Fürs Dating lohnt sich ein Blick in die Zeitung – auch wenn sie vor 100 Jahren gedruckt wurde. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lagern solche Ausgaben sicher im Archiv. Was erzählte der Vorläufer der F.A.Z., die Frankfurter Zeitung, 1926 über die Suche nach dem oder der Richtigen? Und was können wir daraus für heute lernen? Werfen wir einen Blick in eine kleine, antiquierte Rubrik: Heiratsanzeigen. Immer sonntags fanden sich im zweiten Morgenblatt Alleinstehende in den Spalten des gedruckten Heiratsmarkts. Wer nicht selbst inserieren wollte, beauftragte eine Agentur oder die Verwandten mit der Partnersuche. Viele Wörter wurden gekürzt, gezahlt wurde schließlich pro Zeile. Neigungsehe oder die Suche nach dem Geld Für ihre Vorstellungen, wie der Rest ihres Lebens auszusehen hat, nutzten die Hoffnungsvollen Schlagwörter: „Zweckehe“, „Einheirat“, „Vernunftehe“. Die „Neigungsehe“ war für Romantiker. Andere suchten mit ökonomischen Maßstäben. Oder auch nach Liebe und Geld gleichzeitig, wie etwa ein 28 Jahre alter Mann in einer Annonce vom 10. Januar 1926: „Suche echte Neigungsehe, die mir leider nur durch wirtschaftlich entsprechende Einheirat möglich ist.“ In den Zwanzigerjahren wurde die Rolle der Frau neu ausgehandelt. Die „Neue Frau“ der Weimarer Republik emanzipierte sich, sie arbeitete für den eigenen Unterhalt, trug einen Bubikopf und Flapper-Röcke. Für diese neue Zielgruppe druckte die Frankfurter Zeitung seit März 1926 die Beilage „Für die Frau“. In vielen Partnerschaften stieß der Wunsch nach mehr Selbstbestimmung aber auf Widerstand. Obwohl Teile der Gesellschaft bereit waren für mehr Gleichberechtigung, konnte sie sich nicht von ökonomischen Abhängigkeiten und tradierten Idealen lösen. So ist es teilweise bis heute. Finanziell abhängig in Partnerschaften sind auch 100 Jahre später vor allem Frauen. Sie rutschen nach der Ehe schneller in die Teilzeitarbeit, müssen erziehungsbedingte Ausfälle im Lebenslauf erklären, leisten mehr unbezahlte Arbeit und beziehen geringere Renten. Inzwischen brauchen Paare häufig zwei Einkommen, um sich den klassischen Lebenstraum mit Haus, Kindern und Familie zu erfüllen. Wie die Zutaten eines Rezepts Freiheit kostet Geld, finanzielle Absicherung ist wichtig. Das bei der Partnersuche direkt anzusprechen, wie der Mann damals in der Annonce, klingt befremdlich. Aber ist es nicht auch ehrlich? Im Jahr 1926 kamen die Suchenden in der Zeitung direkt zur Sache. Ehe? Nur bei entsprechendem Vermögen und glattem Haar, so sah es der 28 Jahre alte Mann: „Mein Frauen-Typus: 150 bis 170 cm, gesund, schlank, hübsch: gute Beine und Zähne, glattes Haar, gebildet, geist- und geschmackvoll, vornehme Manieren, kein Durchschnittswesen.“ Noch sparsamer hielt es ein selbständiger Kaufmann: „Heirat. (...) Vermögen Bedingung.“ Die anonymen Beschreibungen der eigenen Person waren knapp gehalten, wie die Zutaten eines Rezepts: Beruf, Alter, Zivilstand, Konfession. Angaben, wie sie noch heute die meisten Dating-Profile abfragen. Aber die Suchenden von damals nahmen auch dann kein Blatt vor den Mund, wenn es ums konkrete Gehalt ging, wie ein 45 Jahre alter Witwer am 19. Dezember 1926: „20.000.- Jahreseinkommen. 7-Zimmerwohng. In Villa, erstklassige Möbel- und Wäscheausstattg. vorhand.“ Meist orientierten sich die Suchenden an klassischen Rollenbildern: Männer suchten häusliche Frauen „aus guter Familie“ mit Tiefgang, Intelligenz und Vermögen. Sie „dürfen“ jung und hübsch sein – Zuschriften gern mit einem Foto der ganzen Figur: „Diskretion ist Ehrensache“. Auch weil es kriegsbedingt zu dieser Zeit mehr Frauen als Männer gab, dürfte das nicht unbedingt auf Ablehnung gestoßen sein. Hausfrauen-Klischee als Marketing-Taktik Die „Neue Frau“ blieb auf dem Heiratsmarkt noch Interpretation. Inserentinnen suchten pointiert wie die Männer, warben aber (womöglich wettbewerbsgeschuldet) offensiver für sich. Sie lockten mit Erfahrung in „allen weiblichen Arbeiten“ und „häuslicher Erziehung“, einer ansehnlichen Mitgift oder einem familiären Geschäft, in das der Gesuchte einheiraten könne. Sie beschrieben bewusst das Klischee der Hausfrau und Mutter. Marketing-Taktik? Oder wollten sie so gesehen werden? Betont wurden Kinderlosigkeit, Jugend und Schönheit. Ausdrücke wie „einem Vereinsamten zu treuen Händen“ und „vornehm denkende Dame“ ließen sich immerhin als progressiven Stil oder poetischen Feinsinn deuten. Als die Inserentin sich in einer Anzeige am 28. März 1926 später als „ernst-frohe Person“ mit „hausfraulichem Pflichtenkreis“ beschrieb, machte sie aber einen kleinen Rückzieher. Viele Frauen wollten über ihren potentiellen Ehemann in erster Linie wissen, wie viel Geld er mitbringt – und verschleierten das mit ihrer Suche nach der „passenden“ Partie oder der „sicheren Lebensstellung“. 100 Jahre später gibt es mehr Partnerschaften, die auf freiwilliger Entscheidung und gegenseitiger Hingabe beruhen. Rollenbilder sind aufgebrochen, die Formen der Liebe werden neu verhandelt. Das ist dem politischen Ringen mehrerer Generationen zu danken. Wer aber ganz klassische Wünsche hat, zum Beispiel eine Familie (teuer) oder ein Haus (illusorisch), der schreckt beim Daten häufig lange vor solchen Themen zurück. Kaum jemand will als geldzentrierter Opportunist vorverurteilt werden oder als unromantisch und altmodisch gelten. Niemand, der modern datet, wünscht sich die Strenge der Zwanzigerjahre zurück. Aber wir könnten uns von den Singles von vorgestern abschauen, dass man unbequeme Bedürfnisse klar formulieren kann. Auch ohne den Wunsch nach Macho-Männern oder einem Hausfrauenleben kann es sich lohnen, die Karten beim Dating schamlos auf den Tisch zu legen.
