Caroline Massav kommt hochgeschlossen an den Strand. Langärmeliges schwarzes Shirt mit hohem Kragen, Leggings bis zu den Knöcheln. Nur Gesicht, Hände und Füße liegen bloß. Sonnencreme? Lieber nicht. Sie will gleich ins Wasser, hier an der Westküste von La Réunion, nach den Korallen sehen, die ihre Organisation Corécif aufpäppelt. Und die meisten Sonnencremes schädigen Korallen, wie man inzwischen weiß. Vermutlich selbst solche Produkte, deren Hersteller Produkte als „rifffreundlich“ bezeichnen. „Das ist meist Greenwashing“, sagt die junge Frau, während sie in das Wasser watet zu einem Metallgestell, an dem abgebrochene Korallenstücke mit Kabelbindern fixiert neue Kraft schöpfen und heranwachsen sollen. „Jeder Hersteller behauptet, was er will. Es gibt keine Organisation, die solche ungeschützten Angaben überprüft.“ Länder und Regionen mit Korallenriffen waren die ersten, die schon vor Jahren Sonnencremes mit chemischen UV-Filtern wie Octocrylen, Octinoxat oder Oxybenzon verboten. Forschungen ergaben, dass sie mitverantwortlich sind für die oft tödlich endende Korallenbleiche. Aber auch in Gewässern in Europa, weit entfernt von Karibik, Südsee oder Indischem Ozean, stehen die Stoffe in Verdacht, Fische und Amphibien zu schädigen. Noch nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht, allerdings nicht ausgeschlossen ist zudem, dass sie sogar im menschlichen Organismus ähnlich wie Hormone wirken. Aus Octocrylen können bei längerer Lagerung krebserregende Benzophenone entstehen. Auf manchen Tuben steht deshalb nun nicht mehr nur für Laien viel Unverständliches in mikroskopisch kleinen Buchstaben geschrieben, sondern groß auch der Hinweis „ohne Octocrylen“. Andere Hersteller rühmen sich gleich mit dem Verzicht auf eine ganze Reihe von in Verruf geratenen Komponenten: „Ohne tierische Inhaltsstoffe, Parabene, Silikone, Mikroplastik, Nanopartikel, Octocrylen, Mineralöl, Parfum & Farbstoffe. Ohne komedogene Inhaltsstoffe“, liest man da. Ohne kome-was? Man wollte den Urlaub doch nur möglichst ohne Sonnenbrand verbringen, und plötzlich erscheint der als das kleinere Übel. Wer blickt da noch durch? „Es gibt ein begrenztes Wissen in der Bevölkerung, damit spielen Hersteller. Vieles davon ist Marketing“, konstatiert Martina Meinke. Die Leiterin des Centrums für Experimentelle und Angewandte Physiologie der Haut an der Berliner Charité gehört nicht zu den Sonnenverächtern. Obwohl oder gerade weil sie seit rund 20 Jahren zu Sonnencremes forscht. Frühmorgens radelt sie ohne Sonnenschutz 45 Minuten zur Arbeit und kennt neben der Sicht von Hautärzten auch die von Kollegen aus anderen Fachbereichen. Wer sich ein bisschen der Sonne aussetze, sagen die, habe ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, für Diabetes Typ 2 oder Multiple Sklerose. Risiko für Hautkrebs bleibt – auch bei Lichtschutzfaktor 50 „Absolut nicht zu empfehlen ist, in der Sonne zu grillen“, betont die Professorin. „Wer Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50+ aufträgt und denkt, jetzt ist die Welt in Ordnung, riskiert dann trotzdem Hautkrebs.“ Dass Octocrylen in den menschlichen Organismus eindringen soll, findet Meinke mindestens „erstaunlich“. Klar, an der Charité hätten sie nicht alle Cremes untersucht, aber viele Cremes. Normalerweise sei die Haut eine so hervorragende Barriere, dass es schwierig sei, Substanzen selbst dann penetrieren zu lassen, wenn dies ausdrücklich erwünscht sei. Etwa bei Schmerzgels. Sonnencreme werde im Gegenteil speziell dafür entwickelt, dass sie an der Oberfläche bleibe, um dort ihre Wirkung zu tun. Künstliche Filter werden im Labor so designt, dass sie die UV-Strahlen entweder absorbieren oder reflektieren und streuen. Die umstrittenen chemischen Stoffe Octocrylen, Octinoxat und Oxybenzon gehören zu den sogenannten Absorbern, die das Sonnenlicht aufsaugen und als Wärme wieder an die Umgebung absondern. Sogenannte Streuer sind Pigmente wie Zinkoxid und Titandioxid, die auch in Wandfarben und Lacken zum Einsatz kommen. Um den typischen, aber unbeliebten Weißeleffekt dieser mineralischen Sonnencremes zu minimieren, werden sie inzwischen oft in Nanopartikelgröße eingesetzt. Selbst Nanopartikel seien in der Regel aber nicht so klein, dass sie durch die Haut gingen, sagt Meinke. Entwarnung gibt auch das Bundesinstitut für Risikobewertung: „Hersteller dürfen Inhaltsstoffe nur dann einsetzen, wenn bei der beabsichtigten Höchstkonzentration von keinem gesundheitlichen Risiko auszugehen ist. Das gilt insbesondere für Farb- und Konservierungsmittel sowie UV-Filter.“ Dennoch werden auch sie auf der Liste der Inhaltsstoffe oft separat ausgewiesen, genauso wie Octocrylen. Für Ingo Kirst, Ökotoxikologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Umweltbundesamtes, durchaus sinnvolle Informationen. Die hormonähnlichen chemischen UV-Filter führten zu einer Verweiblichung männlicher Fische, auch in unseren Breiten. „Im schlimmsten Fall werden sie unfruchtbar.“ Andere Studien weisen darauf hin, dass Zinkoxid in Nanogröße zur Korallenbleiche beiträgt und Seeigel sowie Zebrafische schädigen kann. Auch von Parabenen weiß man inzwischen, dass sie dem weiblichen Sexualhormon Östrogen ähnlich sind. Der Einsatz der Konservierungsstoffe in der Kosmetik ist bereits seit 2014 reguliert. Einige wurden komplett verboten, andere wie Butyl-, Propyl-, Methyl- und Ethylparaben dürfen nur in sehr geringer Konzentration verwendet werden. Silikone als Kosmetik-Tausendsassas stecken ebenfalls nicht nur in Sonnencremes. Da sie biologisch schwer abbaubar sind, können auch sie in der Summe die Gewässer und ihre Bewohner belasten. Detaillierte Informationen über die Schadstoffe liefert die App Tox Fox vom Bund Naturschutz. Schon zu Hause die Creme auftragen Was also tun? Hautärzte genauso wie Umweltschützer raten, es wie Caroline Massav auf La Réunion zu halten. Textilien seien der beste Schutz vor zu viel Sonne. „Auch ein T-Shirt aus Baumwolle oder ein Poloshirt mit Kragen zum Schutz für den Nacken erfüllen ihren Zweck. Es muss kein Hightechpolyester, Nylon oder Elastan sein“, sagt die Münchner Dermatologin und Allergologin Carolyn Krieg. Wenn schon Sonnencreme, dann sollte sie aufgetragen werden, ehe man das Haus verlässt, und gut einziehen. Das rettet die eigene Haut über den Sommer und hilft auch noch der Umwelt. Wer direkt nach dem Eincremen schwimmen geht, wäscht einen Gutteil sofort wieder ab. Die Variante, möglichst wenig Creme aufzutragen, um Körper und Umwelt vor vermeintlichen oder tatsächlichen Schäden zu bewahren, ist keine Alternative. „Viel hilft viel“, betont Krieg. „Wenn man mit einer halb vollen 200-Milliliter-Tube nach einer Woche aus dem Urlaub zurückkehrt, hatte man statt des aufgedruckten Lichtschutzfaktors 50 nur 8 oder weniger.“ Für das Gesicht speziellen Schutz Empfohlen werden für Erwachsene vier gehäufte Esslöffel. Das entspricht 30 bis 40 Milliliter pro Anwendung. Es müsse nicht das teuerste Produkt sein, sagt Krieg. „In der Regel tun es auch Drogerieprodukte.“ Eines mit Faktor 50 ohne Duftstoffe für empfindliche Kinderhaut eigne sich für die ganze Familie. Für das Gesicht rät sie zu einer speziellen Sonnencreme, die eine leichte Textur hat, nicht in den Augen brennt und idealerweise gerade bei Frauen auch gegen Pigmentflecken schützt. Die Ärztin beobachtet allerdings immer wieder Strandgänger, die nach der Ankunft erst einmal zehn Minuten plaudern und dann ein bisschen cremen. „Die Eigenschutzzeit ist je nach Hauttyp dann schon oft zur Hälfte aufgebraucht. Wenn man dann noch zu wenig Sonnencreme aufträgt oder Hautstellen vergisst, ist ein Sonnenbrand programmiert.“ Wie viel Eigenschutzzeit die Haut hat, ist unterschiedlich. Je nach Hauttyp bildet die Haut mehr oder weniger Melanin als Farbstoff, der einen Teil der UV-Strahlen abfängt, und eine dickere Hornschicht, um sich vor weiterer Strahlung zu schützen. Sehr hellhäutige Menschen vertragen nur drei bis zehn Minuten. Der Lichtschutzfaktor auf den Sonnencremes gibt an, um wie viel länger man in der Sonne bleiben kann. Ausreizen sollte man diese Grenzen aber besser nicht. „Nicht komedogen“ bedeutet übrigens schlicht, dass die Cremes bestenfalls keine Mitesser oder Pickel verursachen. Inhaltsstoffe wie Kokosöl, Kakaobutter, Mineralöle, Paraffine und Silikone oder Lanolin neigen nämlich dazu, die Poren zu verstopfen.
