FAZ 29.09.2026
08:18 Uhr

Selenskyj-Äußerung: Warum Kiew und Seoul über Gefangene aus Nordkorea streiten


Die Ukraine überstellt nordkoreanische Kriegsgefangene an Südkorea. Kiew macht das öffentlich – und bringt damit den südkoreanischen Präsidenten in eine heikle Lage.

Selenskyj-Äußerung: Warum Kiew und Seoul über Gefangene aus Nordkorea streiten

Es war ein Coup und galt als Zeichen deutlich verbesserter Beziehungen, als die Ukraine Mitte September zwei nordkoreanische Kriegsgefangene über ein Drittland an Südkorea überstellte. Vorausgegangen waren monatelange Verhandlungen. Im Sommer hatte zum ersten Mal seit elf Jahren ein ukrainischer Außenminister Seoul besucht. Kiew musste abwägen: Sollte es durch die Überstellung der beiden Nordkoreaner an Russland zahlreiche eigene Kriegsgefangene zurückbekommen, oder könnte die Überstellung an Südkorea wertvolle technische und wirtschaftliche, möglicherweise sogar militärische Hilfe von dort bringen? Südkorea wiederum wollte die beiden Männer aus geheimdienstlichen und politischen Gründen holen, aber keinesfalls die Spannungen mit Russland oder Nordkorea verschärfen. Seoul: Kiew hatte zuerst um Vertraulichkeit gebeten So sollte die Überstellung der beiden Nordkoreaner nach Darstellung Seouls auch geheim bleiben. Doch dann sprach der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vor der UN-Generalversammlung letzte Woche öffentlich darüber. Südkoreas Präsident Lee Jae-myung reagierte erzürnt. „Äußerst enttäuschend“ und „ein Bruch der Vereinbarung über Vertraulichkeit“ sei die Enthüllung, schrieb Lee auf der Plattform X. Das Präsidialamt in Seoul sieht die Übergabe als eine hochsensible Angelegenheit, die Südkoreas nationale Sicherheit betreffe und auch die Sicherheit der in Nordkorea mutmaßlich Drangsalierungen ausgesetzten Angehörigen der beiden Soldaten berühre. Das ukrainische Präsidialamt hingegen teilte mit, es gebe keine Geheimhaltungsvereinbarung zwischen den beiden Ländern. Am Montag bestellte Seoul den ukrainischen Botschafter ein. Die Rede war von einem Vertrauensbruch. Südkorea verlangt eine Entschuldigung. Was zu einer weiteren Annäherung der beiden Partnerstaaten hätte führen können, sorgt jetzt für ein handfestes Zerwürfnis beider Seiten. Dieses reicht so weit, dass nun wiederum das Präsidialamt in Seoul enthüllte, es sei vielmehr die ukrainische Seite gewesen, die ursprünglich um Vertraulichkeit gebeten habe. Dies unter anderem, weil Kiew innenpolitisch zu erklären hat, warum es zwei als wertvolles politisches Faustpfand zu betrachtende nordkoreanische Kriegsgefangene nicht gegen ukrainische Gefangene eintausche, sondern diese nach Südkorea überstelle. Hatte Selenskyj auf Hilfe bei der Luftverteidigung gehofft? Nach Angaben der Zeitung „Dong-A Ilbo“ hatte Selenskyj die Überstellung zeitweise an südkoreanische Unterstützung bei der Luftverteidigung verknüpft. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist Seoul solidarisch mit Kiew, hat Waffenlieferungen aber stets ausgeschlossen, um sein Verhältnis zu Russland nicht zu belasten, das es als Hebel gegenüber Pjöngjang sieht und von dem Südkorea weiter große Mengen Energie bezieht. Nachdem 2024 Nordkorea Truppen zur Unterstützung Russlands in den Krieg geschickt hatte, erhöhte Kiew den Druck auf Seoul, es möge zumindest Abwehrwaffen liefern. Als sich Lee und Selenskyj im Juli auf dem NATO-Gipfel in Ankara trafen und dabei auch über die Kriegsgefangenen sprachen, sagte Südkorea ein Hilfspaket von weiteren einhundert Millionen Dollar zu, das lediglich nicht tödliche Schutzausrüstung umfasste. Die beiden im Ukrainekrieg gefangenen Nordkoreaner schienen neue Verhandlungsmasse zu bringen. Es handelt sich um die beiden einzigen Soldaten des Kim-Regimes, die lebend gefangen genommen werden konnten. Ukrainische Kräfte hatten die zwei Nordkoreaner im Januar 2025 im russischen Kursk festgesetzt. Einer der beiden hatte dabei noch versucht, sich das Leben zu nehmen, so wie es das Regime von Kim Jong-un für diesen Fall verfügt hat. Pjöngjang hat Russland insgesamt mehrere Zehntausend Soldaten an die Seite gestellt. Lebende Zeugen nordkoreanischer Frontunterstützung Für die Ukraine waren sie die ersten lebenden Zeugen für die nordkoreanische Frontunterstützung für den russischen Herrscher Wladimir Putin. Zudem galten sie als wertvolles Faustpfand für Kiew in den Verhandlungen mit Russland über einen Gefangenenaustausch. Aber auch Südkorea drängte auf die Überstellung der beiden Nordkoreaner. Dabei ging es Seoul zum einen um wertvolle Erkenntnisse über die Erfahrung der beiden Soldaten. Zum anderen haben die beiden Nordkoreaner Anspruch auf Schutz im Süden, denn Südkoreas Verfassung betrachtet sie als Staatsbürger der Republik. Die beiden Nordkoreaner selbst hatten erklärt, sie wollten nach Südkorea. Die konservative Opposition in Südkorea warf Lee nun vor, eine humanitäre Leistung und einen außenpolitischen Erfolg herunterzuspielen, um Nordkorea nicht zu provozieren. Unter Lee versucht die Regierung in Seoul eine Annäherungspolitik an Nordkorea, das darauf bislang nicht reagiert. Die Aufnahme der beiden Kriegsgefangenen dürfte Pjöngjang nicht milder stimmen.