Halsbandsittiche und Alexandersittiche sind hervorragende Flieger. Sie sind auch sehr mitteilsam, verständigen sich allerdings nicht mit sanftem Gezwitscher, sondern durch schrille Schreie. Wenn die Tiere sich etwa in Wiesbaden abends in Scharen auf den Weg zu ihren Schlafbäumen machen, ist das nicht zu überhören. Hier gehören die grünen Kunstflieger längst zum Stadtbild. Sie stammen ursprünglich aus Indien und sind der Gefangenschaft entkommen. Die ersten Brutpaare wurden in Wiesbaden 1975 entdeckt. Damit beherbergt die Landeshauptstadt die älteste Brutpopulation des Halsbandsittichs in ganz Deutschland, wie der Biologe und Ornithologe Oliver Weirich sagt. Was die verwandten Alexandersittiche angeht, findet sich in Wiesbaden sogar die älteste Brutpopulation in ganz Europa. Diese Sittichart ist zwar ebenso grün wie die Halsbandsittiche, sie besitzt aber keinen Streifen am Hals, sondern ist am dicken roten Schnabel zu erkennen. Bestand um 90 Prozent gewachsen Die Zahl der brütenden Halsbandsittiche hat allein zwischen 2019 und 2024 um rund 90 Prozent auf 4800 Tiere zugelegt, wie Weirich sagt, der auch Fachgutachter für Artenschutz mit dem Spezialgebiet Ornithologie ist. Die Population der brütenden Alexandersittiche in Wiesbaden ist kleiner, hat sich aber im selben Zeitraum auf rund 1000 mehr als verdreifacht. Besonders beliebte Nachtlager der Sittiche sind in Wiesbaden etwa die Bäume auf dem Kaiser-Friedrich-Platz gegenüber dem Bowling Green und dem dahinterliegenden Kurhaus und die Bäume am ersten Ring vis-à-vis des Wiesbadener Hauptbahnhofs. Die Schlafbäume sind leicht zu erkennen, sie sind weitgehend kahlgefressen, während die Bäume direkt daneben verschont bleiben. Seit 2020 wurden auch in Mainz, Oestrich-Winkel im Rheingau und in Frankfurt Schlafplätze der Halsbandsittiche entdeckt. Das haben die Ornithologen zunächst als Indiz dafür genommen, dass der Lebensraum für die Sittiche in Wiesbaden alsbald ausgeschöpft sein könnte. Zumal die Vögel zur Brut eigentlich ausreichend große Höhlungen in Bäumen benötigen, die es auch im grünen Wiesbaden nicht unbegrenzt gibt. In jüngster Zeit wurden aber Weirich zufolge zahlreiche Nisthöhlen von Sittichen in wärmegedämmten Fassaden von Häusern entdeckt. Offensichtlich haben sich die grünen Vögel auf diese Weise zusätzlichen Lebensraum erschlossen. Weirich geht von Hunderten Sittichhöhlen in Wiesbadener Fassaden aus. Die Kosten für eine Reparatur der Schäden schätzt er grob auf 500 Euro je Brutloch. Eine Untersuchung von 75 in Wiesbaden verschlossenen Vogellöchern an Fassaden zeige zudem, dass die Vögel ein Drittel der Höhlen innerhalb eines Jahres wieder öffnen. Weirich rät dazu, die Fassadenoberfläche glatt zu gestalten. So könnten Sittiche sich gar nicht erst festkrallen, um Löcher zu hacken. Es habe sich zudem gezeigt, dass die Sittiche heimische Vogelarten verdrängen könnten, wenn sie Bruthöhlen und Futterstellen besetzten. Man müsse weiter beobachten, ob sich die Lage für die Singvögel zuspitze. Als alarmierend bezeichnet Weirich die Ergebnisse einer Studie, wonach die wachsende Population von Halsbandsittichen in Sevilla dazu geführt habe, dass eine bedeutende Fledermaus-Population um 80 Prozent geschrumpft sei. Sittiche hätten Fledermäuse sogar direkt getötet im Kampf um Nisthöhlen. Ähnliches werde auch aus Italien gemeldet. Ob es in Wiesbaden schon eine Schädigung der Fledermaus-Populationen gebe, sei bisher nicht untersucht worden.
