SZ 08.03.2026
14:26 Uhr

(+) Drohender Abstieg aus der Bundesliga: Die Lage in Wolfsburg ist ernst. Sehr ernst


Tränen beim Kapitän, Grüppchenbildung im Team: Der Niedergang des VfL gleicht einem Auffahrunfall in Zeitlupe – Sport-Geschäftsführer Christiansen und Trainer Bauer müssen gehen, ein alter Bekannter übernimmt.

(+) Drohender Abstieg aus der Bundesliga: Die Lage in Wolfsburg ist ernst. Sehr ernst

Wo soll man anfangen? Beim Verteidiger Jonas Adjetey, der seinen Gegenspieler derart innig umklammerte, dass dem Schiedsrichter nichts anderes übrig blieb, als auf einen (daraufhin verwandelten) Elfmeter zu entscheiden? Beim Frust der Wolfsburger Fans, die nach dem Schlusspfiff Pyrofackeln auf den Platz warfen, eine Aktion, die man mit viel gutem Willen als einen Akt von Notwehr umdeuten könnte? Bei der wilden Schubserei, die sich auf dem Rasen zutrug, weil das Wolfsburger Team nicht nur gerade ein wichtiges Fußballspiel verloren hatte, sondern Teile jenes Teams nach Schlusspfiff zudem ihren Anstand? Oder beim nun ehemaligen Trainer Daniel Bauer, der seine Pressekonferenz mit halbstündiger Verspätung und daher ohne das Beisein des gegnerischen Coaches abhielt, weil man sich – so lautete wenigstens die offizielle Version – noch mal „Spielszenen angeschaut“ habe?

Weil es um den VfL Wolfsburg geht, sollte man jedoch standesgemäß mit Maximilian Arnold anfangen. Mit Tränen in den Augen trat der Kapitän in die Interviewzone der Wolfsburger Arena und sendete mit seinem Auftritt so einige Botschaften aus. Nummer eins: Arnold, der auf dem Platz immer dorthin geht, wo es wehtut, kam wenigstens. Anders als seine Teamkollegen, die nach Spielende für weitergehende Erläuterungen nicht zur Verfügung standen. Botschaft Nummer zwei: Entgegen dem Klischee gibt es sie, die Fußballer, die für den VfL ehrliche, authentische Gefühle empfinden. Am deutlichsten sichtbar wurde in Person von Arnold jedoch Botschaft Nummer drei: Die Lage in Wolfsburg ist ernst. Sehr ernst. Und das hat nur nachgeordnet mit der 1:2-Heimniederlage am Samstag gegen den Hamburger SV zu tun.

Maximilian Arnold erklärt, warum er sich seinem Klub so verbunden fühlt, warum die sportlich schlechten Phasen überhandnahmen – und warum unter Trainer Daniel Bauer Besserung in Sicht ist.

Arnold wirkt seit 2009 in der Autostadt, nicht immer handelte es sich da um eine spaßige Angelegenheit. In einem derart desolaten Zustand hat er den Werksklub aber wohl noch nie vorgefunden. Eine „Katastrophe“, sagte Arnold. Recht viel mehr Erhellendes konnte dann aber auch der verdienteste aller kickenden Werksmitarbeiter nicht beitragen.

Der Wolfsburger Kapitän hätte gerne mehr erläutert, konnte aber nicht. Er scheiterte an seiner zittrigen Stimme und an seiner Fassungslosigkeit über das, was bei diesem Verein, der seit 1997 ununterbrochen der ersten Liga angehört und mit Europapokalambitionen in die Saison gestartet war, im März 2026 so alles los ist. Ein Auffahrunfall in Zeitlupe lässt sich in Wolfsburg gerade besichtigen, und das ist in diesem Fall wörtlich zu verstehen.

Denn die Meldung, die der VfL am Sonntag verschickte, hätte bereits am Sonntag zuvor verschickt werden können. Wortgleich. Doch statt unmittelbar nach dem desolaten 0:4 beim VfB Stuttgart auf „Senden“ zu klicken, wurde lieber noch mal die Niederlage im Abstiegsduell gegen den HSV abgewartet, bevor verkündet wurde, was ohnehin unvermeidlich war: Sport-Geschäftsführer Peter Christiansen und Trainer Bauer wurden freigestellt. Eine volle Woche haben die Wolfsburger Aufsichtsräte um den Vorsitzenden Sebastian Rudolph ins Land streichen lassen, um … ja, was eigentlich?

Nachfolger wird nun jedenfalls der frühere Wolfsburger Erfolgscoach Dieter Hecking , derselbe Trainer also, der bereits sieben Tage zuvor in den Startlöchern gestanden haben soll. Es gelte nun, „alle Kräfte“ zu bündeln, wird Hecking im Kommuniqué zitiert. Zuvor ließ man jedoch Bauer als eine Art Fired Coach walking noch das sechste der vergangenen sieben Ligaspiele in den Sand setzen. Der einem früheren Trainerwechsel angeblich eher zugeneigte Sportdirektor Pirmin Schwegler, seit November im Amt, musste somit ein weiteres Mal dabei zusehen, wie der Däne Christiansen das letzte Wort behielt – nur um wenig später, am Sonntag, Abschiedsworte seines jetzt ehemaligen Vorgesetzten in besagter Pressemitteilung zu lesen.

Ein Klub, bei dem es so zugeht, braucht sich jedenfalls nicht zu wundern, wenn er am Saisonende dort landet, wo der VfL gerade steht: Abstiegsplatz 17 in der Tabelle; die Tendenz ist auf bedenklichste Weise abschüssig. Bislang hieß es immer, ein wohlsituierter Werksklub wie der VfL sei de facto unabsteigbar, selbst dann, wenn sich Verantwortliche dahin gehend noch so große Mühe geben. Zu viel Geld, zu viel Qualität im Kader – irgendwie werde es doch immer reichen, um sich, wenn es wirklich darauf ankommt, in sichere Tabellenregionen zu schieben. In dieser Saison erscheint jedoch nichts mehr unmöglich.

Denn die vom Mutterkonzern VW zur Verfügung gestellten Millionen wurden derart fehlinvestiert, dass der neue Trainer Hecking einen der windschiefsten Kader der Liga zähmen muss. Dem Torwart Kamil Grabara sowie den meisten Abwehrmännern fehlt die Feinmotorik, um flotten Ballbesitzfußball praktizieren zu lassen. Dem Mittelfeld um Arnold sowie den Spielmachern Christian Eriksen und Lovro Majer gebricht es derart an Dynamik, derart an Laufstärke und Intensität, dass ein intensiver Gegen-den-Ball-Ansatz nicht drin zu sein scheint. Vorn gibt es zwar den quirligen Wirbelwind Mohamed Amoura, aber im erst 21-jährigen Dzenan Pejcinovic nur einen gelernten Mittelstürmer. Gegen den HSV schaffte er es, den Ball aus einem halben Meter an den Pfosten zu köpfen.

In Summe hätten die Wolfsburger zwar immer noch mehr als genug Qualität, um sich irgendwie über den sogenannten Strich zu retten. Allerdings ist hinter gar nicht so vorgehaltenen Händen auch zu hören, dass die Wolfsburger Mannschaft, nun ja, ohnehin eher aus losen Fragmenten besteht. Innerhalb spezieller Grüppchen soll man sich durchaus noch verstehen – sobald die Grüppchen allerdings in Fremdkontakt geraten, gehe es demnach nicht mehr ganz so harmonisch zu. Noch dazu sollen, typisch Werksverein, so einige Spieler einem Abstieg vergleichsweise gelassen entgegenblicken: Im Sommer wird sich ein attraktives Kaderplätzchen finden lassen – zur Not fernab von Wolfsburg.

Das aus VfL-Sicht tröstlichste Szenario verkörpert jetzt der Mann, der sich als Nothelfer in diese brisante Gemengelage stürzen wird. Als Dieter Hecking von 2013 bis 2016 schon mal Wolfsburger Trainer war, gelang ihm, was ihm jetzt erneut gelingen soll: Der Werksverein trudelte seinerzeit der Zweitklassigkeit entgegen; der damals schon erfahrene Hecking kam, sah und stabilisierte. Das bekannteste Bild aus seiner Wolfsburger Zeit zeigt Hecking mit der DFB-Pokal-Trophäe in den Händen und einer Kappe mit dem Schriftzug „King“ auf dem Kopf. Solch eine Kappe jedenfalls ließe sich erneut beschaffen – und Hecking könnte sich diese, im Falle eines Wolfsburger Klassenverbleibs, erneut aufsetzen.

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