FAZ 16.09.2026
10:00 Uhr

Safari in Botswana: BOTSWANA Noahs Revier


Das Okavango-Delta in Botswana gilt vielen Safari-Kenner als Traumziel. Dort  zeigt sich gerade, dass der Tourismus auch ein Modell sein kann, um dem Land in einer der größten Krisen seiner jüngeren Geschichte zu helfen.

Safari in Botswana: BOTSWANA Noahs Revier

An einem Ort, an dem die Reviere zweier Löwenrudel aufeinander treffen, setzt eine Löwin vorsichtig eine Pfote vor die andere. Es ist ein kühler Nachmittag im Juli. Der Himmel ist blau, es duftet nach trockenem Gras. Die Ohren der Jägerin sind aufgestellt, der Schwanz zuckt angespannt. Immer wieder hebt und senkt sie den Kopf. Noch sieht die Szene harmlos aus, denn niemand, nicht einmal sie selbst, weiß, was gleich passieren wird. Links, in einem Galeriewald, der den Lauf eines Flusses flankiert, äst ein Warzenschwein. Seine kräftigen Hauer sind bereits abgenutzt. Es ist ein altes Tier. Als es die Raubkatze entdeckt, erstarrt es. Einen Moment lang herrscht Stille. Dann geht alles ganz schnell. Mit wenigen Sätzen stürmt die Löwin auf das Tier zu und versetzt ihm einen Prankenhieb. Das Warzenschwein stiebt davon und versucht, sich in den Bau zu retten. Doch sein Bein ist gebrochen. Sekunden später thront die Löwin über ihrer Beute. Noch einmal zuckt das Tier, Blut sickert in den Sand. Dann ist es vorbei. „Eine übliche Löwen-Taktik“, sagt Noah Motenti. „Wahrscheinlich hat sie dem Warzenschwein absichtlich das Bein gebrochen. Löwen können sehr strategisch sein.“ Motenti ist Guide im Atzaró Okavango Camp, einer erst 2024 eröffneten Lodge im Südosten des Deltas mit einem Dutzend Canvas-Chalets. „Wenn die Hyänen die Löwin nicht entdecken, wird sie sich stundenlang daran satt essen“, sagt er. „Dann wird sie die ganze Nacht schlafen.“ Das Okavango-Delta ist ein Meisterwerk der Natur, in dem sich jede Minute kleine und große Dramen abspielen. Der Südosten stand lange im Schatten der berühmten Gebiete im Zentrum und im Nordosten des Deltas – Moremi, Xakanaxa, Khwai und Chief's Island. Bis heute zählt die Region zu den am wenigsten besuchten Orten im Delta. Erst in den vergangenen Jahren sind dort einige komfortable Safari-Camps entstanden. Die Konzession NG-32, durch die wir drei Tage lang im offenen Geländewagen holpern, liegt am Übergang zwischen Wasser- und Trockensavanne und ist geprägt von einem Mosaik aus Kanälen und periodisch überfluteten Grasflächen. Sie gilt als einer der wildesten Orte des Deltas und ist bekannt für ihre riesigen Elefanten- und Büffelherden, Impalas, Zebras, Gnus und die Raubtiere, die ihnen folgen: Löwen, Leoparden, Geparden und Afrikanische Wildhunde. Es sind Kriminalfälle der Wildnis, die Motenti und seine Kollegen jeden Morgen aufklären. Sie lesen Spuren, lauschen Alarmrufen und deuten die Flüge der Geier. Sie beraten sich auf Setswana, der Landessprache Botswanas. Sie verständigen sich über Funk und fahren über Stock und Stein, um den Tieren zu folgen. Und sie fühlen mit ihnen. „Auf unserer Seite der Konzession gibt es ein Rudel mit zwei männlichen Löwen und einigen Löwinnen, auf der anderen eine Koalition von fünf männlichen Löwen.“ Kampf der Löwen Vor Kurzem habe es einen Kampf zwischen beiden gegeben. Motenti und seine Kollegen hörten das Gebrüll nachts bis ins Camp. „Unsere zwei Löwen haben den Kampf für sich entschieden“, sagt er. „Aber wir alle hier haben Angst, dass die fünf irgendwann zurückkommen, um ihr Rudel zu übernehmen. Es ist wie im Fußball: Man unterstützt immer sein lokales Team.“ Motenti arbeitet für African Bush Camps. 2024 hat das Safari-Unternehmen gemeinsam mit der spanischen Luxushotelkette Atzaró das Camp im Südostteil des Deltas eröffnet. ??????????????????????????????????????XXXXXXX Auf Stelzen erbaut, vermitteln die zwölf Chalets das Gefühl, über der Wildnis zu schweben. Die Anreise, das letzte Stück vom Flughafen XXXXX erfolgt per Helikopter. Oft ziehen Elefanten direkt durchs Camp, Löwen ruhen in der Hitze des Tages unter den Holzstegen. Moderne Lodges fügen sich heute fast unmerklich in die Landschaft ein, bieten höchsten Komfort, ihre Betreiber respektieren die Tierwelt und beziehen die lokale Bevölkerung ein. Das gehört inzwischen zum guten Ton. Gerade in Botswana. Doch Gründer und Eigentümer von African Bush Camps ist der Simbabwer Beks Ndlovu – einer der wenigen schwarzen Unternehmer an der Spitze eines großen Safari-Unternehmens in Afrika. Kurz nachdem Ndlovu das Camp 2024 eröffnet hatte, geriet Botswana in eine der größten Krisen seiner jüngeren Geschichte. Das diamantenreiche Land gilt als eine der politisch stabilsten Demokratien Afrikas. Doch der weltweite Einbruch der Nachfrage nach Naturdiamanten riss tiefe Löcher in die Staatskasse, da viele Diamanten mittlerweile künstlich hergestellt werden. Gleichzeitig setzte die Auflösung der US-Entwicklungsbehörde USAID und das weitgehende Aus für PEPFAR, das amerikanische Programm zur Bekämpfung von HIV, unter Präsident Donald Trump das Gesundheitssystem unter Druck. Im August 2025 rief Botswanas Regierung den Gesundheitsnotstand aus. Die staatliche Versorgung mit Medikamenten und medizinischem Material war weitgehend zusammengebrochen. Besonders betroffen waren ländliche Gemeinden, auch im Okavango-Delta. Gerade die HIV-Therapie geriet unter Druck. Weil Botswana seit Jahrzehnten eine der höchsten HIV-Infektionsraten weltweit verzeichnet, trafen die Engpässe besonders viele Menschen. Als das Gesundheitssystem vor dem Kollaps stand, ließ Ndlovu im Dorf Ditsiphing, mit dessen Bewohnern er den Pachtvertrag geschlossen hatte, nicht nur eine verlässliche Wasserversorgung, Strom, Gemüsegärten, wildsichere Zäune und eine Schule einzurichten, sondern auch eine Klinik. „Wenn früher jemand krank wurde, dauerte es oft Tage, bis ein Arzt kam. Heute befindet sich die Krankenstation mitten im Dorf.“ Botswana setzt auf hohe Wertschöpfung Der 49-Jährige weiß, wie sich Armut anfühlt. Er wuchs am Rand des Hwange-Nationalparks in Simbabwe in einer Rundhütte auf. Immer wenn Elefanten die Früchte des Mangobaums in seinem Dorf stahlen, folgte er ihnen. Später wurde er zu einem der bestbezahlten Fährtenleser weit und breit. 2006 gründete er African Bush Camps. Heute betreibt sein Unternehmen 17 luxuriöse Camps in Botswana, Simbabwe, Sambia und Südafrika, beschäftigt mehrere hundert Mitarbeiter und erwirtschaftet Umsätze in Millionenhöhe. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern in Afrika setzt Botswana im Tourismus auf hohe Wertschöpfung statt hoher Besucherzahlen. Mehr als 38 Prozent der Landesfläche sind für den naturverträglichen Tourismus ausgewiesen. Während die Nationalparks staatlich verwaltet werden, entwickeln Gemeinden und private Betreiber in den sogenannten Wildlife Management Areas den Tourismus gemeinsam. Safari-Unternehmen erhalten zeitlich befristete Konzessionen vom Staat oder von lokalen Gemeinden. Die Einnahmen aus dem Tourismus fließen in den Naturschutz und kommen den Menschen vor Ort zugute. Viele Safari-Unternehmen versuchen sich damit einen grünen Anstrich zu geben. Für Ndlovu reicht das nicht. „Eines der größten Probleme Afrikas ist, dass die begehrtesten Gebiete oft in den Händen ausländischer Eigentümer liegen, ohne dass die Bevölkerung vom Tourismus profitiert“, sagt der 49-Jährige. „Ich möchte das ändern. Sauberes Wasser, ausreichend zu essen und eine gute Gesundheitsversorgung sind grundlegende Menschenrechte. Mensch und Tier können auch nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Beide sind ein wesentlicher Bestandteil des Naturschutzes.“ Fünf US-Dollar für künftige Krisen Dabei hatte Ndlovu es nicht immer einfach. Bei der Eröffnung des Camps versuchte ihm ein Wettbewerber Steine in den Weg zu legen. Während der Corona-Pandemie gelang es ihm trotz monatelang leerstehender Unterkünfte, die meisten seiner damals 600 Mitarbeiter zu halten. Mit der Initiative Africa Change Makers legen er und seine Vertriebspartner heute pro Übernachtung mindestens fünf US-Dollar für künftige Krisen zurück: Ebola, Affenpocken, Kriege. Die Stiftung seines Unternehmens fördert Bildung, Gesundheitsversorgung und Naturschutz. Der Südosten des Okavango-Deltas begeistert mit unberührter Natur und einer enormen Artenvielfalt. Besucher haben hier noch das Gefühl, die Wildnis für sich allein zu haben. Riesige Herden von Elefanten, Impalas, Gnus und Zebras äsen in der Lagunenlandschaft. Zwischen den Wildbeobachtungsfahrten ziehen sich die Gäste gerne zurück ins Camp. Mittags bestellen sie das Essen auf ihre privaten Terrassen. Immer häufiger besuchen sie aber auch Ditsiphing, um zu sehen, wie das Leben dort funktioniert. „All das zeigt, dass der Tourismus Dinge verändern kann“, sagt Noah Motenti. Bei einer unserer Ausfahrten fliegen die Geier niedrig. Gemeinsam mit Motenti folgen wir ihnen. Wenige Minuten später finden wir ein totes Zebra im Gras. Über ihm thronen zwei Löwinnen. Ihre Mäuler sind blutverschmiert. Es sind zwei Tiere aus Motentis Rudel. „Gut, dass sie Beute gemacht haben.“ Derzeit hält das Rudel zwei erst wenige Wochen alte Jungtiere im hohen Gras versteckt. „Wir wollen nicht, dass die Nachbarlöwen das Territorium übernehmen, sonst würden sie die Jungen töten.“ Ein paar hundert Meter weiter entdecken wir die zwei männlichen Löwen aus Motentis Rudel. Sie streiten sich um einen Kadaver. Es sind die Überreste eines Warzenschweins. Sie haben es einer ihrer eigenen Löwinnen abgenommen und an den Rand eines Gebüsches gezerrt. Für Motenti ist auch das eine gute Nachricht: Sein Rudel hat eine weitere Nacht ohne einen Angriff aus dem Westen überstanden. „Alle haben etwas zu essen, alle sind wohlauf“, sagt der Guide. „Das macht mich glücklich. Man darf doch auch in der Natur mal parteiisch sein.“ Der Weg ins Okavango-Delta Anreise Von Deutschland zum Beispiel mit Lufthansa (www.lufthansa.com) ab 800 Euro für Hin- und Rückflug nach Johannesburg und von dort ab 250 Euro weiter mit Airlink (www.flyairlink.com) nach Maun. Einreise Für deutsche Staatsangehörige ist für touristische Aufenthalte von bis zu 90 Tagen kein Visum erforderlich. Der Reisepass muss bei der Einreise noch mindestens sechs Monate gültig sein (www.embassyofbotswana.de). Beste Reisezeit Die besten Reisemonate sind Mai bis Oktober. Dann herrscht im Delta Trockenzeit. Die Vegetation ist lichter und die Tiere konzentrieren sich an den Wasserläufen. Während der Regenzeit von November bis April erschweren dichter Bewuchs und häufige Niederschläge die Tierbeobachtung. Zudem ist das Malariarisiko höher. Unterkunft Das Atzaró Okavango Camp verfügt über zwölf luxuriöse Suiten und Familienvillen mit höchstem Komfort. Abhängig von der Jahreszeit kosten sie ab 650 Euro pro Person/Nacht inkl. Vollverpflegung und Pirschfahrten (www.africanbushcamps.com). Okavango Hidden Gems (www.okavangohiddengems.com) und Machaba Safaris (www.machabasafaris.com) betreiben ebenfalls Camps im südöstlichen Teil des Deltas. Gesundheit Bei direkter Einreise aus Europa sind keine Impfungen vorgeschrieben. Empfohlen werden die Standardimpfungen gegen Polio, Diphtherie und Tetanus sowie Hepatitis A und B. Je nach Reiseroute können auch Typhus und Tollwut sinnvoll sein. Bei Einreise aus einem Gelbfiebergebiet ist ein entsprechender Impfnachweis erforderlich. Konsequenter Mückenschutz sowie gegebenenfalls eine medikamentöse Malaria-Prophylaxe sind ebenfalls angeraten, insbesondere in der Regenzeit zwischen November und April. Weitere Auskünfte Botswana Tourism, www.botswanatourism.co.bw