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01.09.2026
11:13 Uhr
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Stefanos Tsitsipas schien der Tennishimmel offenzustehen, dann verschwand der Grieche aus der Weltspitze – nicht aber aus den Schlagzeilen. Bei den US Open gelingt ihm jetzt ein beachtlicher Erstrundenerfolg.

Bei ihm hält auch das Publikum öfters den Atem an: Stefanos Tsitsipas während der Erstrundenpartie bei den US Open gegen den Franzosen Arthur Fils.
Kena Betancur/AFP
Am vergangenen Samstag hat Stefanos Tsitsipas, 28, der 1,93 Meter große Grieche mit den Zeus-Locken (allerdings ohne vollwertigen Zeus-Bart), mal wieder seine wahren Künste uraufgeführt. Bei X, vormals Twitter, wo er sich trotz Elon Musk immer noch gerne aufhält und in die Tasten haut, dichtete er eine Kurzgeschichte, wie nur er sie unter all den globalen Tennisprofis fabriziert. „Ein Sicherheitsmann bei den US Open hat meine Ausweise dreimal geprüft“, schrieb Tsitsipas an seine 470 000 Follower und schilderte folgenden Dialog: „Security: Tsitsipas, hm? Ich: Ja, Sir. Security: Meine Frau liebt Ihre Zitate. Ich: Danke. Security: Sie benutzt sie, wenn sie mir sagen will, dass ich Unfug rede.“
Das Lachen über sich selbst hat Tsitsipas, der Oscar-Wilde-Philosoph der Tennisgilde, also nicht verlernt, und seit dem vergangenen Montagnachmittag, als er überraschend den jungen französischen Aufsteiger Arthur Fils 4:6, 7:6 (3), 6:1, 6:4 in der ersten Runde bei den US Open in New York bezwang, weiß man: auch das Tennisspielen nicht. Denn das konnte man beizeiten fast glauben.
„Riecht nach Snoop Doggs Wohnzimmer“: Über die Außenanlagen der US Open ziehen Schwaden von Cannabis. Sie gehören so untrennbar zum New Yorker Tennisturnier wie die Beschwerden darüber.
Tsitsipas war sein halbes Tennisleben lang einer, dem der Himmel sperrangelweit offenzustehen schien, ehe er seine Stärke verlor. Er ist ein Weggefährte Alexander Zverevs, ähnlich wie der deutsche Weltranglistenzweite schoss er nach oben, 2019 gewann er bei den ATP Finals die inoffizielle Weltmeisterschaft, zweimal stand er in Grand-Slam-Endspielen, 2021 bei den French Open, 2023 bei den Australian Open. Sein Markenzeichen: die einhändige Rückhand, diese hat Seltenheitswert im Profibetrieb. Dazu: seine Locken und sein verträumter Charme.
Beide Male, als er fast am Zenit angelangt war, wies ihn nur der Serbe Novak Djokovic, der am Sonntag bei den US Open so spektakulär früh wie seit 20 Jahren nicht mehr gescheitert war, in die Schranken. Und seitdem lief Tsitsipas dem ersehnten Triumph hinterher, fiel in der Weltrangliste zurück, aktuell ist er auf Rang 53 abgerutscht. Was aber keineswegs bedeutete, dass er aus den Schlagzeilen verschwand. Rückblickend ist es ein Versäumnis, dass niemand auf die Idee kam, die Kamera auszupacken und Monat für Monat die herrlich emotionale Familie Tsitsipas zu begleiten. Sie boten Stoff für zig Staffeln im Trash-TV.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Tsitsipas’ sind alle äußerst sympathisch. Aber der feurige Clan von Vater Apostolos, ein Tennislehrer, und Mutter Julia Salnikova, ehemalige sowjetisch-griechische Profi-Tennisspielerin, hat die Gabe, sich ständig zu überwerfen. 2023 berichtete Apostolos der SZ einmal in einem Interview, wie der gemeinsame Urlaub von ihm, Julia und den drei Kindern auf Island aussah: „Wir saßen zu sechst im Auto, und jeder beschwerte sich über den anderen.“ Seitdem sind sie auch nicht mehr zusammen verreist, schlimmer: Die permanente On-off-Beziehung von Stefanos zu seinem Vater, der ihn als Kind einmal kurz vor dem Ertrinken aus dem Meer zog, ist vorerst in die Brüche gegangen. Beim Sandplatzturnier in Madrid im Mai beschimpfte Stefanos Apostolos so wüst auf dem Platz, dass es an dieser Stelle nicht jugendfrei wäre, das Gesagte zu transportieren.
Für weiteren Wirbel sorgte die inzwischen auch erloschene Liebesbeziehung von Tsitsipas zur spanischen Tennisspielerin Paula Badosa. Die beiden hatten erst wie in einer Seifenoper die sozialen Medien wild gefüttert, dann das volle Gegenprogramm: Trennung, gemeinsame Fotos in den sozialen Medien gelöscht, letzter Versuch, wieder die Trennung. Auch ein kurzer Versuch von Stefanos, mit dem einstigen Wimbledonsieger Goran Ivanisevic zusammenzuarbeiten, scheiterte – dabei hatte der Djokovic zu vielen Grand-Slam-Siegen gecoacht. Und der Kroate ging nicht schweigend, scharf monierte er die Arbeitsmoral von Tsitsipas.
Wer einmal nur in dessen treuherzige Augen geblickt hat, wird kaum verstehen können, dass Tsitsipas bei einigen Spielern auf Krawall gebürstet war. Vor allem mit Nick Kyrgios lieferte er sich wüste Duelle, wobei der Australier wusste, wie kurz die Lunte von Tsitsipas war. Einmal wäre dieser fast in einem Match der beiden disqualifiziert worden, weil er sich so provozieren ließ.
Ein Tsitsipas vergisst jedenfalls nicht – vielleicht ist das auch einer der Gründe, weshalb es so oft knallte in dieser Familie. Und so flocht der 28-Jährige am Montag, als er mit einer vorzüglichen Leistung den talentierten Fils besiegte, ein paar Stiche gegen Kyrgios ein. Der war im Juni, bei einem Dopingtest während des Rasenturniers auf Mallorca, positiv auf Kokain getestet worden.
„Um ehrlich zu sein: Ich wusste schon davon, bevor es rauskam“, sagte Tsitsipas über den Wimbledon-Finalisten 2022 und betonte fast genüsslich: „Ich sage einfach die Wahrheit. Als ich es in den sozialen Medien sah, dachte ich nur: ‚Na, jetzt geht’s los!’ Ich hatte irgendwie damit gerechnet. Allerdings überrascht es mich, dass es erst so spät herauskam.“ Dass er frei und frank über Kyrgios und dessen Schuld sprach, begründete Tsitsipas, inzwischen von Patrick Mouratoglou trainiert und mit einem Model liiert, so: „Ich werde nicht versuchen, jemanden zu decken, bei dem ich die Wahrheit kenne.“
Er hat zweifellos wieder Auftrieb. Dabei hatte Tsitsipas sein erstes Lebenszeichen, nach einem auch körperlich schwierigen Jahr 2025, schon im vergangenen Juli in Gstaad entsendet. Es wirkte wie aus dem Nichts, als er den Titel dort gewann. In New York stufte er den Erfolg gegen Fils, der ihm eine Zweitrundenpartie gegen den Südafrikaner Lloyd Harris ermöglichte, höher ein. „Es ist nur allzu leicht, sich unsicher zu fühlen – besonders wenn man schon lange keine Topspieler mehr geschlagen hat“, sagte er strahlend. „Deshalb bin ich über den heutigen Tag so überglücklich.“
Und weil Tsitsipas jemand ist, der gerne Dinge immer in einem tieferen Kontext betrachtet, fügte er hinzu: „Es ist einer dieser Momente, auf die man zurückblicken und sich sagen kann: Ich habe immer noch das Spiel drauf, das ich suche; ich beherrsche die Schläge nach wie vor, und die Qualität stimmt auch noch.“
Krämpfe, Übelkeit, Schmerzen: Geplagt von körperlichen Nöten scheidet Novak Djokovic früh bei den US Open aus. Hinterher spricht der Serbe von einem „ernsthaften Problem“.
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