menschen sahen sich gezwungen, das Land zu verlassen. Hinzu kommen Schätzungen zufolge 240.000 gefallene russische Soldaten. Auch die Volkswirtschaft der Ukraine hat enorm gelitten. Allein im Jahr 2022 fiel das Bruttoinlandsprodukt des Landes um 29 Prozent, die Verbraucherpreise stiegen um 27 Prozent. Stromleitungen, Kraftwerke, Bahnstrecken, Getreidespeicher und Häfen werden immer wieder zum Ziel von Raketen- oder Drohnenangriffen. Die Weltbank schätzt die Schäden, die der russische Beschuss verursacht hat, insgesamt auf 195 Milliarden Dollar. Jenseits der kritischen Infrastruktur konzentrieren diese sich vor allem auf die Front im Osten und Süden des Landes, auf die von Russland besetzten Gebiete sowie die großen Städte Kiew und Odessa. Arbeitskräfte und Kapital sind schlecht verteilt Auf den ersten Blick weniger betroffen sind der IT-Sektor sowie Unternehmen mit Sitz im Westen des Landes, Hunderte Kilometer von der Front entfernt. Doch der Krieg bringt auch die nicht direkt angegriffene Wirtschaft durcheinander. Unternehmen finden keine Mitarbeiter, weil diese geflohen oder eingezogen worden sind. Andere Unternehmen haben zwar Arbeitskräfte, aber keinen Strom. Und wieder andere würden gern produzieren, bekommen aber keinen Zugang zu Krediten. Die Wirtschaft des Landes arbeitet deshalb schlechter, als sie es mit den vorhandenen Menschen und Maschinen eigentlich könnte. Das zeigen die Ökonomen Marvin Amann vom Kieler Institut für Weltwirtschaft, Yuriy Gorodnichenko von der University of California in Berkeley und Oleksandr Talavera von der University of Birmingham in einem neuen Aufsatz. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die sogenannte allokative Produktivität in der Ukraine im Krieg um 20 bis 40 Prozent gefallen ist. Gemeint ist damit jener Teil der Produktivität der Volkswirtschaft, der davon abhängt, ob Arbeitskräfte und Kapital dort eingesetzt werden, wo sie den größten wirtschaftlichen Nutzen bringen. Wenn ein Betrieb zum Beispiel dringend zusätzliche Mitarbeiter braucht, während qualifizierte Beschäftigte anderswo nicht eingesetzt werden können, produziert die Volkswirtschaft insgesamt weniger – selbst dann, wenn keine einzige Maschine beschädigt wurde. Rein volkswirtschaftlich wäre es sinnvoll, Arbeitskraft und Kapital neu zu verteilen. Im Krieg verhindern jedoch zerstörte Verkehrswege, Wohnungsnot oder fehlende Informationen, dass Menschen und Unternehmen sich schnell anpassen. Ungefähr die Hälfte des kriegsbedingten Rückgangs der Wirtschaftsleistung sei auf diesen Effekt zurückzuführen, schätzen die Autoren. Besonders stark ist der Effekt im Baugewerbe Dass zwischenstaatliche Kriege im Allgemeinen schlecht für die wirtschaftliche Entwicklung sind, ist keine Überraschung. Weil die Erfassung von Daten und Statistiken im Krieg aber oft schwierig ist, war bislang weniger bekannt, welche Treiber genau die wirtschaftliche Entwicklung im Allgemeinen und die Produktivität im Speziellen senken. Das ist in der Ukraine anders: Sie sammelt weiterhin Daten von hoher Qualität und ist zudem technologisch deutlich höher entwickelt als andere Staaten im Krieg. Für ihre Studie konnten die Ökonomen Bilanzen von mehr als 90.000 ukrainischen Unternehmen aus den Jahren 2018 bis 2024 auswerten. Gemessen an ihrem Umsatz haben einige dieser Unternehmen zu viel Personal oder Kapital, andere zu wenig. Nach dem russischen Einmarsch wurde diese Verteilung deutlich ungleicher. In vergleichbaren benachbarten osteuropäischen Staaten zeigte sich dieser Effekt nicht, was die Forscher annehmen lässt, dass er auf den Krieg zurückzuführen ist, und nicht eine Nachwirkung der Corona-Pandemie oder der Energiekrise. Die genaue Höhe des Effekts hängt davon ab, wie die Unternehmen gewichtet werden. Unterschiedliche Branchen sind unterschiedlich stark betroffen. Im Baugewerbe stieg die Fehlverteilung von Arbeit und Kapital besonders stark, auch Handel und Industrie erlitten große Produktivitätsverluste. Die Landwirtschaft erwies sich dagegen als vergleichsweise robust, weil ihre Produktion räumlich stärker verteilt ist und sie weniger von städtischer Infrastruktur abhängt. Kleine Unternehmen leiden außerdem stärker als große: Sie können weniger gut Beschäftigte oder Produktion verlagern, Lieferanten wechseln, auf Kredite zugreifen oder bei den häufig auftretenden Stromausfällen auf Notstromaggregate zurückgreifen. Schon die russische Annexion der Krim im Jahr 2014 hatte in der Ukraine eine Finanzkrise ausgelöst. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte um fast 20 Prozent, die Währung verlor 70 Prozent an Wert gegenüber dem Dollar, und etwa die Hälfte aller Banken musste Insolvenz anmelden. Der Internationale Währungsfonds legte ein Nothilfeprogramm auf, um die Wirtschaft zu stabilisieren. Physisch wurde aber viel weniger zerstört als in dem Krieg, der 2022 begann. Jetzt zeigt sich nach Auffassung der Autoren, dass direkte Gewalt und Vertreibung dazu führen, dass die allokative Produktivität sehr viel stärker gesunken ist als damals. Beim Wiederaufbau geht es nicht nur ums Reparieren Auch im fünften Kriegsjahr bleibt die Lage in der Ukraine angespannt, die Wirtschaftskraft liegt nun etwa bei 80 Prozent des Vorkriegsniveaus. Ökonomen prognostizieren für dieses Jahr ein Wachstum von etwa einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts, nach etwa 1,8 Prozent im Vorjahr. Denn auch hier machen sich die Sperrung der Straße von Hormus und die in ihrer Folge gestiegenen Energiepreise bemerkbar. Was nach einer Beobachtung des Internationalen Währungsfonds hinzukommt: Wenn Kriege enden, erholen sich Volkswirtschaften nur sehr langsam. Beim Wiederaufbau wird es im besten Fall nicht nur darum gehen, Straßen, Kraftwerke und Fabriken zu reparieren. Auch müssen Kapital und Arbeitskräfte möglichst schnell dorthin gelangen können, wo sie gebraucht werden. Dazu gehören ausreichender Wohnraum für Vertriebene, mehr Möglichkeiten für Homeoffice, Weiterbildungsmaßnahmen und verlässliche Informationen über freie Stellen, um den Arbeitsmarkt anzukurbeln. Aufseiten des Kapitals können Kreditgarantien, Kriegsversicherungen und schnellere Genehmigungsverfahren für Verbesserung sorgen. Amann, Gorodnichenko und Talavera sehen immerhin Anhaltspunkte dafür, dass dieser Prozess in den vergangenen Jahren schon begonnen hat. Marvin Amann, Yuriy Gorodnichenko & Oleksandr Talavera: The Allocative Cost of War: A View to a Kill...ing of Productivity. NBER Working Paper No. 35704. September 2026. Internationaler Währungsfonds: World Economic Outloook. Global Economy in the Shadow of War. April 2026.