Die hohe Kunst des Volleyballspiels besteht darin, den Ball nicht haben zu wollen, ihn nur für kurze Zeit in den eigenen Reihen zu halten, ihn immer wieder dem Gegner zuzuspielen – und zwar so, dass der ihn nicht kontrollieren kann. Es ist ein Spiel von Druck und Gegendruck. Genau das war das Problem der deutschen Nationalmannschaft im Viertelfinale der Europameisterschaft. „Am Ende war der Druck der Polen zu hoch“, resümierte Kapitän Jan Zimmermann und erkannte umgekehrt: „Wir haben es nicht geschafft, konstant Druck zu erzeugen.“ Die Diskrepanz in Fragen des Druckausgleichs wurde im Laufe des Spiels immer gravierender, am Ende stand eine 0:3-Niederlage (23:25, 17:25, 17:25) des deutschen Teams gegen den Titelverteidiger und Weltranglistenersten aus dem Nachbarland. „Gegen solche Gegner reicht eben kein Level von 90 oder 95 Prozent“, erkannte Zuspieler Zimmermann. Schon bei der 0:3-Niederlage gegen Olympiasieger Frankreich zum Abschluss der Vorrunde waren die Deutschen an den kleinen Unterschieden gescheitert: konstant starke Aufschläge, saubere Blockarbeit, wenige Eigenfehler. Die gute Nachricht, so die Analyse des deutschen Zuspielers: „Je mehr Spiele wir auf dem hohen Level bestreiten, desto näher kommen wir an sie ran.“ Bei der EM gewannen die Deutschen fünf ihrer sieben Spiele, sind „als Team sehr gut aufgetreten“, so der Kapitän. Vor allem das Achtelfinale machte Mut. Gegen den WM-Zweiten Bulgarien siegten sie nach 0:2-Satzrückstand dank exzellenter Teamleistung noch mit 3:2 – und das vor 12.000 Zuschauern in hitziger Atmosphäre in Sofia. WM 2027 und Olympia 2028 als nächste Meilensteine Noch vor Jahresfrist waren die Deutschen bei der WM den Bulgaren im Auftaktspiel 0:3 unterlegen und nach der Vorrunde ausgeschieden. Bulgarien könnte auch im Hinblick auf das Fernziel Olympia für Zimmermann und Co. zum Fixpunkt werden. In der Weltrangliste liegen sie derzeit knapp vor den Deutschen auf Rang neun. Für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles qualifizieren sich – neben Gastgeber USA und den fünf Kontinentalmeistern von 2026 – die drei besten Teams der WM 2027 in Polen sowie drei weitere über die Weltrangliste. Die deutsche Mannschaft wird die kommenden Aufgaben mit unverändertem Kader angehen. Fraglich ist, ob der aktuell pausierende Starspieler Georg Grozer noch einmal zurückkehren wird – immerhin ist er mittlerweile 41 Jahre alt. Bei der EM vertrat ihn Erik Röhrs auf der Diagonalposition – und „hat einen sehr guten Job gemacht“, so Zimmermann. Röhrs avancierte in drei der sieben Spiele zum deutschen Topscorer, sammelte insgesamt 98 Punkte. Auf der Zuspielerposition wechselten sich Zimmermann und Johannes Tille zunächst ab. Sie verfolgen eine jeweils etwas unterschiedliche Philosophie. „Wir ergänzen uns sehr gut“, meinte Zimmermann – der in der entscheidenden Turnierphase aber auf sich allein gestellt war. Tille hatte sich im Spiel gegen Frankreich einen Bruch des Mittelfußknochens zugezogen. Nach der Rückreise werden die deutschen Volleyballer nun eine Woche verspätete Sommerferien genießen, ehe sie weiterziehen zu ihren Vereinen in Italien, Polen oder Griechenland. Zimmermann, der wie Röhrs derzeit bei Vero Volley Monza spielt, kann schon auf sieben Auslandsstationen zurückblicken – für ihn ein Grund, warum er den Sprung in die internationale Klasse geschafft hat. „Es ist definitiv so: Wenn du dauerhaft in jedem Spiel auf diesem Level agieren musst, wirst du konstant besser.“ Für den in Tübingen geborenen Zimmermann wäre es definitiv wünschenswert, wenn auch die Bundesliga ein solches Niveau bieten könnte. Doch den heimischen Markt hat der heute Dreiunddreißigjährige schon 2019 verlassen, nachdem er mit den Berlin Volleys deutscher Meister geworden war. Damit die Bundesliga mit den großen Ligen in Sachen Attraktivität, Finanzkraft und Zuschauerinteresse mithalten könnte, müsste einiges passieren, so seine Analyse, vor allem bedürfte es potenterer Sponsoren und größerer Medienpräsenz. Doch dabei geht es nicht um Druck und Gegendruck, sondern um Angebot und Nachfrage.
