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08.03.2026
13:07 Uhr
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120 Rennmanöver statt 45 wie im Vorjahr: Der erste Grand Prix mit dem halbelektischen Reglement liefert beim Doppelerfolg von Mercedes die gewünschte Unterhaltung. Die Anführer der Anti-Energiespar-Fraktion wirken wie schlechte Verlierer.

Am Ende sind es immer die Emotionen, mit denen sich die Formel 1 richtig auflädt. Den insgesamt 483 934 Zuschauern, die am ersten Wochenende der neuen Grand-Prix-Zeitrechnung in den Albert Park pilgerten, war es herzlich egal, wegen welcher optimalen Kombination von Batterie und Verbrennungsmotor beim Saisonauftakt überholt werden konnte. Für die Fans zählte nur die Tatsache, dass es nun 120 Manöver in knapp anderthalb Stunden gab, gegenüber den 45 im Vorjahr. Einen hohen Anteil an der starken Zweikampf-Quote hatte auch Sieger George Russell, der von seinem Renningenieur bei der Zieldurchfahrt als „Reißer“ gefeiert wurde. Australische Medien hatten den Briten schon nach der souveränen Pole-Position als King George bezeichnet. Von den Erfolgen her ist die langjährige Nummer zwei im Team noch eher ein Kronprinz, mit jetzt sechs Grand-Prix-Siegen in acht Rennjahren. Aber das spricht auch für einen großen Erfolgshunger, der 28-Jährige ist der große Favorit auf den Titel bei den Buchmachern.
Einen raren Einblick in seinen Gemütszustand lieferte Mercedes-Teamchef Toto Wolff, dessen Schützlinge George Russell und Kimi Antonelli beim Doppelerfolg in einer eigenen Liga fuhren, und schon in der Qualifikation wie von einem anderen Stern wirkten. 51 Sekunden Vorsprung auf den fünftplatzierten Titelverteidiger Lando Norris, der mit dem gleichen Aggregat in seinem McLaren hinterherfuhr, sind nicht ein Ausrufezeichen, sondern eher drei. Dieser Abstand markiert auch die Grenze zwischen jenen, die dem Saisonauftakt nur Positives abgewinnen können, und jenen, die sich die Autos der alten Schule zurückwünschen.
Die Formel 1 startet in die neue Saison – und niemand weiß, was am Sonntag in Melbourne passieren wird. Die Fahrer sind wegen des neuen Batterie-Reglements verunsichert, manch einer fürchtet gar einen Imageverlust.
Der desillusionierte Norris behauptet plötzlich, dass er von einem der besten Autos der Welt in eines der schlechtesten wechseln musste: „Ätzend!“ Damit solidarisiert er sich ausgerechnet mit seinem großen Gegenspieler Max Verstappen, dem Anführer der rasenden Anti-Energiespar-Kampagne. Aber die beiden wirken dabei eher wie schlechte Verlierer, wenngleich der Niederländer es nach seinem Qualifikationsunfall von Startplatz 20 aus noch auf den sechsten Platz schaffte. Der viermalige Weltmeister weiß natürlich, dass er sich anpassen muss, und bei seinem Ehrgeiz und Können ist das auch nur eine Frage der Zeit. Das sind die bestbezahlten Rennfahrer der Welt im Übrigen auch ihren Arbeitgebern und dem Publikum schuldig. Jammern wirkt in der allgemeinen Erleichterung auf der Rennstrecke eher wie Spielverderben. Norris beschwerte sich über das gelungene Spektakel, das er als Chaos bezeichnete: „Man fährt und wartet darauf, dass etwas schrecklich schiefgeht.“
Toto Wolff jedenfalls trug bei seiner Sprechstunde im silbernen Pavillon stolz das in Ampelgrün gehaltene Mannschafts-Shirt, auf dem das Firmenlogo klein gehalten ist, dafür ganz groß die wenig erklärungsbedürftige Team-Botschaft „P1“ prangt: Platz eins. „Wenn ein Team acht Jahre lang alles gewinnt und dann vier schwierige Jahre durchmachen muss, dann ist das Gefühl der Zufriedenheit vermutlich noch größer, wieder im Kampf um den Titel dabei sein zu können“, bilanzierte der Österreicher.
Mit der These, dass der per Knopfdruck auf Boost oder Overtake elektrisch erzeugte Geschwindigkeitsüberschuss im direkten Duell den Motorsport artifiziell mache, kann Wolff wenig anfangen. Er sprach von einem großen Spektakel, und erwartet auch, dass Mercedes sich schon am kommenden Wochenende in Schanghai auf ein noch engeres Duell mit Ferrari einrichten müsse. Die Italiener hatten wenig überraschend ihren Startvorteil von den Testfahrten konserviert. Charles Leclerc konnte so die rein silberne erste Startreihe sofort sprengen, im Schlepptau hatte er den wiedererstarkten Lewis Hamilton. Der Rekordchampion gehörte zu jenen, die ihren Frust über das neue Regelwerk durch eine neue Lust am erfolgreichen Tun ersetzten.
Rundenlang ging es im ersten Renndrittel zwischen Leclerc und Russell hin und her, die Wechselwirkungen der unterschiedlichen Rennwagen- und Motorenkonzepte brachten keinen klaren Favoriten hervor. Erst, als das Rennen virtuell neutralisiert wurde, ergab sich eine große Differenz – an den Kommandoständen. Mercedes holte Russell und Antonelli zum Reifenwechsel an die Box und sparte sich so viel Zeit, Ferrari zögerte zu lange. Wer dem Boxenfunk lauschte, fühlte sich in alte Zeiten versetzt, einmal mehr war Lewis Hamilton nicht der Meinung seiner Strategen, die brav auf ihren Plan verwiesen. Flexibilität aber dürfte in diesem Rennjahr weit entscheidender sein als früher.
Drei Monate Winterpause haben offenbar nicht gereicht, um bei der Scuderia alles zu verändern, gleichwohl Rivale Mercedes genau das vormacht – den Vorteil im Moment zu suchen. Hilfreich ist dabei natürlich auch der offenbar doch große Leistungsvorteil der Aggregate mit dem Stern, bereits in der Qualifikation ließ sich die Konkurrenz dadurch nach Belieben dominieren und düpieren. Es wirkte fast wie bei der letzten großen Regelwende 2014, als das deutsch-britische Werksteam dank seiner optimal erledigten technischen Hausaufgaben schon einmal eine Klasse für sich war. Für vorschnelle Urteile ist es noch zu früh, obwohl die Rennstrecke in Melbourne vom Energiemanagement her als eine der anspruchsvollsten gilt. Wolff erwartet, dass Ferrari näher herankommt, und das überhaupt die Lernkurve bei allen ziemlich steil sein wird.
„Lernen“ ist auch das Stichwort von Audis CEO Gernot Döllner, der eine Stippvisite zum Einstand seines Werksteams machte. Am Ergebnis der Marke aus Ingolstadt ist abzulesen, wie hybrid sich Freud und Leid verhalten können. Der Brasilianer Gabriel Bortoleto fuhr mit seinem neunten Rang auf Anhieb Punkte für die neue Kombination ein, Kollege Nico Hülkenberg erreichte hingegen seinen elften Startplatz gar nicht, er musste seinen Dienstwagen schon vorher in der Boxengarage abstellen. „Dennoch ist das mehr als wir zu erwarten hofften“, sagt Bortoleto über das Debüt der vier Ringe. Teamchef Jonathan Wheatley garnierte seine erste Bilanz dennoch abwechselnd mit den Vokabeln „stolz“ und „historisch“. Ähnlich bewertet er mit seiner Erfahrung aus dreieinhalb Jahrzehnten Königsklasse die neue Batterieformel, nämlich zunächst einmal als „faszinierend“ und „aufregend“.
Was Toto Wolff vom konkurrierenden Automobilhersteller glatt unterschreiben würde: „Jeder, der befürchtet hat, dass es vielleicht zu wenig Show gibt, wurde am Anfang eines Besseren belehrt.“ Die Formel 1 sieht einen Silberstreif.
Ein Batterie-Reglement, das nicht von Rennfahrern geschrieben wurde, sondern vom Zeitgeist, spaltet die Formel 1. Es begünstigt nicht die instinktivsten Piloten, sondern die schlausten.
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