FAZ 31.07.2026
14:13 Uhr

wegen Hitzewelle: Särge in der Warteschlange


Während der Hitzewellen dieses Sommers sterben überdurchschnittlich viele Menschen. Das kann Friedhöfe und Krematorien an ihre Grenzen bringen, so wie vor wenigen Tagen im hessischen Offenbach.

wegen Hitzewelle: Särge in der Warteschlange

Gestorben wird vor allem im Winter: Von Dezember bis März sind die Zahlen höher als im Sommer, haben Statistiker ausgerechnet. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Wegen der Hitze haben sich die Werte drastisch erhöht. „Es hat uns überrannt“, sagt Christian Loose. Er ist stellvertretender Leiter des auch für die Friedhöfe und das Krematorium zuständigen Eigenbetriebs der Stadt Offenbach ESO. Doppelt so viele Särge wie üblich seien an den besonders heißen Tagen zum Krematorium gebracht worden, genaue Zahlen nennt Loose „aus Pietät“ nicht. Jedenfalls kam die Belegschaft des Krematoriums mit den Einäscherungen nicht mehr nach. Zur Entlastung wurde vor der Anlage sogar ein Kühlzelt aufgebaut. „Keine schöne, aber eine praktische Lösung.“ Einen vergleichbaren Engpass haben vor drei Wochen auch die Betreiber des Krematoriums in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden erlebt. Die Zahl der Toten, die zur Anlage am Südfriedhof gebracht wurden, hatte sich an einem Wochenende auf bis zu 25 verdreifacht. Eine Situation, wie sie Mitinhaber Wilhelm Vogler noch nicht erlebt hat, seit seine Gesellschaft das bis dahin von der Stadt betriebene Krematorium vor gut 20 Jahren gekauft hat. Aber die Lage habe sich schnell wieder normalisiert: „Wir sehen keine Auffälligkeiten bei der Übersterblichkeit mehr“, sagt Vogler. Ähnlich klingt es in Hanau. Auf Anfrage der F.A.Z. heißt es von der Stadt, dass man zwar eine höhere Sterblichkeit verzeichne, die Kapazität des gerade erst modernisierten Krematoriums reiche dagegen aus. Aber auch dort hat man schon ähnliche Erfahrungen wie in Offenbach gesammelt: Während der Pandemie wurden Tote in einem Kühlcontainer untergebracht, weil sonst am Hanauer Hauptfriedhof kein Platz mehr war. Kühlzelt als Durchgangsstation Den Vorwurf über schwer erträgliche Zustände im Kühlzelt am Offenbacher Krematorium, über die in der „Offenbach Post“ berichtet worden war, will Loose so nicht stehen lassen und stellt sich vor seine Mannschaft, die in den vergangenen Tagen Überdurchschnittliches geleistet habe. Der beklagte Verwesungsgeruch zum Beispiel rühre daher, dass wegen der Hitze auch Leichen in einem weit schlechteren Zustand als üblich zur Anlage gebracht wurden. Wenn ein Körper über Stunden in einer 40 Grad heißen Wohnung liege, dann hinterlasse das Spuren. Es kann zum Beispiel nur Minuten dauern, bis Schmeißfliegen ihre Eier abgelegt haben, lange bevor der Totenschein ausgestellt und die Leiche weggebracht worden ist. Loose verweist auch darauf, dass die Toten jeweils nur für kurze Zeit im Zelt aufbewahrt wurden. Es sei als eine Art Durchgangsstation genutzt worden, mit der das weitere Vorgehen gesteuert worden sei, zum Beispiel die Weiterleitung in ein anderes Krematorium. Nachts sei das Provisorium nicht genutzt worden. Wartezeiten ergeben sich nach seiner Darstellung auch durch das für Einäscherungen vorgegebene Verfahren. Zum Beispiel gibt es eine zweite Leichenschau, um einen  „nicht natürlichen Tod“ auszuschließen. Denn nach der Einäscherung sind keine weiteren Untersuchungen mehr möglich. Engpass wegen Sanierung einer Ofenlinie Die von Loose erwähnte Zusammenarbeit mit anderen Krematorien ist übrigens in der Branche üblich, die Hanauer kooperieren zum Beispiel mit einer Anlage in Rheinland-Pfalz. Auf der anderen Seite wenden sich auch die Bestatter an verschiedene Einrichtungen, die Frankfurter Unternehmen sind zum Beispiel auf das Umland angewiesen. Denn das Krematorium auf dem Hauptfriedhof der Großstadt wurde vor mehr als zehn Jahren geschlossen, also müssen die Toten andernorts eingeäschert werden – in Offenbach zum Beispiel. Allerdings hat die Hitzewelle die Offenbacher an einem Punkt auf dem falschen Fuß erwischt: Im Augenblick steht nur eine der beiden Ofenlinien zur Verfügung, die zweite wird gerade modernisiert. Den Termin hatten die Verantwortlichen mit Blick auf die eingangs erwähnte Statistik gewählt, und das hatte im vergangenen Jahr bei der Sanierung des anderen Ofens auch wie gewünscht funktioniert. Im Juli aber führte es dazu, dass eben nur die Hälfte der Kapazität für Einäscherungen zur Verfügung stand. In Offenbach sind ansonsten bis zu 8000 Einäscherungen im Jahr möglich, diese Zahl wird in der Friedhofszeitung „Ruhepunkt“ der Stadtwerke genannt. An die Grenze gelangt sind nicht nur die Öfen, sondern auch die Kühlräume. Man habe zum Beispiel auch Anfragen von Kliniken abweisen müssen, berichtet Loose. Übrigens soll die Kapazität in Offenbach erhöht werden. Gerade wird die Trauerhalle saniert, und Teil dieses Projekts ist laut Loose auch der Einbau zweier neuer Kühlräume. Aber aktuell hat sich die Lage entspannt, das Kühlzelt muss nicht mehr genutzt werden. Die schlimmste Hitze sei erst einmal vorüber, daher werde sich ein Andrang wie vor wenigen Tagen wohl nicht mehr einstellen. Ein anderes Kalkül ist zwar gefühllos, daher nennt es kein Gesprächspartner, aber nicht von der Hand zu weisen: Viele besonders Gefährdete hat die Hitze schon das Leben gekostet.