FAZ 06.10.2026
11:32 Uhr

Theaterpremiere Wien: Eigentlich ist alles Liebe


Am Theater in der Josefstadt versuchen sie sich an der größten Liebesgeschichte der Welt. Stefan Pucher inszeniert Shakespeares „Romeo und Julia“ als postgeschlechtliches Identitätswirrwarr.

Theaterpremiere Wien: Eigentlich ist alles Liebe

Wir leben wahrlich in einer finsteren Welt. Jetzt ist sogar die Liebe falsch. Dabei könnte alles so einfach sein. Wie? Das wissen wir nicht. Nur so, wie es bislang läuft, geht’s nicht, das ist klar. Verbildlicht zeigt sich das in Lucien Haugs und Stefan Puchers Lesart der größten Liebesgeschichte der Welt im Theater in der Josefstadt. Die Grundlage dafür bildet Haugs Neuübersetzung von Shakespeares „Romeo und Julia“. Sie versucht, die gesellschaftspolitischen Bedingungen amouröser Verstrickungen mit viel gewolltem Sprachwitz und wenig Pointierung neu zu befragen. Dafür stellt der Abend eine bislang gültige Kausalfolge auf den Kopf: Nicht bloß das Private ist politisch, alles ist privat, vielmehr: Eigentlich ist alles Liebe, denn wo sie nicht ist, wäre sie besser da. Ganz so einfach ist es nicht, denn es ist ja nicht die Liebe, die obsiegt. Am Ende geht die Story in Verona tragisch aus, und das tut sie auch in Wien. Doch die Prämissen sind sehr anders. Shakespeare schildert die Bedingungen des Friedens, die Dynamik von Konsequenz und Eigensinn und zelebriert gleichwohl die Möglichkeit von Liebe, die nicht als Naivität daherkommt oder Unwissen, sondern als Nichtwissen und Vorurteilslosigkeit. Es herrscht die Renaissance, die Neugeburt, die Zuversicht. Haugs Urteil ist didaktischer. Weil in der Liebe Zwist herrscht, regiert draußen der Krieg, Zerstrittenheit allerorten, keine Beziehung funktioniert, da spielt die Erbfeindschaft der Häuser Capulet und Montague gar keine Rolle. Den Trieb abschneiden Auch der Liebe Romeos und Julias ist der Krieg inhärent, fast sind sie identisch, und die Inszenierung zeigt es texttreu: Ihre Liebe muss scheitern, weil sie anders sein will als die der Herrschenden, die das nicht wollen können. Die alles mit Berechnung tun und mit Funktion versehen und dafür das Eigentliche abschneiden: die Radikalität, also die Wurzel, den Trieb, den Anlass, den Grund und auch die Grenzenlosigkeit. Ihrer Unschuld geben sie keine Chance, sondern die Schuld. Haugs und Puchers „Romeo und Julia“ ist vielleicht eine Fortschreibung der Phantasie von Liebe. Wahrscheinlicher machen sie sie damit nicht. Gewissermaßen austherapiert Aber von Beginn: Die Ehen der Montagues und Capulets sind gleichermaßen im Eimer, nur ziehen die Ladys daraus unterschiedliche Konsequenzen für die Kindererziehung: Die eine, gewissermaßen austherapiert, will ihrem Sohn zeigen, dass Liebe immer möglich ist, auch wenn sie nicht mehr ist; die andere, offenbar untherapiert, will die Tochter zu jenem nötigen, worunter sie selbst leidet, und ihre Männer fügen sich. Julia Kreusch und Marcus Bluhm sind doppelt besetzt als Ehepaare Capulet und Montague, unterscheidbar nur in Haartracht und Kostüm (Annabelle Witt) – beide ordinär teuer, die Montagues mehr in Philipp Plein, die Capulets mehr in Versace, zwei Varianten von Peggy und Al Bundy. Verkörperung der Ignoranz, Boomer eben, stolz auf das Erreichte, im Einklang mit der falschen Welt, ahnungslos über ihre Kinder. Jene sind von allem überfordert, impulsiv beharrend auf dem ihnen zugefügten Unglück suchen sie nach ihrem Ausweg aus dem Trauma, das die Eltern verantworten. Schließlich hat niemand sie gefragt, ob sie geboren werden wollen. Die Gen Z, der erste Mensch. Nicht nur in der Bekleidung passt da nichts mehr zusammen, und nur weil einer hetero ist, kann er auch Perlenkette tragen, doch wer sie trägt, muss es nicht sein. Was sie sein wollen, tragen sie nach außen und glauben so, sie wären es. Julia trägt die Trikothose eines Boxers, drüber Motorradjacke mit Ferrari-Sticker, Romeo Rock und Cowboystiefel, beide ermächtigen sich ganz selbst. Die unwiderstehliche Anziehung ihrer Liebe will Seide Noffke und Leonard Dick indes nicht ganz so leicht in die Körper und über die Lippen, leichter fällt ihnen der Zorn auf die Verhältnisse. Deshalb springen sie viel und aggressiv auf Treppengerüsten herauf und herunter, die für alle Orte stehen, nur ein Wohnwagen ist erst Capulets Schloss und Partyort, dann Lorenzos Bleibe und Rückzugsort eines gekränkten Ichs. Es ist sehr düster überall, aber wie anders kann es aussehen in solch liebesentzogener Welt (Bühne: Nina Peller). Selbst Mercutio und Benvolio wollen nicht Romeos Glück, sondern ihrs durch ihn, und scheitern beide trotzdem. Doch fast erstaunt es einen, dass Mercutio sich, um Romeo zu schützen, plötzlich in Tybalts Messer wirft, so beziehungslos ist er im Spiel von Nikolai Gemel bis dahin mit Romeo auf der Suche nach Julia durch die Nächte geirrt. Die drei halten sich zu sehr am Stabreim fest, nur Benvolio (Samuel Simon), von Anfang an ein Suizident, gelingt es, seiner Liebesverzweiflung ihre anrührende Sprache zu geben. Offenbar ist es diese Sehnsucht nach Zweierbindung, die die Liebe ruiniert und alles in den Abgrund zieht, was sich binden will. Sogar Pater Lorenzo hat eine kaputte, heimliche Beziehung, natürlich mit Julias Amme (großartig in eine so schlaue wie loyale Form gegossen von Olivia Grigolli). Aber so ist es doch, scheinen die Jungen zu rufen: Die Welt ist durcheinander und Ordnung nur Gewalt, jedes Bedürfnis hat sein Recht und ich vor allem, und außer Liebe gibt’s nur Hass, dabei könnten alle alle lieben, platonisch oder polyamourös. Zur Unterstützung gibt es unter aneignender Zuhilfenahme ausgerechnet der Beatles ratlose Musik, wie ein Weg zu finden wäre, sich mit anderem zu versöhnen, beides sein und anderes gelten zu lassen. Einzig die Figur des Fürsten ist da weiter, ein postgeschlechtliches, digitales Doppelgesicht als Instanz der Wahrheit. Keine hoffnungsvolle Aussicht.