„Theater“, schrieb Jelinek zur Begründung des Aufführungsverbots für ihre Theaterstücke in Österreich anlässlich der ersten Bundesregierungsbeteiligung der FPÖ im Februar 2000 in der Tageszeitung „Der Standard“, „Theater, das ist ja im Allgemeinen ein Ort, wo der Staat sich repräsentiert“. Ein niederschmetterndes Urteil für alle, die Theater als Ort des Widerspruchs gegen politische Repräsentation verstehen und das mit Jelineks Stücken illustrieren. Eine Kette von Widersprüchen müsste folgen, wenn logische Widersprüche im politischen Diskurs dieser Tage von besonderer Bedeutung wären. Das schweigende Mädchen Was wäre also geeigneter als ein Jelinek-Stück, um den Zeitgeist bösartiger Absichten sprachlich festzunageln und die Ariadnefäden der Verdrängung zu verfolgen. Doch Neues zur Politik fürs Theater gibt es von ihr derzeit nur am Burgtheater, und so bringt das Volkstheater einen Monat vor Jelineks 80. Geburtstag ein Medley ihrer Stücke zum Rechtsradikalismus und zur untoten Präsenz und soziokulturellen Verankerung des Nationalsozialismus auf die Bühne. „Die Ankunft (Wolken.Heim. / Rechnitz – der Würgeengel / Das schweigende Mädchen / Das Lebewohl – Nein: Die Ankunft)“ lautet der Titel des Abends. Dafür richtet die große Bühne fünf Bühnenbilder an, die sich am Ende überdeutlich zu einem halb verbrannten (NSU-)Haus fügen (Bühne: Marie Roth). Er finde „zur rechten Zeit“ statt, attestiert sich das Theater seine Geistesgegenwärtigkeit selbst, „heute“, da „die politische Mitte verstummt, der Rechtsruck in vollem Gang ist, völkisches und radikales Denken wieder salonfähig – und beängstigende Kontinuitäten immer erkennbarer werden“. Offene Enden werden gekappt Dafür hat Regisseur und Volkstheaterdirektor Jan-Philipp Gloger die achtundachtzigjährige Schauspielerin und ehemalige Volkstheaterdirektorin Emmy Werner als „Zeitzeugin, Engel und Mahnerin“ besetzt. Als schwarzer Engel tritt sie auf, als entsetzte Beobachterin, Kommentatorin und Verkörperung des politischen Einspruchs, als die sie zwischenzeitlich von oben durch einen Schornstein entsorgt wird. Leider erliegt das Theater seiner ewigen Versuchung durchs Politische. Es macht jene Kontinuitäten auf der Bühne derart unmissverständlich, dass das Zuschauergehirn darauf reagiert wie auf Zusammenfassungen von KI, nämlich gar nicht. Es liegt ja alles schon auserklärt da. Es ist aufrichtig gemeint, aber oft entsetzlich langweilig. Das mag daran liegen, dass Gloger für sein Medley zu viel von jener Eigenartigkeit gestrichen hat, die sich aus Jelineks überlanger Komposition ihrer Sätze ergibt. Eine derartige Kürzung der Texte lässt sich kaum durch ihre Kombination kompensieren, ohne die bei Jelinek immer auch vorhandenen offenen Enden zu kappen. Es reduziert sie auf eine monologische Sentenz. Von „Wolken.Heim.“ bleibt eine fast unlauter schenkelklopfende, pointenlose doppelte Dekontextualisierung übrig. So wird aus Heidegger ein Gamsbarthutträger, der Hitler imitiert, aus Hegel ein Vordenker des Totalitarismus, aus Hölderlin ein wirrer Irrer. Die Verknappung legt keinen Verweis auf die völkische Instrumentalisierung der Romantik offen, wie Jelinek es tat, im Gegenteil, sie macht sie einfach zu Vorboten. Eine Art literarischen Fehlschlusses, eine verfehlte Dekonstruktion. Dieses Re-Framing frisst die Komplexität des Geframten wie die Revolution ihre Kinder. Anders der Teil von „Rechnitz – Der Würgeengel“, Jelineks 2008 in München uraufgeführtem Stück über das Massaker einer vom Ehepaar Batthyány zu einer Feier eingeladenen NS-Gesellschaft, während dessen 200 jüdische Zwangsarbeiter ermordet wurden. Glogers Kondensat der Botenberichte versetzt die Darsteller vor dem Vorhang in die Lage, zu zeigen, wie Jelinek die Gewalt in Sprache überträgt. Insbesondere Katharina Kurschat und Maximilian Pulst als Bedienstete zeigen erbarmungslos, wie sich der Blutrausch der Festgesellschaft mit und aus der Sprache entwickelt und entfesselt. Nach der Pause gelingt Ähnliches in den folgenden zwei Teilen nicht, auch weil Gloger sie szenisch anders behandelt. „Das schweigende Mädchen“ wird erst dokumentartheatral reenactet, um in einen überillustrierten Slapstick überzugehen, in dem Tjark Bernau als Oberbayerisch sprechender Richter seine Selbstrechtfertigung singt, Maximilian Pulst als Ermittler auf Thüringisch Männerwitze macht, Josef Mohamed als Anwalt sich auf Tirolerisch von sich selbst distanziert und Beate Zschäpes Katzen ihren großen Auftritt kriegen. Glogers Inszenierung wählt den Weg der Autosuggestion statt den der Decodierung. Sie lässt nicht auf Motive Handelnder schließen, die uns zweifeln lassen, sondern urteilt unzweifelhaft, dass dahinter eine große Verschwörung stecke. Daran ändert auch der von Jelinek jüngst noch einmal bearbeitete und deshalb als Uraufführung klassifizierte Text „Das Lebewohl – Nein: Die Ankunft“ nichts, in dem das die Textmassen souverän bewältigende Ensemble im grenzüberschreitenden Anzugblau erscheint wie auf einem FPÖ-Parteitag. Wenn der Eindeutigkeitshöhepunkt naht, kommt er in Gestalt des schwarzen Engels und zeigt zum besseren Verständnis auf den Faschismus, der wieder vor der Tür stehe. Es ist so, dass in schwierigen Zeiten die Sehnsucht nach Klarheit wächst, aber wohl bei allen: Nur weil die Antwort einfach ist, muss sie nicht gleich richtig sein.
