FAZ 31.05.2026
08:11 Uhr

muslimisch-jüdische Kolumne: Die Legende vom „großen Austausch“


Dass antisemitischer und antimuslimischer Hass ineinander übergehen, zeigt sich auch hierzulande. Beide Minderheiten stehen auf der Auslöschungsliste der Neonazis. Trotzdem sind Juden und Muslime nur selten bereit, Seite an Seite gegen Diskriminierung zu kämpfen.

muslimisch-jüdische Kolumne: Die Legende vom „großen Austausch“

Man kann Rechtsextremen fast dankbar sein, dass sie Muslime und Juden gelegentlich daran erinnern, was sie gemeinsam haben: Beide stehen auf der Auslöschungsliste der Neonazis. Erst kürzlich wurde dies beim Anschlag auf ein islamisches Zentrum in San Diego am 18. Mai aufs Neue deutlich. Zwei Täter im Alter von 17 und 18 Jahren töteten drei Menschen. Die Angreifer, die sich nach der Tat selbst erschossen, trugen Abzeichen der nationalsozialistischen SS, und auf ihren Waffen standen die Worte „race war“ – also Rassenkrieg. Bereits 2019 war dort eine Synagoge am letzten Tag von Pessach Ziel eines ähnlichen rechtsradikalen Anschlags geworden. Die beiden Attentäter des islamischen Zentrums hinterließen ein 75 Seiten langes Manifest, in dem natürlich auch der Judenhass nicht fehlen durfte. Dort hieß es etwa, „jedes Problem in der modernen Welt“ könne mit Juden in Verbindung gebracht werden. Juden seien der „universelle Feind“ und „Kinder Satans, die das Böse über die Welt bringen“. Warum also ein Angriff auf ein islamisches Zentrum? Darin wird erklärt, dass Muslime die „Biowaffen“ seien, die Juden einsetzen würden, um die einheimische Bevölkerung zu ersetzen. Der Anschlag in Halle galt einer Moschee Dass antisemitischer und antimuslimischer Hass ineinander übergehen, zeigte sich auch hierzulande. Im November 2019, an Jom Kippur, scheiterte ein bewaffneter Rechtsradikaler beim Versuch, die Synagoge in Halle zu stürmen. Danach schoss er auf Menschen auf der Straße, zwei starben, und mehrere wurden verletzt. Ursprünglich wollte der Täter einen Anschlag auf eine Moschee verüben. Doch, so schrieb er in seinem Manifest, entschied er sich, „das Problem an der Wurzel zu packen“. Das eigentliche Problem seien die Juden, die verantwortlich für die Zuwanderung der Muslime seien: „Wenn ich scheitere, aber einen einzigen Juden töte, hat es sich gelohnt. Schließlich, wenn jeder weiße Mann einen Juden tötet, werden wir gewinnen.“ Das ideologische Bett, in dem solche Attentäter wachsen und gedeihen, ist die Legende vom „großen Austausch“ – jener rechtsextremen Erzählung, wonach die sogenannte weiße Bevölkerung Europas und Nordamerikas durch Muslime, Migranten und andere Minderheiten ersetzt werden solle. Dahinter stecken natürlich: die Juden. Der französische Schriftsteller Renaud Camus gab dieser Angst 2011 mit seinem Werk „Le grand remplacement“ einen Namen. Die große Seufzermaschine des Abendlandes Renaud Camus schrieb in der Pose eines melancholischen Kulturkritikers, der den Verlust eines alten Frankreichs, eines alten Europas beklagt. Man hört darin die große Seufzermaschine des Abendlandes arbeiten: Früher war alles übersichtlicher, christlicher, französischer. Heute riecht es nach fremdem Essen, auf den Straßen hört man andere Sprachen, und es gebe zu viele Moscheen – Thilo Sarrazin lässt grüßen. Doch Camus ging es nicht nur um Migration. Er behauptete, es gebe einen geheimen Plan, eine finstere, mächtige Elite, die die Fäden zieht. Wie so oft in der Geschichte des Wahns dauert es nicht lange, bis der Finger auf die Juden zeigte. Muslime sind in dieser Erzählung die sichtbaren Eindringlinge, Juden dagegen die unsichtbaren Regisseure. Die einen stehen angeblich vor der Tür, die anderen sollen sie geöffnet haben. Diese Erzählung sollte nicht nur in rechtsextremen Kreisen bleiben. Die Vorstellung, dass die „muslimischen Invasoren“ zurückgedrängt werden müssen, liegt dem Begriff der „Remigration“ zugrunde – aktuell etwas, was durchaus kontrovers, aber zumindest in Gesellschaft und Politik diskutiert wird. Wie tief die Vorstellung der Remigration sitzt, haben wir selbst einmal auf der Frankfurter Buchmesse erlebt. Damals stand der rechte Antaios-Verlag in der Nähe des Standes der Bildungsstätte Anne Frank, in der wir damals noch gemeinsam arbeiteten. Zwei junge Männer, die zuvor auf ein Selfie mit dem Rechtsextremisten Götz Kubitschek gewartet hatten, kamen zu uns herüber und erklärten, man fühle sich inzwischen fremd im eigenen Land. „Schau mal“, sagte einer der beiden, „ich bin kein Rassist. Aber ich wohne in Offenbach, und ganz ehrlich: Ich weiß manchmal nicht mehr, ob das noch Deutschland ist. Überall auf dem Marktplatz sehe ich Kopftücher, lauter südländische Männer. Ich bin da inzwischen die Minderheit!“ „Geht dorthin zurück, wo ihr hergekommen seid“ Mit großer Überzeugung erklärten sie, weshalb es besser wäre, wenn alle dorthin zurückgingen, wo sie eigentlich herkommen. Es gäbe dann auch weniger gesellschaftliche Konflikte. Saba-Nur erfand daraufhin eine fiktive Geschichte, wonach sie als Kleinkind adoptiert wurde. Ihre Herkunft sei ihr unbekannt, vermutlich Südasien. Keine Dokumente, keine Hinweise, keine Spuren. „Wenn also“, lautete die Schlussbemerkung, „jeder dahin zurückkehren soll, wo er herkommt, dann weiß ich nicht, wohin mit mir.“ Es war interessant zu beobachten, wie die beiden jungen Männer ihr Bestes gaben, um zu helfen: DNA-Tests könnten Klarheit schaffen, vielleicht könne man Interpol einschalten oder direkt in Südasien nach den leiblichen Eltern suchen. Alles, damit man bloß herausfinden könne, wohin das Remigrationsticket ausgestellt werden müsse. Denn, so warf einer noch ein, auch klimatisch sei es besser, wenn jeder dorthin gehe, wo er oder sie herkomme. Am Ende verließen die beiden den Messestand sichtlich verzweifelt. Über diese Begegnung mit den Offenbacher Jungs kann man schmunzeln. Doch klar ist: Für Muslime und Juden kann diese Vorstellung schnell gefährlich werden. Die einen gelten als zu viele, die anderen als zu mächtig. Zusammen ergeben sie das perfekte Feindbild für Menschen, die in der Komplexität der modernen Welt vor allem eines suchen: Schuldige. Dass Juden und Muslime von denselben Kräften bedroht werden und deshalb zusammenhalten müssen, verstand der inzwischen verstorbene Präsident des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, früh. Als Anfang der Neunzigerjahre in Rostock, Hoyerswerda, Mölln und Solingen rechtsextreme Anschläge unter anderem auf muslimische Migranten verübt wurden, war Bubis einer der Ersten, die ihre Stimme erhoben. Er besuchte die betroffenen Familien und zeigte Anteilnahme und Solidarität. Die Kluft wurde über die Jahre größer Schon damals gab es Gegenwind für jüdisch-muslimische Zusammenarbeit. Als sich Bubis einige Jahre später mit Spitzenvertretern islamischer Verbände traf, war ihm die Brisanz durchaus bewusst: „Ich weiß, dass ich dafür in meinen eigenen Reihen viel Ärger bekommen werde“, sagte er damals. Doch das Vermächtnis von Bubis hielt nicht lange. Schon Jahre vor dem 7. Oktober 2023 bröckelte das Verhältnis zwischen der kleinen jüdischen Community und der stetig wachsenden muslimischen Minderheit. 2012 standen Juden und Muslime zwar kurzzeitig auf derselben Seite, als über die religiöse Beschneidung minderjähriger Jungen heftig debattiert wurde. Laut einer Studie der Universität Oxford fühlten sich damals sowohl Juden als auch Muslime gleichermaßen von diskriminierenden Diskursen betroffen. Doch trotz der gemeinsamen Bedrohung durch Rechtsradikale und trotz gemeinsamer Interessen wie in der Beschneidungsdebatte rückten die Gemeinschaften nicht näher zusammen. Im Gegenteil: Die Kluft wurde über die Jahre größer. Die reflexhafte Solidarisierung vieler Juden mit Israel und vieler Muslime mit den Palästinensern war lange der Elefant im Raum. Spätestens seit dem 7. Oktober 2023 ist dieser Elefant aus dem Raum ausgebrochen und hat beinahe jeden Dialog- und Verständigungsversuch zertrampelt. Es wäre schwer zu leugnen, dass der 7. Oktober und der Gazakrieg den Judenhass unter Muslimen weltweit und auch hier in Deutschland verstärkt haben. Selbst eines der muslimischen Opfer des Attentats in San Diego hatte wenige Wochen zuvor antisemitische Botschaften in sozialen Medien verbreitet und sich positiv über die Judenvernichtung während der NS-Zeit geäußert. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Täter und Opfer in diesem Fall eine gemeinsame Bewunderung für Adolf Hitler teilten. Gerade solche Widersprüche zeigen, wie kompliziert das Verhältnis geworden ist: Gemeinsame Erfahrungen von Diskriminierung oder rechter Gewalt führen nicht automatisch zu gegenseitiger Solidarität. Die Vorstellung, Muslime in Deutschland seien alle oder mehrheitlich antisemitisch eingestellt, ist inzwischen weit verbreitet. Ganz vorne dabei ist der Chefredakteur der „Jüdischen Allgemeinen“, der sich wenige Tage nach dem Massaker vom 7. Oktober an „die Muslime in Deutschland“ wandte und ihnen polemisch die Frage stellte: „Warum feiert ihr den Mord an Juden?“ Wie einfach es doch ist, über fünf Millionen Muslime in Deutschland für das Verhalten einzelner Menschen verantwortlich zu machen, die an diesem schrecklichen Tag gefeiert haben. Genau dieselbe schräge Logik benutzen auch jene auf der anderen Seite, die alle Juden für die Kriegsverbrechen Israels verantwortlich machen. Auch wenn derzeit Pauschalisierungen und gegenseitige Feindbilder in unseren Communitys Konjunktur haben, hoffen wir dennoch, dass irgendwann wieder Figuren wie Ignatz Bubis auftreten, die Mut haben, sich gegen die Feindbilder und für das Zusammenleben einzusetzen.