|
02.07.2026
16:01 Uhr
|
Bei 36 Grad wurde unsere Autorin endlich die Schlaraffenland-Mutter, deren Tochter sie selbst gerne wäre.

Die Hitze, sie hat auch gute Seiten. Damit meine ich nicht den Umstand, dass vergangenen Samstag um 19.58 Uhr an der Supermarktkasse wirklich jeder eine Wassermelone in den Händen hielt wie ein unverzichtbares Accessoire und dazu ein leidendes Gesicht aufsetzte, für mich das Wimmelbild dieses Klimawandelsommers. Ich spreche auch nicht davon, dass ich von Tag vier der Hitzewelle an keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, weil das Hirn runterfuhr wie ein überlasteter Server. Ein gar nicht mal so unangenehmer Zustand übrigens, weil klare Gedanken fassen nicht unbedingt eine erbauende Tätigkeit ist, siehe hierzu auch Klimawandel. Nein, mir geht es darum, dass ich bei Temperaturen von 36 Grad endlich die Schlaraffenland-Mutter sein konnte, deren Tochter ich selbst gerne wäre.
Nennen Sie mich fahrlässig, nennen Sie mich posthelikopterisch, doch wie sagt man so unschuldig? Es ist einfach passiert. Über den Zeitraum von einer guten Woche gingen wir jeden Tag ins Schwimmbad oder an den nahegelegenen, eiskalten Bach. Fragte meine vierjährige Tochter mich – wie sie mich das jeden Nachmittag fragt, wenn ich sie von der Kita abhole – ob wir ein Eis essen gehen könnten, sagte ich jedes Mal Ja, zum einen, da ich keine Energie für Widerrede hatte, zum anderen, weil ich selbst Eis essen, wenn nicht meinen Job hinschmeißen und ein Eiscafé eröffnen wollte.
Meine Tochter fiel mir in die Arme, es war so was von harmonisch bei uns zu Hause. Wir gingen jeden Abend spät ins Bett. Saßen draußen auf Bänken herum und aßen Pizza, an wie vielen Tagen im Jahr geht das schon in Deutschland? An sehr vielen, wie sich im Laufe der mutmaßlich nicht letzten Hitzewelle dieses Jahres zeigen sollte. Streusel aufs Eis? Nimm ’ne doppelte Portion. Pommes? Es gibt ein Grundrecht auf Pommes!
Ist es nicht das, was Kinder wirklich wollen statt Apfelschnitze und Yogakurse am Nachmittag? Völlerei und Fun.
Und wie das so ist mit Erwachsenen, die nie aufgehört haben Kinder zu sein, drehten mein Freund und ich zusehends frei. Wir bestellten keinen Ventilator, dafür las mein Freund nächtelang Testberichte zu Eismaschinen, zog entschlossen wie ein Großwildjäger zum Kauf aus. Wir gingen die leer stehenden Gewerbeimmobilien im Viertel durch, mit was bitte reich werden, wenn nicht mit Ricotta-Erdbeer-Eis? Und da es irgendwann so heiß war, dass ich das Projekt Schlaf aufgab, widmete ich mich einer weiteren Aktivität infantiler Eltern, die ihr Kind mit ins Absurde kuratierter Freizeit terrorisieren: der großen Reise, bevor das Kind in die Schule kommt. Googelte Indonesien, googelte Thailand. Erzählte meiner Tochter von Klebreis mit Mango und von Elefanten, auf denen wir reiten würden.
Irgendwann, die Hitze war kurz davor, sich mit einem symbolischen Übergewitter zu verabschieden, sagte meine Tochter: „Du, Mama, ich will heute nicht ins Schwimmbad.“ Auf einem Elefanten reiten wolle sie auch nicht. Sie wolle Lego spielen, in ihrem Zimmer.
Der Ausnahmezustand ist vorbei. Und ich bin froh, dass es in unserer Familie eine Stimme der Vernunft gibt.
In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike-Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.
Kaum hat eine Frau ein Kind bekommen, soll sie vor allem eines sein: entspannt. Unsere Autorin fragt sich: Wie unrelaxt muss eine Gesellschaft sein, die das so vehement verlangt?
Lesen Sie mehr zum Thema
In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.
Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien
Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: