FAZ 07.08.2026
08:01 Uhr

Start der Zweiten Liga: Die tollen Typen aus dem Unterhaus


Ein Übergangscoach im zwanzigsten Jahr, ein Pokerprofi als Quereinsteiger und ein Verteidigungsminister mit Dauerkarte: Sieben Typen, die die Saison in der Zweiten Bundesliga prägen werden – oder auch nicht.

Start der Zweiten Liga: Die tollen Typen aus dem Unterhaus

Frank Schmidt, 1. FC Heidenheim – der ewige Interimstrainer Der besondere Charme einer Interimslösung besteht darin, dass sie den handelnden Personen einen zeitlichen Puffer verschafft, um in einer Krisensituation nach einer dauerhaften Antwort zu suchen. So war es auch beim 1. FC Heidenheim, als der Vereins­vorsitzende Holger Sanwald den ehemaligen Mannschaftskapitän bat, „für zwei Spiele“ als Trainer einzuspringen, bis ein Nachfolger für den entlassenen Dieter Märkle gefunden war. Der Übergangscoach nahm die Aufgabe in der Oberliga an – und erwies sich schnell als die gesuchte Lösung. An diesem Samstag startet Frank Schmidt in seine zwanzigste Saison als Trainer an der Brenz. Und dies sogar mit besonderer Motivation. Denn nach vier Aufstiegen bis hoch in die Bundesliga und der Qualifikation für den Europapokal musste Heidenheim in der Vorsaison erstmalig einen Abstieg verkraften. Kein Grund für Gram, denn Hadern kostet nur Energie. Schmidts Blick geht nach vorn – in seine angeblich letzte Saison. (ad.) Fabian Reese, VfL Wolfsburg – der Mann fürs bessere Image Auf Fabian Reese, von Hertha BSC Berlin zum Erstliga-Absteiger VfL Wolfsburg gewechselt, warten viele wichtige Aufgaben. Seine Tore sollen Kritik an einem millionenschweren Neuanfang im Keim ersticken. Seine Art, die Massen zu begeistern, macht ihn zur Galionsfigur im Kampf um ein bes­seres Image der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH. Das vom Volkswagenkonzern gesteuerte Unternehmen will den Betriebsunfall Ab­stieg mit mehrheitlich deutschsprachigen Pro­fis schnell korrigieren. Mit Blick auf die bisherigen Trikotverkäufe und Interviewanfragen wird schnell klar: Reese taugt dabei zum Liebling der Massen. Neulich beim Training trug der Stürmer ein grünes Stirnband mit weißem VfL-Logo. Später auf einer Showbühne bändigte ein weißes Ex­emplar mit grünem Vereinslogo seine Langhaarfrisur. Als Grund für seine Stirnband­vorliebe gibt Reese keine modische Präferenz an. Das Accessoire soll seinen Großeltern dabei helfen, ihn im Stadion und auf dem Platz zu erkennen. (cott.) Boris Pistorius, Osnabrück – der leidgeprüfte Edelfan Boris Pistorius ist leidgeprüft, als Verteidigungsminister wie als Fußballfan. Der Bundeswehr fehlt es an Menschen und Material. Dem VfL Osnabrück, für den das Fußballherz des SPD-Politikers schlägt, mangelt es an Konstanz; sofern man das ständige Auf- und Absteigen nicht als Beständigkeit wertet. „Keine Sorge, wir kommen zurück“, ist das Credo des derzeit beliebtesten deutschen Politikers, seit er in seiner Amtszeit als Osnabrücker Oberbürgermeister (2006 bis 2013) zwei Abstiege erleben musste. Neulich ist der VfL zum achten Mal aufgestiegen – Zweitligarekord! Zwar wird Pistorius seine Dauerkarte, die er seit mehr als 30 Jahren besitzt, selten nutzen können, weil in der Bundesregierung immer etwas zu klären ist. Doch fremdgehen wird er nicht, auch wenn er sich damit leicht irgendwo (Bayern!) anbiedern könnte. Anders als andere Politiker „habe ich mir auch zu offiziellen Anlässen niemals andere Schals als die des VfL umgehängt“, sagte Pistorius mit klarer Kante. (kle.) Jonas Boldt, Hannover 96 - Mann mit klarer Kante Die erste, deutschlandweit wirksame Duftmarke ist gesetzt. Jonas Boldt, neuer Geschäftsführer von Hannover 96, hat jetzt schon gute Chancen auf einen der besten Sprüche der Saison 2026/27. „Das ist kein PlayStation-Spiel“, sagt mit Blick auf den Profifußball jener Mann, der bei den Niedersachsen gerade an der Spitze einer kniffligen Debatte steht. In der vergangenen Spielzeit hatte Hannover 96 mit 24 Neuzugängen, Christian Titz als neuem Trainer und dem früh gescheiterten Geschäftsführer Jörg Schmadtke versucht, den ersehnten Aufstieg in die höchste deutsche Spielklasse zu er­zwingen – und scheiterte. Dieses Mal gibt Boldt selbstbewusst den Ton an und warnt davor, aus zu vielen Profis einen Kader zu formen, der mehr Unzufriedenheit als Einigkeit erzeugt. Die Debatte, ob Titz mehr Neuzugänge bekommen oder Boldt recht behalten soll, ist typisch für diesen Fußballstandort. Hier hat Ungeduld einen Stammplatz. Boldt will auch in die erste Liga, nur etwas anders als Titz. Willkommen bei Hannover 96. (cott.) Maximilian Senft, KSC – der Zocker von Karlsruhe Der Profifußball bildet oft eine geschlossene Gesellschaft. Wer seine Spielerkarriere beendet, wird Trainer, Manager, Sportdirektor. Dass jemand von weit draußen dazustößt, ist eher selten. Umso beachtlicher, dass der Karlsruher SC nach sechs Jahren unter Trainer (und früheren Profi) Christian Eichner nun Maximilian Senft vertraut. Der Wiener ist mit 37 Jahren der jüngste Zweitligacoach und hat auch den quersten Einstieg hinter sich. Senft war Pokerspieler und verdiente bis zu seinem Karriereende 2015 weitaus mehr als nur seinen Lebensunterhalt. 760.000 Euro Preisgeld sicherten ihm ein Polster, um sich auf Studium und Trainerausbildung zu konzentrieren. 2019 wurde Senft Assistent seines Landsmanns Gerhard Struber. Nun der Schritt als Chef ins Ausland. Seine Pokererfahrung helfe ihm dabei, sagte der Österreicher. „Dort gewinnst du manchmal auch nicht, obwohl du eine clevere Entscheidung getroffen hast.“ Der KSC hofft auf ein glückliches Händchen. (kle.) Martijn Kaars, St. Pauli – der Zweitligaspezialist Das Auffälligste an ihm waren seine schwarzen Schuhe. Während alle anderen auf Rosa, Orange oder Rot setzten, blieb Martijn Kaars in seiner ersten Bundesligasaison beim Klas­siker in Dunkel. Schlicht der Schuh, schwach der Auftritt – Kaars kam als zweitbester Zweitligaschütze vom 1. FC Magdeburg zum Aufsteiger FC St. Pauli und beendete die Abstiegssaison mit drei Toren in 29 Spielen als große Enttäuschung. Er prallte an Verteidigern ab, verlor Laufduelle, übersah Mitspieler, verstolperte Chancen. Kaars wurde zum nächsten Eintrag in der Kategorie Zweit­liga-Spezialisten. Zurück im gewohnten Habitat, soll der 27 Jahre alte Niederländer den Weg wieder nach oben ebnen. In fünf der sechs Testspiele hat Kaars getroffen. Die Kollegen schwärmen von seinem präzisen Flachschuss. Der neue Trainer Marcel Rapp sagt: „Wenn er zum Schuss ansetzt, kann man schon mal aufspringen zum Jubeln.“ Das kennt man sonst nur von Harry Kane. (fei.) Leonardo Bittencourt, Energie Cottbus – der Fußballromantiker Selbst gekocht hat Claus-Dieter Wollitz nicht, aber er hat Wort gehalten und Leonardo Bittencourt zum Essen ausgeführt. Sogar wie versprochen abgeholt hat der Trainer von Energie Cottbus seinen prominenten Zugang. Schließlich hatte Wollitz getönt, all das würde er machen, sollte sich Bittencourt für eine Rückkehr nach Cottbus entscheiden. Der 32 Jahre alte Offensivspieler ist die prominenteste Verstärkung des Aufsteigers. Da spielt es auch keine Rolle, dass sich Bittencourts Karriere nach vielen Jahren in der Ferne in Dortmund, Hannover, Köln, Hoffenheim und zuletzt Bremen in Richtung Zielgerade neigt. Sein Name weckt Hoffnungen auf den Klassenverbleib und lässt Roman­tiker in Erinnerungen schwelgen. Bereits Vater Franklin spielte für den FC Energie, damals zu den Hochzeiten des ersten Bundesliga-Aufstiegs rund um die Jahrtausendwende unter Trainer Eduard Geyer. Sein Sohn Leonardo begann als Sechsjäh­riger in Cottbus mit dem Fußballspielen, 2011 gab er dort sein Profidebüt. Sein Trainer damals: Claus-Dieter Wollitz. (ssti.)