Eines hat die Staatsanwaltschaft Hannover in jedem Fall schon geschafft: Sie hat nicht nur in Berlin die Bekanntheit des SPD-Spitzenkandidaten für die Wahl am 20. September gesteigert, sondern bundesweit.
|
11.09.2026 09:50 Uhr |

Eines hat die Staatsanwaltschaft Hannover in jedem Fall schon geschafft: Sie hat nicht nur in Berlin die Bekanntheit des SPD-Spitzenkandidaten für die Wahl am 20. September gesteigert, sondern bundesweit.
Erstmals hat sie nun konkret benannt, was der Vorwurf gegen Steffen Krach ist, warum es so kurz vor der Kommunalwahl am Sonntag in Niedersachsen und eine Woche später der Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin zu Durchsuchungen in Hannover und Berlin gekommen ist, auch in Krachs Privatwohnung.
Krach betont, die Staatsanwaltschaft Hannover habe seinem Anwalt mitgeteilt, dass es um zwei Fragen gehe: zum einen um eine Spende von einem Unternehmer an den SPD-Landesverband Berlin, „die bei zwei Gelegenheiten im Zusammenhang mit einem behördlichen Verfahren von mir gefordert worden sein soll“.
Zum anderen gehe es um eine behauptete unzulässige Weitergabe des Angebots eines Bieters als Geschäftsgeheimnis im Zusammenhang mit einem Bieterverfahren für eine Immobilie. Krach selbst betont hierzu, „dass diese Vorwürfe gegen mich unbegründet sind“: Er weise sie nachdrücklich zurück, sie träfen nicht zu. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Unbegründetheit der Vorwürfe das Ergebnis der Prüfung der Ermittlungsbehörden sein wird.“ Allerdings dürfte diese Prüfung kaum bis zur Wahl abgeschlossen sein.
Die Vorgeschichte ist etwas verzwickt. Krach war noch bis März Präsident der Region Hannover, seither ist er beurlaubt für den Wahlkampf in Berlin, wo er früher schon als Staatssekretär tätig war und nun im Wahlkampf auf das Image eines Anpackers und Problemlösers setzt. Als Regionspräsident war er auch Vorsitzender des Klinikverbundes (KRH), unter dessen Dach sich neun Krankenhäuser befinden. Eines davon, in Lehrte, sollte schließen. An seine Stelle sollte ein regionales Gesundheitszentrum treten, mit mehr ambulanter Betreuung, aber auch diversen Fachabteilungen. Zudem sollten neue Pflegeeinrichtungen entstehen.
Krach wird vorgeworfen, sich damals intensiv für das Konzept eines Unternehmens eingesetzt und womöglich interne Informationen zum Bieterverfahren weitergegeben zu haben. Vom Geschäftsführer des Unternehmens erhielt die SPD Berlin am 29. Dezember 2025 eine Spende von 9900 Euro; als Krach davon erfuhr, ließ er das Geld im Januar umgehend zurücküberweisen. Im Ringen um den Zuschlag unterlag dann aber letztlich das auch von Krach favorisierte Unternehmen.
Seit Tagen ist er nun mit dieser Sache beschäftigt, in einer aktuellen Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen liegt die SPD nur noch bei zehn Prozent. Die Linke führt hier mit 23 Prozent, vor der CDU mit 21 Prozent, gefolgt von AfD (17 Prozent) und Grünen (16 Prozent). Derzeit regieren CDU und SPD die Hauptstadt gemeinsam, der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hat wegen seines Verhaltens rund um den großen Stromausfall zu Jahresbeginn nach internem Druck erklärt, nicht erneut zu kandidieren. Für die CDU tritt daher Finanzsenator Stefan Evers als Spitzenkandidat an, die Linke hofft mit Elif Eralp erstmals in Berlin die Regierende Bürgermeisterin stellen zu können. Krach aber zum Beispiel hält die Linke für nicht regierungsfähig und könnte eher auf ein schwarz-grün-rotes Bündnis setzen. Aber sein Wahlkampf ist nun deutlich schwerer geworden. „Dieser Vorwurf trifft mich persönlich“, betont Krach.
Am Mittwochmorgen hatten Ermittler der Staatsanwaltschaft Hannover die Landesgeschäftsstelle der SPD und Krachs Privatwohnung in Berlin sowie Räume der Region Hannover durchsucht. Warum die Durchsuchungen ausgerechnet jetzt vor zwei wichtigen Wahlen stattfinden, ist umstritten. Krach nennt den Zeitpunkt „interessant“, will ihn aber nicht weiter bewerten.
Steffen Krach hätte sich den Ärger ersparen können, wenn er direkt im August 2025, nach Bekanntgabe der Kandidatur für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, das Amt des Präsidenten der Region Hannover aufgegeben hätte. Ihm war jedoch gerade das Projekt des Gesundheitszentrums in Lehrte, auf das sich die Vorwürfe beziehen, besonders wichtig. Er bezeichnet es als „schwierigstes Projekt meiner Amtszeit“. Er habe sich bis zu seiner Beurlaubung stark für die aus seiner Sicht beste Lösung eingesetzt.
Das Projekt sei „von großer politischer Brisanz“ gewesen, sagt Krach, er habe Morddrohungen erhalten und sich „nicht nur Freunde gemacht“. Als Krach Anfang Januar auf die Geldspende von knapp 10 000 Euro aufmerksam gemacht wurde, will er „keine 24 Stunden später“ die Rücküberweisung angewiesen haben. Am Donnerstag hielt er vor laufenden Kameras einen ausgedruckten Überweisungsbeleg hoch: „Hier ist die Rücküberweisung.“
Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hannover betonte zu der Kritik aus der SPD am Zeitpunkt der Durchsuchungen, es sei erst Anfang September ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden, „aufgrund eines von uns bejahten Anfangsverdachts“. Dann müsse man von Amts wegen Ermittlungen einleiten und könne nicht wegen einer Wahl zuwarten.
Als Ermittler aus Niedersachsen bei Krachs Wohnung in Berlin klingelten, telefonierte er just in dem Moment mit der Berliner Innensenatorin Iris Spranger (SPD). Sie sprachen über den Hauptstadtfinanzierungsvertrag, wie Krach sagt. Sprangers Sprecherin bestätigt das. Den Verdacht, die Senatorin könnte Krach gewarnt haben, weist sie strikt zurück. Spranger habe zu dem Zeitpunkt „keine Kenntnisse“ über Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover beziehungsweise über von dieser Behörde verantwortete Durchsuchungen gehabt, teilte sie auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung mit. Auch Krach sagt: „Ich kann ausschließen, dass wir über den Durchsuchungsbeschluss gesprochen haben.“
Krach wurde das Handy abgenommen, sodass das Gespräch mit der Berliner Innensenatorin abbrach. Mehrere Leute seien auf ihn zugestürmt und hätten dann die Wohnung durchsucht, vor den Augen seiner Kinder. „Das macht etwas mit einem Vierjährigen, mit einem Zwölfjährigen.“ Er will den Wahlkampf trotzdem fortsetzen und die Vorwürfe weiter aufklären – aber die Altlasten aus Hannover machen die von ihm geplante Aufholjagd in Berlin sicher nicht einfacher.
Hinweis der Redaktion: Dieser Text ist die aktualisierte Fassung einer früheren Version.
Die Autorität von Friedrich Merz schwindet, auch in der SPD wachsen die Zweifel an ihm. Als Lehre aus dem AfD-Triumph in Sachsen-Anhalt will die Partei einige Reformen neu verhandeln.
Lesen Sie mehr zum Thema
In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.
Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien