Wenn es einen Preis geben würde für die heiterste Museumslandschaft der Welt, dann hätte die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel gute Chancen: Man wandert an kleinstädtischen alten Schweizer Häusern vorbei und in einen öffentlichen Park, sieht die Ausläufer des Schwarzwaldes und die spätsommerlich besonnten Weinberge und schreitet hinunter zu einem in die geschwungene Topographie eingebetteten Meisterwerk des Museumsbaus, das hinter einem Seerosenteich auftaucht: Vor fast drei Jahrzehnten hat Renzo Piano hier für die Kollektion des Kunsthändler- und Sammlerpaares Ernst und Hildy Beyeler ein Gebäude errichtet, das gleichzeitig etwas Tempelhaft-Erhabenes, aber auch Zurückgenommen-Heiteres hat. Aus den von Oberlicht erhellten Räumen des Baus, der an einen vergrößerten kaliforischen Mid-Century-Bungalow erinnert, hat man einen Blick in die Natur, aber nirgendwo fallen Schlaglichter auf die Kunstwerke, dafür sorgt der weite Dachüberstand. Als wäre man dabei, wie Monet die „Seerosen“ malt Stattdessen sieht man etwa die „Seerosen“ von Monet, dreht sich um, sieht einen Seerosenteich und hört Wasser plätschern, als erlebte man den Moment, in dem Monet malte, und hörte, was er damals hörte. Es ist nicht einfach, ein solches Gesamtkunstwerk zu erweitern. Dennoch wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, an dem so renommierte Büros wie Sanaa teilnahmen, deren japanisch-leichte, elegante Entwürfe gut in eine solche Parklandschaft gepasst hätten. Doch die Neubauten wurden vor allem durch die Wyss Foundation von Hansjörg Wyss ermöglicht, dem Präsidenten der Beyeler-Stiftung. Und dem gefiel, wie man aus der Jury hört, besonders gut der Entwurf des dreiundachtzigjährigen Schweizer Architekten Peter Zumthor, der mit dem Gründungsbau des Wellness-Zeitalters, der Therme in Vals, berühmt wurde und zuletzt den Neubau des LACMA in Los Angeles fertigstellte. Für den Park in Riehen hat Zumthor nicht einen großen Bau vorgeschlagen, sondern gleich drei Gebäude: So entwarf er neben dem Ausstellungshaus, das nach dem Sponsor „Wyss Museum“ genannt wird und 1500 Quadratmeter Ausstellungsfläche bietet, auch einen Logistik-Kubus mit Eichenholzfassade, der die einfache Bauweise lokaler Schuppen aufgreift. Dazu kommt im Park ein von der Ammann-Stiftung finanzierter Bungalow für Kulturveranstaltungen. Ein Wohnzimmer für die Stadt Die Idee, nicht einen einzigen Kulturtempel im Stil der Museen des neunzehnten Jahrhunderts zu bauen, sondern ein Kulturdorf mit vielen eigenen Häusern, geht auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Museion“ zurück: Im antiken Griechenland war das kein Einzelgebäude, sondern ein den neun Musen gewidmeter Hain mit verschiedenen Gebäuden – eine Art Stadt des Schauens, Hörens und Erlebens, eine Gegenwelt zur Agora, wo Handel und Politik stattfanden. In Riehen ist dem Museumsleiter Sam Keller eine zeitgenössische Variante dieser Kulturlandschaft gelungen, wobei besonders der Ammann Pavillon etwas Neues schafft: Der verglaste Flachbau ist öffentlich zugänglich; anders als in den beiden Museumsbauten muss kein Eintritt gezahlt werden. Im Inneren treppt sich der Boden in mehreren Plateaus zur Bühne herab, wo am Besichtigungstag ein Pianist den zweiten Satz aus Beethovens 7. Sinfonie spielte. Die Stufen des Pavillons können für Konzerte oder Lesungen bestuhlt werden, außerhalb des Programms stehen aber Tische und Sofas bereit, sodass der Pavillon von Besuchern und Anwohnern als großes „kollektives Wohnzimmer“ genutzt werden kann, wie einst die Hansabibliothek von Werner Düttmann in Berlin. Zumthor ist mit dem Ammann-Pavillon eine Antwort gelungen auf die Frage, in welchen Räumen sich eine Gesellschaft versammelt, in der durch die Digitalisierung Arbeit und das Leben mit Familie und Freunden neu organisiert werden kann. In den sanierten Gebäuden steht dazu eine Orangerie bereit und eine Art intimeres Wohnzimmer, in dem ein Plattenspieler und eine Schallplattensammlung auf Künstler warten, die hier listening sessions abhalten werden. Dazu gibt es ein Atelier, in dem Kinder basteln und Kunst schaffen können. Es ist immer schon eine Erleichterung, wenn Museumsneubauten dem Bestand nicht so übel auf die Pelle rücken wie in Berlin, wo das neue Museum der Moderne wie ein havarierter Tanker im Suezkanal zwischen der Neuen Nationalgalerie und Scharouns Philharmonie klemmt. In Riehen halten die Neubauten einen wohltuenden Respektabstand zu Pianos Bau. Wobei der größte Bau, das Wyss Museum, leider auch der problematischste ist. Wenn man freundlich sein möchte, bezeichnet man ihn als monolithische Beton-Skulptur. Zumthor hat religiöse Verehrer, die seine Obsession mit Materialien lieben, im Ammann-Pavillon verwendet er etwa lokale Hölzer, Birne, Kirsche und Ahorn – das, was gegenüber wächst. Das Wyss-Museum hat er aus mit Jurakalkstein untermischtem Beton errichtet, und zwar in einer aufwändigen Stampfbeton-Technik. Hier wird der Beton nicht zum Wohl des Planeten gerammt Man kennt aus dem ökologischen Bauen die Technik der „rammed earth“, aber mit solcher Ökologie hat dieser Bau nichts zu tun: Solche teuren Monolithen baute man in den Neunzigerjahren, als Geld und Klimawandel keine Rolle spielten. Zumthors felswandhaft wirkendes Wyss Museum, das der Architekt mit einer „Villa“ vergleicht, will selbst Kunst sein; es ist eine Beton-Orgie, die einen hohen Preis für die Effekte des Sonnenlichts auf der wie ein brutalistischer Baumkuchen aufgeschichteten Oberfläche zahlt. Im Sonnenlicht wirkt die Fassade wie ein abstraktes Bild, die Kamerateams filmten am Eröffnungstag fleißig die Schatten der Bäume auf dem Beton und die penetrante Trommler-Figur von Maurizio Cattelan, die zur Zeit wie ein nerviger Onkel, der immer den gleichen Witz macht, auch auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu sehen ist. Als Museum ist Zumthors an die Monumentalmoderne eines Louis Kahn erinnernde Betonskulptur schwierig: Im Inneren wirkt der Bau klinisch und kalt, obwohl die Presseführungen betonen, die Wände seien „siebenlagig“ bearbeitet, als wäre das wie bei Klopapier per se schon ein Qualitätsausweis. Die Kunstwerke hängen aber doch etwas sehr verloren und seltsam steril an den viellagigen Wänden und werden von eigenartig billig aussehenden Lampen so klinisch ausgeleuchtet, als sollte man sie in ihrem Licht nicht anschauen, sondern operieren. In der nächsten Etage knallt die Einspiegelung des seitlich durch eine große Fensteröffnung fallenden Sonnenlichts derart brutal auf einen hinter Glas hängenden Twombly, das man von dem Kunstwerk kaum etwas sieht, Agnes Martins Werke verschwinden im Gegenlicht einer Scheibe, die den Blick auf eine Dachterrasse freigibt. Etwas ratlos steigt man eine steile pharaonische Treppe hinunter durch Stampfbetonschichten mit dreieckigen Lüftungsöffnungen aus der Bauskulptur in den Park heraus. Und eilt schnell zurück zum heiteren Ammann-Pavillon, in dem die lokale Bevölkerung schon das Arbeiten und Leben im postdigitalen Zeitalter erprobt.
