FAZ 18.08.2026
18:24 Uhr

Wiesbadener Stadtmuseum: Museum könnte aus feuchtem Keller in helles Kaufhaus ziehen


Im Marktkeller kann das Wiesbadener Stadtmuseum nur einen Bruchteil seiner rund 500.000 Exponate zeigen. Ein Umzug in die leer stehende Sportarena wäre machbar, wie eine Studie zeigt.

Wiesbadener Stadtmuseum: Museum könnte aus feuchtem Keller in helles Kaufhaus ziehen

Gerade wird in Wiesbaden zehn Jahre „sam“ gefeiert, was für Stadtmuseum am Markt steht. Genau genommen müsste es aber „sum“ heißen, denn das Museum ist unter dem Markt. Die Exponate sind in dem kleinen, alten und vor allem feuchten Keller unter dem Marktplatz ausgestellt. Sabine Philipp, seit 2018 Direktorin des Museums, würde die eigentlich nur als Provisorium gedachte Unterbringung im alten Keller der Marktbeschicker lieber heute als morgen beenden. Die Bestände des Museums umfassen auch die Sammlung Nassauischer Altertümer. Insgesamt könnten eine halbe Million Exponate Einblicke in die Geschichte der Region in den vergangenen 40.000 Jahren bis ins frühe 20. Jahrhundert geben, wie Erika Noack, Vorsitzende des Fördervereins des Museums, sagt. Belebung für die darbende Fußgängerzone Aus Sicht von Noack und Philipp wäre das Gebäude, das einst als Kaufhalle Anfang der Siebzigerjahre an der Langgasse vis à vis der Schützenhofquelle gebaut und später als Sportkaufhaus genutzt wurde, der ideale Standort für das Museum. Es könnte auch nach den Vorstellungen von Stadtplanern Kern eines Ortes der Geschichte, der Kommunikation, des Lernens und der Entspannung werden. In der Fachsprache von Städteplanern werden solche Begegnungsstätten als Dritte oder Vierte Orte bezeichnet, in jedem Fall Orte der Kommunikation abseits der eigenen vier Wände und der Arbeit. Auch die Stadt Offenbach hat nach der Pleite des Immobilienspekulanten René Benko das leer stehende Gebäude der Warenhauskette Galeria Kaufhof in der darbenden Fußgängerzone Offenbachs erworben. Die Stadt baut es gerade zu einem Ort des Lernens und Kommunizierens ohne Konsumzwang um, wobei hier die Stadtbibliothek den Kern des Dritten Ortes bilden soll. Der Offenbacher Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) betrachtet das Projekt nicht nur als Zukunftsinvestition für die Innenstadt, sondern auch für mehr Bildungsgerechtigkeit. Denn im ehemaligen Kaufhof sollen neue digitale Arbeitsplätze für Schüler und Studenten geschaffen werden, denen anderswo kein ruhiger Lernort zur Verfügung steht. Im Erdgeschoss des Hauses soll es ein öffentliches Café geben, im Untergeschoss wird auch eine gewerbliche Nutzung erwogen. Machbar wäre das alles auch im Wiesbadener Kaufhaus an der Langgasse, wie eine Studie nachgewiesen hat. In Wiesbaden wäre das Museum Kern der Begegnungsstätte. Das alte Kaufhaus entwickelt derzeit unter dem Namen „Werkraum“ als Begegnungsstätte und Veranstaltungsort schon erhebliche Anziehungskraft: Innerhalb von drei Monaten zählte man dort rund 20.000 Gäste. In der Studie heißt es, dass das dreigeschossige, teilweise unterkellerte Gebäude, das die städtische SEG erworben hat, den Anforderungen für einen Standort des Museums und anderer erwogener Nutzungen entspreche. Das gilt für das Museum selbst, aber auch für die notwendigen Lagerkapazitäten. Dabei wäre der Studie zufolge auch genug Platz für einen Museumsshop, eine Rooftop-Bar mit einem spektakulären Blick über die Altstadt Wiesbadens und ein Café. Eine ursprünglich erwogene großflächige Öffnung und Verglasung der Fassade hat sich inzwischen aus Gründen der Statik als nicht machbar herausgestellt. Aber die großen zusammenhängenden Flächen der Geschosse ermöglichen es, sowohl einen geräumigen Lesesaal, Räume für die Museumspädagogik als auch für Konferenzen und die Museumsverwaltung einzurichten. Die Kosten für einen möglichen Umbau wurden zuletzt mit einem „eher mittleren zweistelligen Millionenbetrag“ beschrieben. Während der bisherige Dezernent für Finanzen, Schule und Kultur, Hendrik Schmehl (SPD), dem Projekt zugeneigt ist, will die neue Maracuja-Koalition das Objekt wohl eher an Investoren veräußern.