FAZ 26.09.2026
16:55 Uhr

schriftsteller Artur Dron: Wir müssen unsere eigene Sprache für den Krieg finden


Mit „Hemingway hat keine Ahnung“ hat Artur Dron in der Ukraine einen Bestseller verfasst. Sein Buch bricht mit der klassischen Antikriegsliteratur des zwanzigsten Jahrhunderts. Nun erscheint es auch auf Deutsch.

schriftsteller Artur Dron: Wir müssen unsere eigene Sprache für den Krieg finden

In seinem Buch „Hemingway hat keine Ahnung“, das kommende Woche auf Deutsch im Mauke-Verlag erschient, nimmt der fünfundzwanzigjährige ukrainische Soldat und Autor Artur Dron seine Leser mit an die äußerste Frontlinie im Krieg gegen Russland: „Am 20. Oktober 2022 erlitt ich zum ersten Mal eine Gehirnerschütterung durch die Druckwelle einer Explosion. Ein Panzer nahm uns unter heftigen Beschuss, sodass Granatsplitter und Holzfetzen durch unseren Schützengraben pfiffen. ‚Cola‘ und ich drückten uns flach auf den Boden, hörten das Pfeifen über unseren Köpfen und hofften, nicht sterben zu müssen.“ Bereits auf den ersten Seiten schildert er so die Schrecken, die er und seine Kameraden durchlebten, um sich den Aggressoren zu widersetzen. Der Absatz geht so weiter: „Als der Beschuss nachließ, setzte ich mich auf eine Kiste im Schützengraben, entschied mich aber augenblicklich, lieber unten zu bleiben, und legte mich wieder auf den Boden. Sofort ertönte eine weitere Explosion, und ein großer Granatsplitter flog direkt über die Kiste hinweg. Der Panzer schoss, und ich hörte alles gedämpfter. Er schießt, und ich werde taub. Treffer. Es dröhnt in meinen Ohren, und mein Kopf beginnt zu schmerzen. Treffer. Das Dröhnen und die Schmerzen werden stärker. Treffer. Die Splitter pfeifen in den Schützengraben, und ich schreie vor Schmerz, doch kann ich mich selbst nicht hören. Treffer. Treffer. Treffer.“ Cola wird es nicht heil überstehen, und bei einer Explosion an einem anderen Frontabschnitt verliert Dron zwei weitere Kameraden und wird selbst schwer verletzt – was er ebenfalls in seinem Buch beschreibt. Bis heute ist der linke Arm nicht wiederhergestellt: „Ich habe mich einer Nerventransplantation unterzogen und spüre immer noch nichts in meinen Fingern und meiner Handfläche. Aber ich kann die Hand bewegen. Nicht zu hundert Prozent, aber fast. Es ist also schon viel besser geworden“, sagt Dron am Telefon aus der Westukraine, wo er bereits an seinem nächsten Buch arbeitet und die Ruhe sowie die Zeit mit seiner Familie genießt, nachdem er aufgrund seiner Verletzungen aus dem Militärdienst entlassen wurde. „Abgesehen von meinem Arm habe ich immer noch einige Probleme mit dem Herzen, dem Rücken und dem Bauch, aber es ist bei Weitem nicht mehr so schlimm wie letztes Jahr. Ich halte weiterhin Kontakt zu meinen Ärzten und gehe regelmäßig zu Untersuchungen.“ Alle, die wir lieben, alles, was wir lieben Als Russland am 24. Februar 2022 den großen Krieg gegen die Ukraine begann, meldete sich der damals einundzwanzigjährige Dron sofort freiwillig zur Armee. Kaum mehr als ein Junge, erhielt er den Kampfnamen „David“ und zog los, um sich dem übermächtig erscheinenden Gegner zu stellen. „Hemingway hat keine Ahnung“ schrieb er teils im Schützengraben als Soldat der 125. Territorialverteidigungsbrigade, teils während des Aufenthalts in Spitälern nach seiner Verwundung. Der Titel geht auf Drons wachsendes Misstrauen gegenüber seinem früheren Lieblingsautor Ernest Hemingway zurück, das sich verstärkte, je mehr Einblicke er selbst in das Wesen des Krieges gewann: „Ich habe das Gefühl, dass Hem mich in gewisser Weise getäuscht hat. Als hätte er etwas ausgelassen. Oder vielleicht wusste er es selbst nicht.“ Dron schreibt: „Als ich meinen eigenen Krieg bekam, verlor ich Hemingway für immer.“ Hemingways Krieg war in erster Linie der Erste Weltkrieg, der für seine Generation von Schriftstellern prägend war. Aber: „Hemingway hat keine Ahnung vom russisch-ukrainischen Krieg. So einfach ist das.“ So Dron heute. Der Erste Weltkrieg bedrohte weder Hemingway noch seine Angehörigen direkt. Der amerikanische Schriftsteller suchte die Kampfhandlungen auf einem anderen Kontinent als Abenteuer auf und empfand ihn schließlich als sinnlos. Dron will den Krieg nicht, doch er kommt zu ihm, als unfassbare Tragödie. Und doch ist sein Kriegseinsatz sinnvoll, denn es geht ums Überleben. Um die Existenz einer ganzen Nation. In Drons Krieg geht es darum, die Auslöschung seiner selbst, seiner Familie, seines Landes zu verhindern, auf die Russlands Krieg gegen die Ukraine abzielt. Zwangsläufig hat dieser Gegensatz zwei verschiedene Arten von Literatur über Krieg hervorgebracht. Der Blick auf die klassische Antikriegsliteratur schadet „Der Krieg kam zu uns“, sagt Dron: „Er bedroht alle, die wir lieben. Alles, was wir lieben. Die Russen kamen, um zu töten. Sie kamen, um deinen Vater, deine Mutter, deine Kinder, deine Nachbarn, deine Freunde zu töten. Ganz konkret. Ob du es nun willst oder nicht, stehst du vor einer Entscheidung: zu versuchen, etwas zu unternehmen, um das zu verhindern, oder unterzugehen. Und das ist ein sehr großer Unterschied.“ Viele literarische Klassiker über den Ersten Weltkrieg basieren auf der Botschaft, dass Krieg böse und Frieden gut sei. Bücher von Hemingway wie „In einem anderen Land“ haben über Generationen hinweg die Sicht auch der Europäer auf Krieg geprägt. Doch für Dron verloren diese Werke ihre Aura der universellen Wahrheit, nachdem Russland die große Invasion begonnen hatte. Seiner Meinung nach ist es schädlich, den Krieg gegen die Ukraine durch das Prisma der Antikriegsliteratur des zwanzigsten Jahrhunderts zu betrachten. „Es geht nicht so sehr darum, dass Autoren wie Hemingway, Remarque und andere uns hinters Licht führen. Es geht vielmehr darum, dass wir uns selbst hinters Licht führen, wenn wir über ihre Bücher verstehen wollen, was in der Ukraine passiert. Wir können sie nicht benutzen, um den Krieg gegen die Ukraine zu erklären. Wir müssen unsere eigene Sprache dafür finden. Mit unseren eigenen Worten sprechen. Denn der Kontext ist ein ganz anderer.“ Insbesondere Erich Maria Remarque, der im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite kämpfte, hielt am Humanismus und an der Empathie für seine Feinde fest und identifiziert sich mit ihnen: mit den anderen jungen Männern auf der anderen Seite des Schützengrabens. Diese Art von Empathie und Mitgefühl gibt es bei Dron nicht. Der Leser findet in seinem Buch keinen Versuch, den Feind zu verstehen oder sich in dessen Lage zu versetzen. Keine Botschaft, dass wir im Grunde alle gleich seien. Russlands zahlreiche Kriegsverbrechen und die Absicht, die Ukraine zu vernichten, lassen es für Dron nicht zu, Pazifismus oder Völkerverständigung zu predigen. Unter anderem verwendet er den abwertenden Begriff „kazap“, Schlachter, für seine Feinde und schreibt „Russland“ und „Russen“ im gesamten Buch konsequent klein. Er spielt nicht den Zorn und die Wut gegenüber Russland herunter, wie das andere zeitgenössische ukrainische Literatur tut, etwa Wiktorija Amelinas „Blick auf Frauen den Krieg im Blick“ oder Artem Tschapajs „Nicht für den Krieg geboren“. Wer zum Schwert greift Der Pazifismus und der Humanismus, die einen Großteil der Literatur über den Ersten Weltkrieg prägen, haben ihre Wurzeln in der christlichen Tradition: Haltet die andere Wange hin, liebt eure Feinde. Dron ist selbst Christ, geht regelmäßig in die Kirche und ist aktives Mitglied der großen griechisch-katholischen Glaubensgemeinschaft, die in der Westukraine weit verbreitet ist. Er hebt jedoch Zitate aus der Bibel hervor, die seiner Meinung nach besser zu Russlands Krieg gegen die Ukraine passen: Wer zum Schwert greift, soll durch das Schwert umkommen. Und nicht zuletzt: Niemand hat eine größere Liebe als der, der sein Leben hingibt für seine Freunde. „Jeder einzelne ukrainische Soldat, der sich aufmacht, um seine Nächsten vor den Russen zu verteidigen, dabei sein eigenes Leben aufs Spiel setzt und es oft auch verliert, ist Ausdruck der größten Liebe der Welt – jener Liebe, von der Jesus sprach“, sagt Dron. Ein anderer ukrainischer Soldat, der prominente Menschenrechtsaktivist und Träger des Václav-Havel-Preises des Europarats, Maksym Butkewytsch, sah es als notwendig an, seine Überlegungen darzulegen, wie man als Christ damit umgehen soll, im Kampf gegen Russland ein Maschinengewehr in die Hand zu nehmen und damit auf andere Menschen zu schießen, um sie zu töten. Dron hat das nie für nötig gehalten: „Es ist keine besonders schwierige philosophische Frage, die viel Überlegung erforderte. Es ist so offensichtlich. Die ukrainische Armee muss Russen töten, die gekommen sind, um uns zu töten. Für jemanden, der sich selbst als Christ bezeichnet, ist es eine Verpflichtung zu versuchen, Unschuldige zu schützen. Potentielle Opfer von Gewalt und Mord zu schützen. Seine Nächsten zu schützen.“ Dron bezieht sich dabei auf das Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine, Swjatoslaw Schewtschuk, zu dem er ein gutes Verhältnis hat und den er als moralische Autorität betrachtet. Wenn Sie einen Weg kennen, die Russen ohne Einsatz von Waffen aufzuhalten, dann teilen Sie ihn uns mit, und wir werden ihn sofort anwenden, hat der ukrainische Geistliche gesagt. Ein moralischer Fehler Dron fordert die Europäer auf, ihren Umgang mit der russischen Kultur sorgfältig zu überdenken: „Es ist wichtig zu verstehen, dass nicht nur der russische Präsident oder die russische Regierung hinter dem Krieg stehen. Es sind gewöhnliche Russen, die in ein anderes Land gegangen sind, um zu morden, zu stehlen und zu zerstören. Solange sie nicht damit aufhören, ist es unmöglich, einen Dialog mit ihnen zu führen. Sich mit ihrer Kultur auseinandersetzen, zum Beispiel mit ihrer Literatur, bedeutete, diesen Dialog zu früh wieder zu beginnen. Erst wenn sie aufhören zu töten, wäre es wieder vertretbar, ihre Bücher zu lesen, ihre Musik zu hören und ihr Theater zu erleben. Sich mit ihrer Kultur zu beschäftigen, während sie töten, birgt die Gefahr, dass die Grenze zwischen Opfer und Aggressor verschwimmt. Und das verstärkt das weitverbreitete Missverständnis, dass der Krieg gegen die Ukraine ausschließlich auf Putin zurückzuführen sei.“ Das mangelnde Verständnis in bestimmten Kreisen Europas für den Charakter des Freiheits- und Überlebenskampfes der Ukrainer hat zu mancher Unstimmigkeit geführt, etwa mit der norwegischen Autorin Åsne Seierstad. Dron lehnte es ab, das Buch „Hemingway hat keine Ahnung“ bei Cappelen Damm, Norwegens größtem Verlag, erscheinen zu lassen, als ihm klar wurde, dass dort auch Seierstads Buch „Der Krieg ist anderswo – Russland von innen“ erschienen ist, in dem die Autorin mit viel Einfühlungsvermögen einen russischen Kriminellen porträtiert, der freiwillig in die Ukraine gereist ist, um dort für Geld Ukrainer zu töten. Indem sie sich in diesen Vertreter einer Armee von Kriegsverbrechern hineinversetze und versuche, ihn zu verstehen, begehe Seierstad einen schwerwiegenden moralischen Fehler: „In der gegenwärtigen Situation ist es moralisch nicht vertretbar, über solche Menschen zu schreiben oder über sie zu lesen. Ich könnte mich nicht damit abfinden, dass ein Verlag mit der einen Hand die Geschichte der Opfer und mit der anderen Hand die Geschichte ihrer Mörder veröffentlicht. Das ist zutiefst falsch.“ Es handele sich ja nicht um einen Krieg zwischen zwei gleich starken, moralisch gleichwertigen Parteien. Vielmehr führe Russland einen kolonialistischen Krieg gegen die Ukraine, und Seierstads Buch reihe sich in eine lange Tradition russischkundiger westlicher Intellektueller ein, die darauf abziele, die russisch-imperiale Aggression gegen Nachbarländer, ethnische Minderheiten und indigene Völker zu verstehen – und im schlimmsten Fall trage das dazu bei, sie zu rechtfertigen. Derzeit kann Dron sich der russischen Aggression nicht mit der Waffe in der Hand widersetzen. Aber es ist schwer zu sagen, wie lange das so bleiben wird. „Aufgrund meines Gesundheitszustands und eines ärztlichen Attests lebe ich nun schon seit mehr als einem Jahr als Zivilist. So entgehe ich vorerst einer abermaligen Einberufung. Aber wir werden sehen. Die Lage ist sehr unklar. Niemand weiß, was passieren wird. Also versuche ich einfach, die Zeit so gut wie möglich zu nutzen, so viel wie möglich zu schreiben und Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Aber gleichzeitig halte ich mich bereit. Es gibt keine Garantie dafür, dass der Krieg für mich vorbei ist. Er geht weiter. Niemand weiß es.“ Sagt Dron und legt auf.