Mein erster Patient, den ich am Ende meines Medizinstudiums mit behandeln durfte, war ein junger Mensch mit Schizophrenie. Ich hätte damals fast meine Pläne verworfen, Psychiater zu werden, so sehr hatte mich seine Erkrankung mitgenommen. Die Schizophrenie gehört zu den schwersten psychischen Erkrankungen. Ein bis zwei von 200 Menschen erkranken mindestens einmal im Leben an einer schizophrenen Episode. Der Beginn liegt im jungen Erwachsenenalter, wobei Männer bereits zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr erkranken, bis zu zehn Jahre früher als Frauen. Das ist gerade für die jungen Menschen ungünstig, weil sie häufig zu Krankheitsbeginn noch keine Berufsausbildung abgeschlossen haben und noch nicht gut sozial eingebunden sind. Auch mein Patient wurde nach sehr gutem Abitur plötzlich krank und wollte sich aufgrund der starken Veränderung seines Erlebens und Wahrnehmens das Leben nehmen. Die Patienten leiden unter einem breiten Spektrum von Symptomen. Typisch sind wiederkehrende Phasen mit sogenannten Positiv-Symptomen, die Tage bis Wochen anhalten. Dazu gehören Wahnvorstellungen, also krankhaft falsche Überzeugungen über die Realität, an denen die Patienten konsequent festhalten. Viele meinen, durch übernatürliche Kräfte kontrolliert oder verfolgt zu werden. Sogenannte Ichstörungen sind Überzeugungen, beispielsweise durch Strahlen oder über andere Medien fremdgesteuert zu werden, mancher ist fest überzeugt, dass sich die eigenen Gedanken ausbreiten oder von anderen wahrgenommen werden könnten. Typisch sind auch Halluzinationen, wobei typisch das Hören von Stimmen ist, die das eigene Tun kommentieren, Befehle geben oder über die Betroffenen sprechen. Die Symptome sind für fast alle Patienten extrem quälend. Klinikaufenthalte sind in solchen Phasen oft nicht zu vermeiden. Entweder weil die Betroffenen desorganisiert sind und deshalb nicht mehr im Alltag zurechtkommen. Oder weil sie durch die Symptome unter stärksten Ängsten leiden, aggressiv werden und dann gegebenenfalls vor sich oder andere vor ihnen geschützt werden müssen. Auch Negativsymptome sind typisch. Dazu gehören etwa Störungen im Antrieb, in der Aufmerksamkeit, im Gefühlsleben und ein starker sozialer Rückzug. Die Negativsymptome sind häufig für den Langzeitverlauf entscheidend, weil die private und berufliche Leistungsfähigkeit erheblich eingeschränkt und dadurch auch die Rehabilitation erschwert ist. Der Behandlungsschwerpunkt liegt auf der Therapie mit Medikamenten, wobei die aktuellen Leitlinien auch eine Psychotherapie schon nach der ersten Phase empfehlen und eine Unterstützung in Leben, Wohnen, Arbeiten durch psychosoziale Therapien essenziell ist. Als Arzt hat man meist nur kurz Kontakt mit den Patienten. Wir erheben den Befund, schließen andere Erkrankungen aus, legen die Therapie fest und steuern sie im Langzeitverlauf. Mein großer Respekt gilt insbesondere denen, die sich viel intensiver, häufig rund um die Uhr um die Betroffenen kümmern: Angehörige, Pflegende, Sozialarbeiter. Früher, vor der Einführung der Antipsychotika und der vielen psychosozialen Hilfsangebote, wurden die Patienten vielfach in Anstalten verwahrt. Im Dritten Reich wurden sie registriert, pauschal als gefährlich und zuletzt als lebensunwert gestempelt, viele getötet. Auch wenn die Stigmatisierung der Betroffenen weiter ein Problem ist, ist es eine große Errungenschaft, wie es in Deutschland und Europa gelungen ist, diese schwer kranken Menschen nicht völlig auszugrenzen, sondern wirksam zu therapieren und zum Teil unserer Gesellschaft zu machen. Für mich ist der Umgang insbesondere mit diesen Patienten ein Gradmesser für die humanitäre Einstellung unserer Gesellschaft. Ich hoffe sehr, dass wir uns diese Gesellschaft erhalten, in der jeder seinen Platz hat. In ihr will ich gerne Psychiater sein.
