SZ 20.04.2026
03:31 Uhr

(+) Olympia-Bewerbung: „Wir machen jetzt erst mal Party!“


Nordrhein-Westfalen hat über die Olympia-Bewerbung von „KölnRheinRuhr“ abgestimmt – und feiert große Zustimmung in vielen kleineren Städten. In Köln ist man mit 57,4 Prozent Ja-Stimmen nicht ganz so euphorisch.

(+) Olympia-Bewerbung: „Wir machen jetzt erst mal Party!“
Er nimmt schon einmal voll Kurs auf Olympia: Ministerpräsident Wüst am Sonntagabend in Köln. Christoph Reichwein/dpa

Ihre Sportbegeisterung unterstreicht die Olympiastadt to be schon auf dem Hinweg: Schwärme von Durchtrainierten in Leggings und Funktionsshirts bevölkern am frühen Sonntagabend die Bürgersteige in Köln-Deutz, von der Fitnessmesse Fibo kommend. Zwei Straßenecken weiter schlendern einem rudelweise Handballfans in Schals und Trikots entgegen, sie kommen vom DHB-Pokalfinale aus der Lanxess-Arena. Am Rheinufer wird zur gleichen Zeit sogar der nordrhein-westfälische Ministerpräsident beim Basketballspielen gesichtet. Dabei geht das allerhöchste Hochfest des Sports an diesem Tag doch gleich erst los. Weit oben liegt jedenfalls die Location, im 28. Stock eines Hochhauses mit Panoramablick über die Stadt: die Wahlparty zum Olympia-Bürgerentscheid.

Wobei der Plural hier die korrekte Form wäre: Bürgerentscheide. In 17 Städten haben die Menschen bis Sonntag abstimmen dürfen, ob ihre Kommune sich an der Sammelbewerbung „KölnRheinRuhr“ beteiligen soll. Ob also diese nordrhein-westfälische Kampagne im Rennen bleibt um das deutsche Los für Olympische und Paralympische Spiele 2036, 2040 oder 2044.

Das Votum in München war eindeutig – nun entscheiden rund vier Millionen Stimmberechtigte in NRW, ob sie Olympia wollen. Der Trend ist ebenfalls positiv. Aber lässt sich das IOC von Bochum, Oberhausen und Wuppertal begeistern?

München, die womöglich härteste Konkurrenz im Feld – die Bewerbungen aus Berlin und Hamburg rechnen einige Hinterleute der NRW-Kampagne schon mal selbstbewusst raus – hatte die Latte im Herbst schon bei 66,4 Prozent aufgelegt. Ministerpräsident Hendrik Wüst als Fahnenträger der NRW-Bewerbung stapelte anschließend lieber tief. Man werde so oder so die „größte direktdemokratische Beteiligung“ haben, sagt Wüst nun auch hoch oben über Köln, noch ehe das erste Ergebnis da ist. Nicht nur größer als die Beteiligung in München, sondern gleich die größte jemals und überhaupt: vier Millionen Abstimmungsberechtigte! Von denen hat sich auch knapp ein Drittel beteiligt.

Um halb neun dann der auch psychologisch wichtige Moment: die ersten Ergebnisse. Wohin weist die Tendenz? Klar in Richtung Spiele – und das deutlicher, als selbst die Optimistischeren hier gehofft hatten. Begleitet von Jubeljauchzern und Weißweinglasklirren im Halbrund der Sky-Lounge werden auf den Monitoren die Balken immer länger. So lang, wie sie hier kaum jemand erwartet hatte: Bei 73 Prozent Zustimmung bleibt er für Duisburg stehen, bei 68,3 in Dortmund, bei 74,5 in Mönchengladbach. Auf einer NRW-Karte fliegen grüne Punkte für die olympiabegeisterten Städte ein.

Auch für Herten. 73,6 Prozent! Nur, im Jubelsturm leicht zu übersehen, rechts oben: Ein kleines Sternchen steht am Stadtnamen. Was das zu bedeuten hat, erklärt sodann Hertens Bürgermeister Fred Toplak. Er freue sich ja über drei Viertel Zustimmung, nur habe man leider das Quorum nicht erreicht – für einen gültigen Entscheid hätten 20 Prozent der Wahlberechtigten mit Ja stimmen müssen, die Nichtwähler mitgerechnet. In Herten landen sie darunter. Die Stadt hatte im Gegensatz zu allen anderen Städten nicht einfach unaufgefordert jedem Wahlberechtigten Briefwahlunterlagen geschickt, sondern erst mal einen QR-Code, mit dem man Briefwahl hätte beantragen können. Eine stadtsatzungsbedingte Hürde, die vielen wohl zu hoch lag.

Aber nicht schlimm, raunen Bewerbungsverantwortliche einander und auch der Presse zu. Man werde da schon eine Lösung finden. Herten war gemeinsam mit der Nachbarstadt Recklinghausen für die Mountainbike-Wettbewerbe vorgesehen. Womöglich könne Recklinghausen – 73 Prozent Ja! – das auch alleine bewerkstelligen, sagt Hertens Bürgermeister, auch wenn die Strecke auf Hertener Stadtgebiet liegt. Andere sagen, man müsse wohl eher eine andere Mountainbike-Strecke finden. Den Hertener Punkt auf der Karte färbt die Regie dennoch trotzig in Grün.

Die Stimmung hier oben über dem sich langsam verdunkelnden Köln kann sowieso nichts trüben, die nächsten Ergebnisse kommen rein:  Leverkusen, Pulheim – 60, 70 Prozent plus X. Der Stadtdirektor des für Taekwondo und Rollstuhlrugby vorgesehenen Krefeld erklärt ebenfalls seine Freude über ein klares Ja, und das mit bayerischem Zungenschlag, er sei gebürtig aus München. „Kann NRW mehr als Bayern?“, fragt die Moderatorin. „Ja!“ Jubel auch bei den Vertretern der – so sagt es die Bürgermeisterin – „Skatekommune Monheim“. So geht es immer weiter. Ein grüner Kartenpunkt folgt dem nächsten, Gelsenkirchen, Düsseldorf, es nimmt kaum ein Ende. Weitere Ausschnitte aus Post-Match-Interviews mit diversen Stadtoberhäuptern: „Sehr glücklich“, „hoch zufrieden“, „wir machen jetzt erst mal Party!“

Nur eine Stadt lässt alle warten: Köln. Ausgerechnet die größte und wichtigste Stadt dieser ganzen Bewerbung musste die Abstimmungsbezirke für den Bürgerentscheid neu zuschneiden, deshalb macht die Auszählung Probleme. Unpraktischerweise hängt von diesem Ergebnis das Schicksal des ganzen Projekts ab. Denn Köln hat man vergangenen Herbst, als das Konzept noch gleichverteilter aussah mit etwa dem Olympischen Dorf in Essen, noch schnell zur „Leading City“ erklärt. Kundige Sportfunktionäre hatten den NRW-Planern bedeutet, dass man ohne ein klares Zentrum wohl keine Chance haben werde beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Diese Bewerbung nicht einer einzelnen Stadt, sondern gleich einer ganzen Region bleibt trotzdem ein Experiment, ungewöhnlich in der olympischen Geschichte, die ja Sommerspiele eher in London, Peking oder Los Angeles kennt als in, sagen wir, der Skatekommune Monheim.

Ministerpräsident Wüst hat es sich zum höchstpersönlichen Projekt gemacht, Olympia an Rhein und Ruhr zu holen. Jedes Mal, wenn er darüber spricht, und das tut er andauernd, wirbt er für die „nachhaltigsten“ und „kompaktesten“ Spiele jemals. 14 Millionen Tickets würden sie sogar zu den „größten“ Spielen überhaupt machen. Schwer zu sagen, ob dem Kölner Oberbürgermeister Torsten Burmester, bis 2024 Vorstandsvorsitzender des DOSB und schon qua Lebenslauf also absoluter Hardcore-Olympia-Fan, deshalb die Amtsbezeichnung einmal kurz verrutscht: „Ministerprinz“ nennt er Wüst.

Allen, die eher auf die Risiken solcher Spiele hinweisen, die ja unbestritten erst mal viele Ressourcen und viel Geld erfordern, und das zumal in einem Bundesland, in dem es an Baustellen und Staus nicht mangelt, entgegnet Wüst an diesem Abend jedenfalls einen Merkel-Satz: „Wir schaffen das!“ Man müsse so ein Großprojekt eben „mit Selbstbewusstsein“ angehen, dann werde das schon.

Um kurz vor zehn, aus der Leading City Köln ist noch lange kein Endergebnis da, nur eine allererste (positive) Tendenz nach wenigen ausgezählten Wahlbezirken, wagt sich Wüst im WDR schon weit nach vorne: Die Bürgerentscheide werte er als „ganz, ganz klares Ja für Olympia“. Erst um kurz nach drei Uhr in der Nacht auf Montag hat man in Köln ausgezählt: 57,4 Prozent der Bürgerinnen und Bürger entscheiden sich für eine Olympia-Bewerbung. Es ist unter allen ausschließlich deutlich olympiabegeisterten Ergebnissen noch das schwächste.

Das Votum von Sonntag ist aber nur die erste von drei Hürden für „KölnRheinRuhr“. Im Herbst entscheidet der DOSB, welchen der vier deutschen Beiträge er dem IOC zur Auswahl gibt, das schließlich die finale Entscheidung trifft. Die Ehrengäste in der Sky-Lounge sind trotzdem schon mal in Partystimmung.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde aktualisiert, als auch das Ergebnis aus Köln bekannt war.

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