Robert Habeck vermisst entlang der Arktis gleich die ganze Welt neu. Als Wirtschaftsminister war sein Interesse an Arktis, Spitzbergen, Island und Grönland nicht aufgefallen. Nun aber darf er für sein neues Buch „Arctic Meltdown“ im Fernsehen werben. Wir wissen es nicht, ahnen aber, dass es damit ein Bestseller werden wird. Wir wissen auch nicht, ob der Kapitän des Polar-Luxuskreuzfahrtschiffs Le Commandant Charcot Michael Pauls Buch „Der Kampf um den Nordpol“ in der Bordbibliothek führt. Wenn, dann angesichts des Preises von knapp 35.000 Euro für den neuntägigen Trip zum Nordpol in Begleitung Reinhold Messners vielleicht in Schweinsleder gebunden mit Goldschnitt. Wir wissen aber, dass die rund 200 Kreuzfahrtgäste von der Lektüre profitierten. Denn dieses Buch ist gut. Es dürfte auch taugen, um sich dann später auf Habecks Werk einzulassen. Michael Paul, über fast 20 Jahre der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) verbunden, zwischenzeitlich Mitglied des Arktisdialogs des Alfred-Wegener-Instituts, hat sich nicht erst gen Norden aufgemacht, als Donald Trump nach Grönland griff. Die nun vom Herder Verlag herausgebrachte Neuausgabe beruht auf Pauls Buch von 2022. Dieses ist für schmales Geld in einer Ausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung zu haben. Im Winter aber hat sich Paul wieder an den Schreibtisch gesetzt und eine „grundlegende Aktualisierung und Erweiterung der ersten Auflage“ verfasst, die – so geht das verlegerische Pingpong-Spiel – nun wieder im Ursprungsverlag Herder erscheint. Schon der zweite Satz stellt die Region in den historisch korrekten Kontext und damit noch weit weg von Trumps Avancen: „Die romantische Vorstellung vom arktischen Exzeptionalismus hat schon lange vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ein Ende gefunden“, schreibt Paul. Ein umfassendes Bild der Arktis und ihrer Geschichte Der Autor schlägt den großen Bogen. Er ordnet die historische Bedeutung der Arktis ein, er kennt die Mythen und die Abenteuer der Entdecker. Um von ihnen zu erfahren, braucht aber niemand das Buch durchzuarbeiten – denn einfach zu lesen ist es nicht, ein Bleistift für Anmerkungen während der Lektüre ist empfohlen. Paul setzt den Pflock anders: „Die Arktis ist das Ziel geopolitischer Ambitionen. Die hohe Bedeutung arktischer Gebiete für die fossile Ressourcenwirtschaft Russlands und der USA weist auf den Begriff der Geoökonomie hin, die als staatliche Anwendung wirtschaftlicher Macht zur Erreichung geopolitischer Interessen verstanden werden kann“, schreibt er in der Einführung. Vor wenigen Tagen schrieb auch die frühere amerikanische Regierungsberaterin und heutige politische Analystin Heather A. Conley eine Analyse unter dem Titel „Ein gefährliches Spiel in der Arktis“. Darin beschreibt sie die Nachlässigkeiten des Westens und der amerikanischen Regierungen im Besonderen mit Blick auf den Nordpol. „Die amerikanische Arktis-Politik erfährt gerade eine seismische Verschiebung“, heißt es. Auch aufgrund der Einflussnahme von Chinesen und Russen schreibt sie von einer Region, „die immer umkämpfter und immer gefährlicher“ werde. Das tut auch Paul. Er nimmt sich den Platz, auch das Seerechtsübereinkommen zu erklären, die militärischen Voraussetzungen und natürlich die „Bedeutung der Arktis im Klimasystem“ auszuleuchten. Knapp einhundert Seiten Literaturverweise und Anmerkungen machen sein Buch zu einem Kompendium und zur Grundlage von Debatten über den nur scheinbar neu entdeckten Raum geopolitischen Interesses. Niemand sollte sich von der Aufmachung und dem etwas reißerischen Titel in die Irre führen lassen: Auf seinen Seiten vermittelt der Autor ein umfassendes Bild der Arktis, ihrer Geschichte und ihrer Bedeutung auf allen Ebenen. Naturgemäß überholen sich Inhalte von Büchern, die nahe an der Zeitgeschichte geschrieben sind, rasch. So widerfährt es auch Paul bei seiner überarbeiteten Neuauflage: Die Einigung von Dänen, Grönländern und Amerikanern über Grönlands Zukunft wäre Stoff für Absätze, die in dieser Ausgabe noch nicht enthalten sein können. Das aber ist nicht das Problem bei einem Buch, das ganz sicher keine oberflächliche, für ein Modethema schnell hingeschriebene Thesensammlung ist. Das Problem ist eher, dass der Verlag sein Manuskript unter Wert verkauft. Der Verlag erinnerte sich an das schon länger herausgekommene Buch auf seiner Backlist, das durch die Entwicklungen der Weltpolitik genau in die Zeit passt. Er wagte eine „erweiterte Neuauflage“. Doch statt diese dann mutig auszustatten, kommt das Buch in Pappe gebunden und ohne eine einzige Karte daher. Wer – selbst von jenen Lesern, denen Messner auf der Le Commandant Charcot die Arktis vorstellte – weiß schon, wo die Framstraße liegt, wo „der kleine Ort Ny-Ålesund, ein Hotspot der internationalen Arktisforschung“, oder warum die GIUK-Lücke solche strategische Bedeutung besitzt? Da die Geographie gerade im Gebiet rund um den Nordpol mit seinen Einflusszonen der verschiedenen Anrainer von großer Bedeutung ist, ist in Freiburg an der falschen Stelle gespart worden. Auch von einer guten Redigatur, die die Fülle der Abkürzungen nach einem einheitlichen System vorlegt, hätten Autor und Buch profitiert. Sollte einen das vom Lesen abhalten? Keinesfalls. Pauls Buch ist Pflichtlektüre für all jene, die das geopolitische Tauziehen um den Norden – und im Übrigen auch den Süden der Erde – verstehen und beurteilen wollen. Michael Paul: Der Kampf um den Nordpol – Die Arktis, der Klimawandel und die Rivalität der Großmächte. Herder Verlag, Freiburg 2026, Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, 336 Seiten, 24 Euro.
