Banner, rote Sicherheitswesten, IG-Metall-Flaggen. Auf den ersten Blick wirkt der Aufmarsch der Demonstranten, die an einem Donnerstag Anfang August durch die Straßen des beschaulichen Örtchens Roßdorf bei Darmstadt ziehen, wie eine ganz normale Gewerkschaftskundgebung. Doch nicht nur der Schauplatz ist ungewöhnlich, sondern auch die Zusammensetzung des Demonstrationszugs: Unter den Teilnehmern sind auffallend viele junge Leute, einige sprechen Englisch oder auch Spanisch. „Wir sind hauptsächlich Entwickler und gestalten High-Tech-Lösungen für große Chip-Hersteller“, sagt eine Demonstrantin, die nicht namentlich zitiert werden möchte. Die promovierte Chemikerin arbeitet zusammen mit den übrigen Kundgebungsteilnehmern am Roßdorfer Standort des Technologieunternehmens Zeiss. Die Niederlassung, die zur Sparte Semiconductor Manufacturing Technology (SMT) gehört, also eben zum Geschäft mit Technologien für die Halbleiter-Produktion, ist in den vergangenen 20 Jahren rasant gewachsen. Aber anders als an anderen Zeiss-Standorten gibt es in Roßdorf bislang keinen Tarifvertrag. Eben deshalb gehen die Entwickler an diesem Tag in der letzten Ferienwoche auf die Straße. Von den rund 270 Beschäftigten in Roßdorf sind laut IG Metall etwa 100 noch im Urlaub oder auf Dienstreisen, von den anwesenden aber fast alle bei der Kundgebung dabei. Der Protestzug führt von einer Betriebsversammlung im historischen Ortskern zurück zum Unternehmensgelände im Gewerbegebiet. Dort ist eine kleine Bühne aufgebaut für Reden des Betriebsratsvorsitzenden und Vertretern der Gewerkschaft. Es gibt Würstchen und Getränke, insgesamt zwei Stunden dauert der Warnstreik. Bislang werden die Gehälter individuell ausgehandelt Zuspruch erhalten die Beschäftigten vom SPD-Landtagsabgeordneten Bijan Kaffenberger, der selbst in Roßdorf aufgewachsen ist. Die Nachfrage nach Halbleiter-Chips sei durch den vermehrten Einsatz Künstlicher Intelligenz noch gewachsen, sagt Kaffenberger in einer kurzen Ansprache. Er hielte es für gerecht, „dass diese Gewinne der Unternehmen am Ende auch in den Löhnen und Gehältern und in den Arbeitsbedingungen bei den Beschäftigten ankommen“. Es gibt bei Zeiss SMT in Roßdorf durchaus Mitarbeiter, die gut verdienen – bei einzelnen liege das Gehalt wohl sogar höher, als es im Flächentarifvertrag für vergleichbare Tätigkeiten vorgeschrieben sei, heißt es von der IG Metall. Bei anderen aber eben deutlich niedriger. „Das führt zu Unmut“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Bernd Weyrauch. „Die Leute reden miteinander und sagen: Warum soll ich denn jetzt weniger verdienen als der Kollege, wie die Kollegin, die das Gleiche macht wie ich?“ Überdies bekämen Kollegen am größeren Standort Jena, wo es einen Tarifvertrag gebe, für ähnliche Tätigkeiten zum Teil deutlich mehr Geld. Die Differenz betrage aufs Jahr gesehen bis zu 20.000 Euro, heißt es aus der Belegschaft. Außerdem gilt bei Zeiss in Jena seit Oktober 2024 die 35-Stunden-Woche. Die sieht auch der Metalltarif in Hessen vor – Zeiss SMT wolle in Roßdorf aber an der dort bislang gültigen Normalarbeitszeit von 38,5 Stunden festhalten, sagt Martin Sperber-Tertsunen, Gewerkschaftssekretär der IG Metall in Darmstadt. Das sei einer der Knackpunkte in den Verhandlungen über die Einführung eines Tarifvertrags, zu der die Arbeitgeberseite grundsätzlich bereit sei. Zwar biete der Flächentarifvertrag die Möglichkeit, für eine bestimmte Anzahl von Beschäftigten längere Arbeitszeiten zu vereinbaren, erläutert der Gewerkschaftssekretär. Basis für die Vollzeitentgelte sei aber die 35-Stunden-Woche. Das Unternehmen will sich zur Arbeitszeit nicht äußern Eine Sprecherin von Zeiss teilt auf Anfrage mit, das Unternehmen arbeite „gemeinsam mit dem Sozialpartner an der Einführung eines Tarifvertrags am SMT-Standort Roßdorf“. Zu Einzelheiten nehme man nicht Stellung. „Beide Seiten streben in konstruktiven Gesprächen eine tragfähige und langfristig zukunftsfähige Lösung an.“ Der Tarifkonflikt fällt in eine Zeit, in der prominente Metall-Arbeitgeber eine Abkehr von der 35-Stunden-Woche fordern. Mercedes-Chef Ola Källenius zum Beispiel oder auch Nikolas Stihl, der Aufsichtsratschef des gleichnamigen Forst- und Gartengeräteherstellers. Stihl sagte diese Woche der Deutschen Presse-Agentur: „In den guten Zeiten konnte sich Deutschland die 35-Stunden-Woche leisten. Aktuell können wir das nicht mehr.“ Auch Zeiss konstatierte im Juni bei der Vorstellung seiner Halbjahreszahlen eine „abnehmende Dynamik“ und kündigte einen zunächst nicht näher bezifferten Stellenabbau an. Die Halbleitersparte SMT allerdings konnte ihren Umsatz weiter steigern. Standort Roßdorf geht auf ein Start-up zurück Dass der Standort Roßdorf bislang nicht tarifgebunden ist, hängt mit seiner noch jungen Geschichte zusammen: 2005 übernahm Zeiss hier die Nawotec GmbH, ein Start-up, das kurz vor der Jahrtausendwende von Mitarbeitern der Telekom gegründet worden war. Der Betriebsratsvorsitzende Weyrauch kam 2001 dazu und kann sich noch gut an die Anfangszeit erinnern: „Damals waren wir 14, 15 Leute, also sehr klein, wirklich ein komplettes Start-up-Unternehmen.“ Nawotec entwickelte ein Gerät für die Reparatur sogenannter Photomasken. Das sind Projektionsvorlagen für die Struktur der winzigen Schaltkreise, die auf das Halbleitermaterial aufgebracht werden, aus dem ein Mikrochip besteht. „Schon kleinste Defekte auf diesen Masken können zu Ausschuss führen“, heißt es in einer Pressemitteilung von Zeiss SMT. Für die Halbleitersparte des Stiftungsunternehmens, die schon seit fast 30 Jahren mit dem führenden Chipmaschinen-Hersteller ASML zusammenarbeitet, war Nawotec deshalb interessant. Die Belegschaft in Roßdorf wuchs in den ersten zehn Jahren nach der Übernahme auf 80, in den vergangenen zehn Jahren kamen rund 200 weitere Beschäftigte dazu. Vor einem Jahr nahm Zeiss SMT dort weitere Reinräume in Betrieb, zur Einweihung kam der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU). „Dass ein Unternehmen wie Zeiss gerade in Hessen investiert, ist ein starkes Zeichen für unseren Wirtschaftsstandort“, sagte Rhein bei der Eröffnungsfeier. Ungefähr zur gleichen Zeit kam in der gewachsenen Belegschaft auch die Forderung nach einem Tarifvertrag auf. Außer dem Streit über die 35-Stunden-Woche gebe es einen weiteren Streitpunkt mit dem Arbeitgeber, sagt Jan Maurer, Betriebsrat und Vertrauensmann der IG Metall. Zeiss wolle die Anpassung der Entgelte an den Tarifvertrag über fünf Jahre ziehen: „Sie wollen nur einen ganz kleinen Teil der Sonderzahlungen im ersten Jahr gewähren.“ Bislang erhielten Beschäftigte in Roßdorf zwar, wie alle Zeiss-Mitarbeiter, einen gewinnnabhängigen Jahresbonus und eine standortspezifische Gewinnbeteiligung, aber kein Weihnachts- oder Urlaubsgeld, sagt Maurer. „Es ist hoch qualifizierte Arbeit, die hier gemacht wird“, hebt Gewerkschaftssekretär Sperber-Tertsunen hervor. Dass die Einführung der Tarifkonditionen fünf Jahre dauern solle, empfänden die Beschäftigten als „Mangel an Respekt“. Einige sähen sich schon nach anderen Arbeitgebern um.
