Sind die Deutschen ein Volk von Weichkauern? Eine Nation, die gar nicht mehr kräftig zubeißt, sondern in hohem Maße dem Weichen, Pürierten, wenn nicht gar Flüssigen auf dem Speiseplan zuneigt? Die unterschätzt, welche Superkraft der Kiefer bietet?
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15.09.2026 06:51 Uhr |

Sind die Deutschen ein Volk von Weichkauern? Eine Nation, die gar nicht mehr kräftig zubeißt, sondern in hohem Maße dem Weichen, Pürierten, wenn nicht gar Flüssigen auf dem Speiseplan zuneigt? Die unterschätzt, welche Superkraft der Kiefer bietet?
Diesen Eindruck vermittelten kürzlich die Bundeszahnärztekammer und weitere Organisationen, als sie in mehreren Mitteilungen hervorhoben, wie gefährdet die Fähigkeit des Kauens angesichts des immensen Angebots an hochverarbeiteten Produkten sei. Dabei sei das Kauen enorm wichtig – auch und gerade für das Hirn. Eine gute Fähigkeit zum Zubeißen könne im Alter zum Erhalt der kognitiven Fähigkeiten beitragen, hieß es. Es sei nun an der Zeit, sich „fit zu kauen“.
Kann der Kiefer wirklich die Kognition ankurbeln? Kurzfristig wahrscheinlich schon, schrieben Forscher um den japanischen Dentalmediziner Takahiro Ono 2023 in einem Überblicksartikel. Einige Studien mit jungen Teilnehmern ließen vermuten, dass kräftiges Kaugummikauen die Reaktionszeit verkürze und wahrscheinlich auch Aufmerksamkeit, Wachheit und Konzentration verbessere. Als Ursache vermuteten sie, dass das Mahlen der Zähne das zentrale Nervensystem stimuliert und den Blutfluss im Gehirn verstärkt. Allerdings waren die Effekte nur akut, relativ klein und nicht besonders gut belegt.
Noch schlechter ist die Evidenz zu der Frage, ob das Kauen zur Demenzprävention taugt. In ihrem Überblicksartikel werteten Takahiro Ono und Kollegen auch 15 Studien zu diesem Thema aus. In der Summe zeigten sich: Ältere Menschen, die aus welchem Grund auch immer nicht gut kauen konnten, hatten stärker mit Einbußen ihrer geistigen Leistungskraft zu kämpfen als Hochbetagte, die keine Probleme beim Zubeißen hatten.
Nur lässt sich daraus nicht folgern, dass eine schlechte Kauleistung die Ursache dafür ist, dass die Geisteskraft nachlässt. Denkbar ist auch der umgekehrte Mechanismus: Menschen erkranken an Demenz und vernachlässigen aus diesem Grund ihre Zahngesundheit. Zudem kann es in diesem Zusammenhang etliche Störfaktoren geben. Menschen, deren Mundgesundheit schwächelt, weisen womöglich auch andere Probleme und Verhaltensweisen auf, die mit einer Demenz in Verbindung stehen. Rauchen, ein hoher Alkoholkonsum oder soziale Isolation gehören beispielsweise dazu.
Im Großteil der von Takahiro Ono und Kollegen ausgewerteten Studien wurden solche Störfaktoren nicht berücksichtigt. Insgesamt bescheinigte das Team nur drei der 15 Arbeiten eine hohe Qualität. Bei keiner von ihnen wurden die Studienteilnehmer repräsentativ ausgewählt, die Mehrzahl blieb vage, was die statistischen Methoden ihrer Untersuchungen anging. Zudem wurde die Kauleistung auf unterschiedliche Weise erhoben, zum Teil auch nur durch Befragungen.
Ein Jahr später trugen japanische Forscher speziell solche Studien zusammen, in denen die Kauleistung gemessen wurde, etwa durch den Einsatz spezieller Kaugummis. In nur vier von elf Studien zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Kau- und kognitiver Leistung auch nach dem Herausrechnen von Störfaktoren. Insgesamt sahen sich die Forscher außerstande zu belegen, dass die Fähigkeit zu kauen tatsächlich den kognitiven Status älterer Menschen beeinflusst. Ebenso konnten weitere Forschende keine überzeugenden Belege dafür finden, dass die Verbesserung der Kaufähigkeit, zum Beispiel durch die Versorgung mit gut sitzenden Prothesen, die geistige Leistung älterer Menschen stärke.
Alles in allem spricht derzeit nicht viel dafür, dass sich die Demenz quasi wegkauen lässt. Doch wenn man nicht das Kauen an sich, sondern eher die Mundgesundheit als Ganzes betrachtet, wird der Zusammenhang zumindest etwas plausibler.
Seit einigen Jahren gebe es vermehrt Hinweise, auch aus großen Studien, dass eine allgemein schlechte Mundgesundheit und insbesondere eine fortgeschrittene Parodontitis mit kognitiven Beeinträchtigungen einhergeht, sagt Søren Jepsen von der Poliklinik für Parodontologie, Zahnerhaltung und Präventive Zahnheilkunde der Universität Bonn. Zwar fehle auch hier der Nachweis einer Kausalität. Dennoch gebe es nachvollziehbare biologische Mechanismen.
Jepsen hebt die Möglichkeit hervor, dass ein schlechter Mundzustand eine gesunde Ernährung erschwert und sich Entzündungen im Zahnfleisch auf das zentrale Nervensystem ausbreiten könnten. Sein Fazit: „Viele Experten halten die Erhaltung oder Verbesserung der Mundgesundheit im Rahmen präventiver Strategien gegen kognitiven Abbau und Demenz für überaus sinnvoll.“
Internationaler Konsens ist dies allerdings momentan nicht. Große Leitlinien zur Demenzprävention führen die Mundgesundheit nicht als anerkanntes Demenzrisiko auf. Die Weltgesundheitsorganisation WHO erwähnt sie in ihrer jüngst veröffentlichten Leitlinie nicht einmal. Die von der Fachzeitschrift Lancet eingesetzte Kommission zur Demenz diskutierte den möglichen Zusammenhang immerhin. Sie weist darauf hin, dass jene Erkrankungen, die mit chronischen Entzündungen im Mundraum einhergehen, womöglich ein Demenzrisiko sein könnten, fand am Ende aber nicht genügend Evidenz dafür.
Nicht von der Hand zu weisen ist dagegen, was die deutschen Zahnmediziner in ihrem Werben für das Kauen etwas blumig herausstreichen: Die uneingeschränkte Kaufähigkeit, sei „eine der Säulen, auf denen unser Wohlbefinden ruht“.
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