FAZ 19.03.2026
06:28 Uhr

Schwimm-Tipps Online: Kraulen auf dem Sofa


Kraulschwimmen kann man nun vom Sofa aus lernen. Doch ist man im Wasser, funktioniert nichts mehr davon. Aber wird schon werden: Hauptsache Ellenbogen hoch! Eine Glosse.

Schwimm-Tipps Online: Kraulen auf dem Sofa

Neulich lag ich auf dem Sofa und lernte schwimmen. Kraulen. Das geht inzwischen problemlos, man braucht dazu weder Wasser noch Badehose. Nur ein Handy. Mein Algorithmus hat nämlich beschlossen, mich zu einem besseren Schwimmer zu machen. Keine Ahnung, woher er weiß, dass ich zwar kraulen kann, auch über längere Strecken, aber eigentlich keine Ahnung habe, wie man das macht. Meine Schwimmkarriere lässt sich so beschreiben: Ich bin ein Selfmade-Krauler. Der Algorithmus scheint das erkannt zu haben und behandelt mich seitdem wie ein olympisches Förderprojekt. Nun bekomme ich auf meinem Laptop seit Tagen Videos zugespielt, in denen mir wildfremde Menschen ungefragt erklären, wie man richtig krault. Es beginnt meist mit einem sehr ernsten Gesichtsausdruck und einem Satz wie: „Der größte Fehler beim Kraulschwimmen ist dieser hier.“ Dann folgt eine Armbewegung, die offenbar katastrophal falsch ist. Kurz darauf zeigt dieselbe Person die richtige Bewegung, die fast identisch aussieht – nur dass sie jetzt komplett richtig ist. Der Onlinecoach – nennen wir ihn den Kraulguru – zeigt, was falsch und richtig ist, nicht, wie man vermuten könnte, im Wasser, sondern zu Land. Er liegt bäuchlings auf einem Sofa und zeigt die richtige Armbewegung zwischen Sofakante und Boden als Luftnummer. Ich meinerseits liege ebenfalls bäuchlings auf meinem Sofa und mache mit. Linker Arm nach vorn, Ellenbogen hoch, Unterarm anstellen, nicht vorhandenes Wasser greifen, Druck nach hinten, bis zur Hüfte durchziehen. Meine Frau hätte fast den Notarzt gerufen Meine Frau kommt vorbei und fragt, ob ich Hilfe brauche. Ich erkläre ihr, dass ich gerade an meinem „Catch“ arbeite, sprich an der ersten Phase des perfekten Armzugs beim Kraulen. Sie sagt, sie hätte fast den Notarzt gerufen, aber so ein „Catch“ sei natürlich toll und würde mir sicher helfen, wenn ich mal plane, durch den Ärmelkanal zu schwimmen. Ich fürchte, sie nimmt mich nicht ganz ernst und unterschätzt mein Potential. Der Kraulguru erklärt jetzt noch mal sehr präzise. Man soll das Wasser nicht nach unten drücken, sondern nach hinten. Der Ellenbogen muss hoch bleiben. Der Kopf neutral. Die Hüfte stabil. Die Beine lang und locker. Man soll gleiten, aber nicht zu viel, der Körper soll rotieren, aber nicht zu sehr, man soll Druck machen, aber mit Gefühl. Und atmen soll man auch. Auch die Fußspitze sei von Bedeutung, warum, ist mir grad entfallen. Den Anweisungen des Kraulgurus zu folgen, ist machbar, wenn man sie einzeln betrachtet. Versucht man, sie in ihrer Gesamtheit am eigenen Körper zu rekon­struieren, sind sie mindestens so komplex wie die Funktion eines Schweizer Uhrwerks. Auf meinem Sofa bekomme ich die Bewegung noch halbwegs hin, das Problem liegt woanders: Wenn ich im Wasser bin, im Schwimmbad, funktioniert nichts mehr davon. Ich vermute, das liegt daran, dass Schwimmen – wie Turmspringen oder Rollhockey – eine dieser Tätigkeiten ist, die sich erstaunlich wenig vom Sofa aus erlernen lassen. Aber man sollte das positiv sehen. Wird schon werden. Kopf hoch! Oder wenigstens den Ellenbogen. Und das Atmen nicht vergessen.