Eins haben Olivier Latry und Anna Lapwood gemeinsam: Beide tragen Glitzerjacketts. Wobei das der englischen Organistin noch etwas kräftiger funkelt als das ihres französischen Kollegen. Ansonsten aber könnten die beiden Musiker in ihrem Auftreten unterschiedlicher nicht sein. Zu beobachten diese Woche in Frankfurt: Nacheinander gastierten beide in der Alten Oper, Latry am Montag mit einem Soloprogramm ganz im Zeichen Bachs, Lapwood am Dienstag in Begleitung des Philharmonia Orchestra und zweier deutscher Chöre mit Zeitgenössischem sowie Camille Saint-Saëns’ dritter Sinfonie. Latry, 64 Jahre, Organist der Kathedrale Notre-Dame de Paris, ist der Grandseigneur seiner Zunft. Einer der besten Organisten der Gegenwart, ein begnadeter Improvisator und Einspieler zahlreicher Referenzaufnahmen von Werken der französischen Romantik und Moderne. Lapwood, 31 Jahre, Organistin der Royal Albert Hall in London, ist der Shootingstar der Szene – spätestens seit ihrem Auftritt 2025 in Köln, der 13.000 Menschen zum Dom lockte. Sie spielte ihr Konzert zweimal, trotzdem fanden nicht alle Einlass in die Kathedrale, die Polizei musste eingreifen. Auf Instagram hat sie 1,8 Millionen Follower, auf Tiktok 1,6 Millionen, man nannte sie schon die „Taylor Swift der Orgelmusik“. Lapwoods Pro-Arte-Konzert in Frankfurt ist seit Langem ausverkauft. Im Saal sitzen neben treuen Abonnenten auch jüngere Leute, die ihr Interesse an Orgelmusik (genauer: an deren Interpretation durch Lapwood) erst vor Kurzem entdeckt haben dürften. Bei Latry, der im Rahmen der Frankfurter Bachkonzerte gastiert, liegt der Altersdurchschnitt höher. Die Lautstärke des Applauses, den Lapwood erntet, als sie zum ersten Mal die Bühne betritt, entspricht etwa jener, mit der Latry nach anderthalb Stunden Solospiel verabschiedet wird. Latry ist ein ernster Mann, aber nicht humorfrei, wie er bei anderer Gelegenheit schon bewiesen hat. Wenn es ihm nötig erscheint, richtet er in Konzerten das Wort an die Zuhörer, etwa um sie zu bitten, an bestimmten Stellen (noch) nicht zu klatschen. Lapwood greift vor jedem neuen Stück zum Mikrofon, erklärt den Aufbau des Werks und dessen emotionalen Gehalt. Sie regiert den Spieltisch mit ausladenden Gesten, hoppelt bei Auftritten und Abgängen über das Podium wie der junge Otto Waalkes, animiert das Publikum, bei besonders stimmungsvollen Passagen die Handylampen anzuschalten, und strahlt den ganzen Abend über die Begeisterung einer Cheerleaderin während ihres ersten Superbowl-Finales aus. Und die Musik? Latry präsentiert seit Langem Bekanntes und Bewährtes, Bearbeitungen Bachscher Instrumental- und Chorwerke, am Schluss die „epidemische“ Toccata und Fuge d-Moll. Als Orgelsolist exponiert er sich in der trockenen Konzertsaalakustik maximal, selbst kleinste Fehler, die auch einem Meister unterlaufen, sind hörbar. Sollte sich Lapwood einmal verspielen, fällt das im dröhnenden Orchesterbombast von Hans Zimmers Filmmusiken zu „The Da Vinci Code“ und „Interstellar“ nicht weiter auf. Und in Saint-Saëns’ Opus magnum, dessen Beiname „Orgelsinfonie“, wie Lapwood anmerkt, irreführend ist, wird die Interpretin kaum gefordert – die Orgel spielt darin, von den drei wuchtigen Akkorden zu Beginn des Schlusssatzes abgesehen, nur eine Nebenrolle. Nach dem donnernden Finale verzichtet Lapwood auf eine Zugabe: Diesen Schluss könne sie nicht mehr toppen, erklärt sie. Dramaturgisch verständlich, trotzdem schade: Gerne hätte man diese sympathische Botschafterin ihres Instruments am Ende solo gehört. Sie sollte einmal in Frankfurt, wie Latry, ein ganzes Konzert nur mit Bach bestreiten. Langweilig würde auch das nicht werden.
