SZ 07.10.2026
10:27 Uhr

(+) Harry Kane: Die Engländer mussten ihn erst lieben lernen


Harry Kane ist jetzt englischer Rekordnationalspieler und wird mit Lob überhäuft. Doch es dauerte lange, bis er sich die Gunst der Fußballfans auf der Insel erwarb.

(+) Harry Kane: Die Engländer mussten ihn erst lieben lernen

Um den neuen englischen Rekordnationalspieler Harry Kane zu würdigen, hätten seine Landsleute vermutlich auch die gesamte Nacht im Londoner Wembley-Stadion ausgeharrt. Obwohl sich der 3:0-Erfolg der Engländer in der Nations League gegen überforderte Tschechen früh abzeichnete, trat am Dienstagabend kaum einer der mehr als 75 000 Fußballfans vorzeitig die Heimreise an. Alle wollten dem Torjäger bei seinem Meil­ensteinspiel ihren Respekt bekunden. Seine letzte Wechseloption hatte sich Nationaltrainer Thomas Tuchel für Kane aufgespart, in der 82. Minute nahm er den Jubilar vom Platz. Die Zuschauer erhoben sich zu seinen Ehren geschlossen von ihren Sitzen.

Auf den Stadionmonitoren wurde die Zahl „125“ eingeblendet – in goldener Schrift. Kane zog mit seinem 125. Länderspiel für die Three Lions – 106 davon als Kapitän – mit dem bisherigen Rekordmann Peter Shilton gleich. Der legendäre englische Torhüter hatte die Bestmarke vor 36 Jahren aufgestellt, als er nach der WM 1990 und insgesamt zwei Jahrzehnten im Nationalteam seinen Rücktritt erklärte. Die Einstellung des Rekords sei ein „außergewöhnliches Privileg“ und übertreffe „meine kühnsten Erwartungen“, erklärte Kane gerührt.

Sein Vorgänger gratulierte ihm in einer Videobotschaft („A message for Harry Kane“) und traute dem 33-Jährigen zu, in Dimensionen vorzustoßen, die „vielleicht niemals gebrochen“ würden. „Du bist noch immer voll dabei, Harry“, sagte Shilton, 77. Der Veteran hätte einst selbst deutlich mehr Partien absolviert, hätte er sich zwischen 1972 und 1983 nicht mit Ray Clemence im Tor abwechseln müssen.

Die Festlichkeiten krönte Kane auf seine ganz eigene Art – mit einem Doppelpack. Bei seinem er­sten Tor drückte er nach sehenswerter Kombination eine Flanke mit rechts aus kurzer Distanz zum 2:0 über die Linie (40. Minute), später köpfelte er eine Ecke zum 3:0 ein (57.). Auch am Führungstreffer war Kane beteiligt. Er schlug eine scharfe Flanke vor das gegnerische Tor, die Tschechiens Verteidiger Vladimir Coufal spektakulär ins eigene Netz beförderte (27.). Kane verdiene „diese Bühne, diese Anerkennung“, weil er ein außerordentliches Vorbild sei, lobte Coach Tuchel.

Schon vor der Partie hatte der Deutsche eine kleine Laudatio auf seinen Spielführer gehalten und erzählt, dass er selbst als kleiner Junge im Tor stets Peter Shilton nachgeahmt habe. Nun wünsche er sich, dass die nächste Generation ein solches Vorbild in Harry Kane sieht, sagte Tuchel. Auch Jude Bellingham, der mit seinen erst 23 Jahren und bereits 60 Länderspielen eines Tages Kanes Erbe übernehmen könnte, verneigte sich vor seinem Kollegen. „Er ist der beste Spieler, der dieses Trikot je getragen hat“, befand der Profi von Real Madrid.

Für England war es der dritte Sieg im vierten Nations-League-Spiel. Für Kane ist das insofern von Bedeutung, als der Einzug in die K.-o.-Runde weitere Länderspiele mit sich bringen würde. In diesem Block kam er auf 83, 71, 70 und 81 Einsatzminuten, die zweitmeisten hinter Verteidiger Marc Guéhi. Dazu ließ der FC-Bayern-Stürmer mit einem Augenzwinkern verlauten, er hätte gegen Tschechien „gerne weitergespielt“ – um noch mehr Tore zu erzielen. Derzeit steht er mit 91 Treffern für das Fußball-Mutterland auf Platz sieben der internationalen Torjäger-Bestenliste. Angeführt wird sie vom Portugiesen Cristiano Ronaldo (146 Tore).

Das sind Werte, an die lange nicht zu denken war, denn auch in der Nationalelf bewahrheitete sich, was sich zuvor auf Klubebene angedeutet hatte: Kane musste sich alles hart erarbeiten. Geboren im Londoner Stadtteil Walthamstow, zwischen den Einzugsgebieten der Erzrivalen Arsenal und Tottenham, wurde Kane mit neun Jahren bei Arsenal für nicht gut genug befunden. Über Umwege landete er bei Tottenham, wo er vor seinem Durchbruch bei den Profis mehrmals an unterklassige Klubs verliehen wurde. Mit England erlebte er bei seiner ersten EM 2016 das peinliche Aus gegen Island mit. Als in der Folge Gareth Southgate als Trainer übernahm, unterzog er seine Spieler einem Überlebenstraining. Harry Kane stach besonders hervor: Seine Führungsqualitäten fielen sofort auf.

Southgate machte Kane zum neuen Anführer, gemeinsam zogen sie die Mannschaft Stück für Stück aus dem Niederlagensumpf. Das Nationalteam nahm immer mehr den Charakter seines Vorzeigespielers an: bodenständig, teamorientiert, leistungsbereit. Tuchels Assistent Anthony Barry konstatierte unlängst, es gebe keinen Spieler solcher Bekanntheit, der dennoch „so unkompliziert, so frei von jeglichem Ego“ sei wie Kane. Dieser sei in jedem Spiel bereit, die „Drecksarbeit“ zu machen.

Englands Fußballöffentlichkeit blickte zunächst mit einer gewissen Reserviertheit auf Kane, weil er im Vergleich zu seinem illustren Spielführervorgänger Wayne Rooney kaum für Schlagzeilen jenseits des Sports taugt. Sein Lebensstil hob sich wohltuend von den ewigen Eskapaden und Allüren etlicher Fußballgrößen ab, die einst die Klatschpresse füllten. Über Kane ist kaum me­h­r bekannt, als dass er mit seiner Jugendliebe Katie verheiratet ist, in seiner Freizeit leidenschaftlich Golf spielt und Steaks liebt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er sich mit polarisierenden Aussagen zurückhält.

Echte Zuneigung zu Kane stellte sich erst mit den Erfolgen ein – und mit den Niederlagen. Für Titellosigkeit war er lange berüchtigt, in diesem Umstand erkennen sich die Engländer wieder. Sein Wechsel im Sommer 2023 zum FC Bayern lässt sich kaum anders interpretieren, als dass er dorthin ging, um sich das Gewinnen beizubringen. Und siehe da: Zweimal hat Kane seitdem die deutsche Meisterschaft bejubelt, einmal den DFB-Pokal. Auf diese Selbstsicherheit warten die Three Lions noch. Sowohl bei den beiden EM-Finalniederlagen 2021 und 2024 als auch bei den beiden WM-Halbfinalpleiten 2018 und 2026 schoss Kane kein Tor.

Sollte es Harry Kane gelingen, England zum Ende seiner Laufbahn zum WM-Titel zu führen, würde er sich neben Größen wie Bobby Moore und Bobby Charlton, beide Weltmeister 1966, einreihen. Dafür, bekräftigte Kane am Dienstag, würde er all seine bisherigen Bestmarken eintauschen.

Thomas Tuchel arbeitet in einer Dokumentation für Englands Fußballverband das Abschneiden des Teams um Harry Kane bei der WM auf – und erklärt, welche Lehren er aus der Niederlage gegen Argentinien zieht.

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