Das Timing könnte kaum besser sein. Von diesem Mittwoch an streamt das ZDF die Dokumentation „Mission Sommermärchen“. In drei Folgen erinnert das „sportstudio“ an die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, die Deutschland die vielleicht schönsten Wochen seiner Nachkriegsgeschichte bescherte. Und am Donnerstag wird Bundestrainer Julian Nagelsmann den Kader für die Weltmeisterschaft in Mexiko, den USA und Kanada bekannt geben. Der Umstand, dass das Comeback von Manuel Neuer schon vorab bekannt geworden ist, zeigt, dass sich Geschichte wiederholt, gerade auch im Fußball, dessen Volten dann doch weniger überraschend sind, als seine Protagonisten oft behaupten: Damals wie heute steht die Torhüter-Frage im Mittelpunkt der Debatte unter Experten und Fans. Damals wie heute geriert sich die „Bild“-Zeitung als oberster Meinungsmacher. Damals wie heute ist der FC Bayern München der alles überstrahlende Verein, mit dem anzulegen sich jeder Nationaltrainer genau überlegen muss. Im Detail zeigen sich allerdings gravierende Unterschiede zwischen dem damaligen Teamchef Jürgen Klinsmann und Nagelsmann. Klinsmann stieß Bayern-Torhüter Kahn vom Sockel, um allen anderen in der Nationalmannschaft zu signalisieren, dass vergangene Verdienste nichts zählen und dass niemand unantastbar ist. Nagelsmann vollzieht im entscheidenden Moment eine Kehrtwende. Klinsmann nahm den offenen Konflikt mit den Granden des FC Bayern in Kauf, deren Namen (Beckenbauer) und Ruf (Hoeneß vor seiner Freiheitsstrafe) damals noch größer waren, als sie es heute sind. Nagelsmann präsentiert sich auch hier viel zahmer. Und während Klinsmann in den ersten anderthalb Jahren seiner Amtszeit von der „Bild“-Zeitung geradezu gejagt wurde, auch weil er ihr Exklusivinformationen verweigerte, agiert Nagelsmann geschmeidig im Umgang mit dem Boulevard. Freundliche Härte, furchtlose Konsequenz Man wird nicht sagen können, dass der Vergleich mit Klinsmann für Nagelsmann günstig ausfällt. „Mission Sommermärchen“ erinnert noch einmal daran, mit welcher Härte, Furchtlosigkeit und Konsequenz der oft lächelnd und immer verbindlich auftretende Klinsmann nach seiner überraschenden Berufung ans Reformwerk ging: Er berief Fitnesstrainer und Sportpsychologen, und er betrieb die Installierung eines Sportdirektors (auch wenn es dann der ihm herzlich wesensfremde Repräsentant des Establishments Matthias Sammer wurde). Herrlich die Szenen, in denen sich Trainerlegenden wie Lattek und Magath über Klinsmanns Analyse zum Fitnesszustand der Bundesligaspieler aufregen, den er bei 60 Prozent des Potentials ansetzte. Die sorgfältig komponierte Dokumentation von Florian Nöthe und Simone Schillinger arbeitet mit der bewährten Mischung aus Originalaufnahmen, Zeitzeugeninterviews, Experteneinschätzungen, Spielszenen und Dokumenten (Zeitungsausschnitte und Powerpoint-Präsentationen). Es sind erwartungsgemäß die im kollektiven Gedächtnis gespeicherten Aufnahmen von Fanekstase im Stadion und auf den Fanmeilen zu sehen. Das wird angenehm kurz gehalten, wenn auch ein wenig Analyse, mit welcher Art von Patriotismus man es in dem plötzlich fahnenschwenkenden Land zu tun hatte, durchaus angebracht gewesen wäre. Stattdessen dominiert der Blick ins Innenleben von DFB und Mannschaft. Manche hübsche Information, die zumindest dem breiten Publikum nicht bekannt ist, hält die Doku bereit: etwa, dass es Berti Vogts war, der Klinsmann ins Spiel brachte, als sich im DFB aufgrund vieler Absagen nach dem Debakel bei der EM 2004 und dem anschließenden Rücktritt von Rudi Völler langsam Panik ausbreitete. Oder dass die ihrerseits noch neue und zu Reformen entschlossene Bundeskanzlerin Merkel eine Art Friedensgipfel zwischen Klinsmann und den Springer-Medien vermittelte. Wobei sich dem Zuschauer die Frage stellt, ob die Filmemacher die Macht der Springer-Blätter nicht überschätzen. Das übelste Kesseltreiben der „Bild“ nach der erschreckenden 1:4-Niederlage gegen Italien am 1. März 2006 in Florenz hatte Klinsmann bereits überstanden, als er schließlich nach Italien zur Tagung der Chefredakteure reiste. Nach dem 4:1-Sieg über die USA in Dortmund eine Woche später hatte sich die Stimmung schon wieder zu seinen Gunsten gewendet. So durften sich die Boulevard-Journalisten glücklich schätzen, Klinsmanns dann ja glänzend bestätigter Prophezeiung Glauben geschenkt zu haben, wonach die WM eine Riesenparty werde und sie sich überlegen müssten, ob sie Teil davon sein oder als Partycrasher auftreten wollten. Kahn, der menschliche Titan Bei dem Sieg über die USA unterlief Kahn ein schwerer Fehler, der in der 86. Minute zum Gegentreffer führte. Der war für den Lauf der Partie unerheblich, spielte aber in der öffentlichen Wahrnehmung eine gewaltige Rolle. Es war das letzte Spiel Kahns als Nummer eins der Nationalmannschaft, er musste den Posten für Jens Lehmann räumen. Der Titan, als der Kahn spätestens seit der WM 2002 bezeichnet wurde, war endgültig entthront. In der Doku wird ihm und seiner Karriere viel Raum gegeben, angesichts seiner Nebenrolle während der WM auf den ersten Blick sogar zu viel. Aber man kann die Entscheidung von Nöthe und Schillinger verstehen: Während fast alle Zeitzeugen – die freundlichen Lahm, Mertesacker, Frings, Odonkor, Schweinsteiger, Podolski, Kehl, Asamoah, Neuville, Borowski werden aufgeboten, die Stinkstiefel Ballack und Lehmann interessanterweise nicht – das Erwartbare sagen und von sich selbst wenig preisgeben, nimmt Kahn durch seine differenzierten, klugen und selbstkritischen Einschätzungen für sich ein. „Ach, meine spätpubertäre Phase“, sagt er zu seinen wilden Jahren im Münchener Nachtleben nach der WM 2002. „Was für eine dämliche Aussage“, kommentiert er seine eigene Bemerkung nach einer von ihm verschuldeten Niederlage gegen Real Madrid, dass er dann das Rückspiel eben allein gewinnen müsse. Er, der immer das Wettkampfprinzip hochgehalten hat, weist darauf hin, dass man es als Trainer mit dem Anstacheln zum Konkurrenzkampf auch übertreiben kann. Es klingt nicht larmoyant. Nicht nur bei ihm häuften sich in jener Zeit die Fehler, auch Lehmann patzte im Mai 2006 im Finale der Champions League, als er in der 18. Minute vom Platz flog – woran eigenartigerweise nicht erinnert wird. Kahn jedenfalls hatte die Größe, als Ersatztorhüter an Bord zu bleiben und Lehmann vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien Glück zu wünschen. Es ist schade, dass die Doku um fußballspezifische Fragen einen weiten Bogen macht. An keiner Stelle ist von den taktischen Änderungen die Rede, die Klinsmann und sein Assistent Jogi Löw einführten. Auch von den Spielen des Turniers ist wenig zu sehen: Lahms frühes Tor gegen Costa Rica, Neuvilles später Treffer gegen Polen, der entscheidende Elfmeter der Argentinier, den Lehmann im Viertelfinale hielt, das war es im Wesentlichen. Kein Wort über die anschließenden Rangeleien mit den Argentiniern, die zur Sperre von Torsten Frings führten, die damals tagelang das Land beschäftigte und nicht nur von ihm als eine Ursache für die Niederlage gegen Italien im Halbfinale betrachtet wurde. Auch dieses Spiel ist nur in den Tränen von Ballack nach der Niederlage präsent. Vom 9. Juni bis zum 9. Juli 2006 schien, so will es die Erinnerung, die Sonne ohne Unterbrechung. Die Bilder vom Vorabend des Spiels um den dritten Platz in Stuttgart legen nahe, dass es doch auch einmal geregnet haben muss während des Sommermärchens. Kahn aber zeigte in der Partie gegen Portugal, die sein Abschiedsspiel war, eine seiner stärksten Leistungen im Dress der Nationalmannschaft. Es wurde ein Happy End auch für ihn. „Okay“, sagt Kahn, und ein klein wenig bricht ihm dabei die Stimme, „es war gut so, wie es war.“ Klinsmann, erschöpft vom Pendeln zwischen seiner Heimat Kalifornien und Deutschland, trat anschließend zurück und ging wieder nach Amerika. Sein wichtigstes Vermächtnis, so die Moral der Doku, war es, im Land die Bereitschaft zu Reformen erhöht zu haben. Diese Botschaft richtet sich an ein abermals krisengeschütteltes Land. In dieser Hinsicht ist das erratische Agieren Nagelsmanns kein gutes Omen. Mission Sommermärchen – Deutschlands Weg zur WM 2006: Die dreiteilige Doku ist vom 20. Mai, 10 Uhr, an im ZDF-Stream zu sehen. Sie läuft außerdem am 30. Mai um 20.30 Uhr, 21.20 und 1.20 Uhr im ZDF.
