FAZ 30.09.2026
15:38 Uhr

„Serial Cleaner“ im ZDF: Problem-Fernsehen, das sein Publikum nicht ernst nimmt


Wenn die Putzfee zu oft klingelt: Wer emotional völlig überzuckerte Märchen goutiert, kommt bei der ZDF-Serie „Serial Cleaner“ voll auf seine Kosten. Das ist Fernsehen, das entweder sich oder sein Publikum nicht ernst nimmt.

„Serial Cleaner“ im ZDF: Problem-Fernsehen, das sein Publikum nicht ernst nimmt

Manchmal rufen Kinder im unpassendsten Moment an. Wenn Mittagsschlafzeit ist und Mama noch das besondere Lied singen soll, bei dem sich sanftes Entschlummern einstellt beispielsweise. Als es bei Teri Marquard (Aylin Tezel) klingelt, hat sie just das fliehende Entführungsopfer vor dem Fahrstuhl erreicht. Sie will noch einmal flehen, appellieren, überzeugen. Ringring: Luca (Hanna Heckt) ist dran, ihr einziges, ihr vom Tode bedrohtes Kind. Teri vergisst alles, auch die Ganoven hinter ihr, und beginnt zu singen, mit dieser zarten, fast brechenden Stimme, die unendliche selbstlose Liebe und Löwenmuttermut enthält: „Luca baute eine Rakete, mit der sie durch die Milchstraße schwebte“. Aber, ach, alles wohl vergebens, wir Zuschauer wissen es längst, Teri weiß es, und der gerührte Entführte weiß es auch. Luca wird wohl nirgendwohin fliegen. Sie wird keinen Schulabschluss machen, nicht studieren und nicht, ihr größter Traum, eines Tages als Astronautin zum Mars fliegen. Stattdessen wird Luca vermutlich bald tot sein, trotz luftdichtem Raumanzug und Helm. Trotz Schutzzelt. Trotz der grenzenlosen Aufopferungsbereitschaft ihrer Mutter. Obszön überemotionalisiert und überkonstruiert In den Augen des nun am Lift lange wartenden Entführten (zum Glück fürs emotionale Breittreten der Szene befindet man sich in der obersten Etage des Luxushotels der Familie Karanz, die zwar mit Drogenhandel Unmengen Kohle verdient, sich aber offenbar nur superlangsame Aufzüge leisten kann) scheint es verdächtig zu glitzern. Gerade noch wollte er stracks zur Polizei, um Teris Arbeitgeber Vincent Karanz (Stefan Gorski) anzuzeigen. Jetzt ist der Mann völlig gerührt und berichtet, warum er sich erst als Stammzellspender meldete und dann doch nicht wollte. Nicht die Gewalt des skrupelbeschränkten, dennoch verliebten Vincent hat ihn umgestimmt, sondern die Liebe dieser Mutter. Die in dieser ZDF-Serie über Leichen geht, auch wenn sie sie nicht selbst umgebracht hat. Schluchz? Uff. So obszön überemotionalisiert, überkonstruiert – und dadurch in der Wirkung oft das Gegenteil des zu sehr Gewollten erreichend – war lange keine Serie im deutschen Fernsehen. Medical Dramas wie die „Schwarzwaldklinik“, „In aller Freundschaft“ oder, jüngst vielfach ausgezeichnet, „Krank Berlin“, wirken gegen die vollkommen duselige Serie „Serial Cleaner“ wie eine akademische Übung in theoretischer humanwissenschaftlicher Betrachtung. Aber damit nicht genug. Vor allem nicht genug der Wiederholungen des ewig Gleichen in Variationen. Wie viele Male Gesichtsgroßaufnahmen-Hauptfigur Teri schwört, sie komme wieder, müsse aber erst noch ihr Kind retten, geht auf keine Kuhhaut. Wie viele Male Vincents noch ungeratenerer Stiefbruder Christian Karanz (Rick Okon mit wasserstoffblond gefärbter Dealerfrise) Teri nach dem Leben trachtet, wie viele Vorträge ihr und Vincent Superschurkenvater Ludwig Karanz (László I. Kish) über die familiäre Gier nach Gold und Geld hält, lässt sich kaum zählen. „Serial Cleaner“ ist nämlich nicht nur rührseliges Medical Drama aus einer der unteren Gefühlsschubladen, sondern auch so etwas wie „Der Pate light“. Zwei verfeindete Brüder, der semiböse Vincent und der durchgeknallte Christian, streiten unter Zuhilfenahme von Mord und Totschlag um die Gunst des Vaters, der hoch oben im Luxushotel unter einer sternenbewehrten Glaskuppel hinter der Sorte von Patriarchenschreibtisch residiert, die in der letzten Dekade aus den TV-Szenenbildern eigentlich verschwunden ist. Vater Vincent hält vorzugsweise Fensterreden zum Thema Familiensolidarität, wenn er nicht gerade Christian zum Sichaustoben von der Leine lässt. Auftritt Teri, die mit ihrer wie sie alleinerziehenden superpatenten Schwester Alida (Deleila Piasko) zusammenlebt, seit sie in Ungarn ihr Medizinstudium abgebrochen hat. Denn wie es Alleinerziehenden mit krankem Kind so geht, arbeitet Teri als Nachtputzfrau ausgerechnet im Hotel Karanz. Und wird dort Zeugin der Hinrichtung eines V-Manns von Kommissarin Demir (Jana Julia Roth), die das Treiben schon lange beobachtet. Die Mörder entdecken Teri, sie führt ihre Expertise ins Feld: Reinigen, bis kein Virus, kein Blut und keine Spur mehr übrig bleibt. Bald hat sie mehr ähnlicher Jobs am Bein. Im Gegenzug regelt Vincent des Kindes Behandlung. Luca, die unter einer schweren Immunschwäche leidet, wird in ein klinisches Studienprogramm aufgenommen. Ohne Erfolg, also wird der unwillige Stammzellspender gekidnappt. Schließlich wollen Teri und Vincent nach Boston, wo Luca nicht nur geheilt werden könnte, sondern auch die zwischen „Mutterliebe, Mord und Moral“ (ZDF-Pressetext) aufblühende Liebe Beständigkeit lernen könnte. Mehr Humbug geht also kaum, und es ist auch keine Entschuldigung, dass Regisseur Andreas Menck und die Autoren Andreas Gutzeit, Swantje Oppermann und Florian Puchert auf das argentinische Vorbild „La chica que limpia“ oder die amerikanische, immerhin in Las Vegas spielende Bearbeitung „The Cleaning Lady“ verweisen können (Kamera Lars Petersen). Wer eine originelle Serie wie „Der Tatortreiniger“ mit Bjarne Mädel erwartet, sei nachdrücklich gewarnt. Wer zahnschmerzverdächtig überzuckerte Märchen goutiert, kann nun wissen, worauf er sich einlässt. Auf „Serial Cleaner“-Putzfrau-Ärztin-Supermutter alias Aylin Tezel, die sonst schauspielerisch alle Mitstreitenden an die Wand drängt, dieses Mal aber im Muttertränensee selbst untergeht. Auf Skrupel und Kollateralschäden, die nicht zählen, solange alles en famille bleibt. Oder einfach auf sechs Folgen Fernsehen, das aussieht, als wolle es sich über seine Zuschauer lustig machen. Serial Cleaner läuft ab 30.9. ab 21.45 Uhr wöchentlich in Doppelfolgen bei ZDFneo und im ZDF Stream.