SZ 22.07.2026
12:34 Uhr

(+) Unionsfraktionsvorsitz: Thorsten Frei soll Spahn-Nachfolger werden


Die Parteivorsitzenden von CDU und CSU sind sich einig: Der Merz-Vertraute soll den Fraktionsvorsitz im Bundestag übernehmen. Wer ihm als Kanzleramtsminister nachfolgt, bleibt offen.

(+) Unionsfraktionsvorsitz: Thorsten Frei soll Spahn-Nachfolger werden
Thorsten Frei, 52, noch Chef des Kanzleramtes. Sebastian Gollnow/dpa

Vier Tage nach dem Rücktritt von Jens Spahn steht fest, wer neuer Vorsitzender der Unionsfraktion werden soll. Die Chefs von CDU und CSU, Friedrich Merz und Markus Söder, haben sich darauf verständigt, Thorsten Frei (CDU) als Nachfolger vorzuschlagen. Der 52-Jährige ist derzeit Kanzleramtsminister. Bis zur Bundestagswahl war er Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion, er kennt sie deshalb sehr gut.

Frei gilt als enger Vertrauter von Merz. Er sitzt seit 2013 im Bundestag, vorher war er Oberbürgermeister von Donaueschingen. Frei wird für seinen stets freundlichen Umgang geschätzt. Allerdings bezweifeln manche, dass er die nötige Härte hat, um die Positionen der Fraktion ausreichend durchzusetzen – gegenüber dem Kanzleramt, aber vor allem gegenüber dem Koalitionspartner SPD.

Deshalb hatte es bis zuletzt auch Spekulationen gegeben, dass Bundesinnenminister Alexander Dobrindt Fraktionschef werden könnte. Dobrindt wird in der Unionsfraktion für seine große Erfahrung geachtet. Er sitzt seit 2002 im Bundestag und war bereits CSU-Generalsekretär, Bundesverkehrsminister sowie CSU-Landesgruppenchef. Ihm wird zugetraut, hart und erfolgreich für die Positionen der Unionsabgeordneten einzutreten. Gleichzeitig verfügt er über gute und belastbare Kontakte in andere Fraktionen.

Dobrindt gilt auch als guter Analytiker und Stratege. Allerdings hätte sein Wechsel an die Spitze der Abgeordneten die Statik der Fraktion verändert. Noch nie in der Geschichte der Unionsfraktion hat die CSU den Vorsitzenden gestellt. Ihre Landesgruppe stellt nur 44 der insgesamt 208 Abgeordneten. Außerdem wäre eine Entscheidung für Dobrindt das Eingeständnis der größeren CDU gewesen, über keinen eigenen Kandidaten zu verfügen. Darüber hinaus konnte die CSU kein großes Interesse an der Funktion haben. Mit Dobrindt als Bundesinnenminister, der für einen Kurswechsel in der Migrationspolitik steht, lässt es sich in Wahlkämpfen besser punkten.

Am Mittwochvormittag hatten der kommissarische Unionsfraktionschef Alexander Hoffmann (CSU) und der Erste Parlamentarische Geschäftsführer Steffen Bilger (CDU) die Mitglieder des Fraktionsvorstands per SMS für 15 Uhr zu einer digitalen Sitzung eingeladen. In dem Moment war klar, dass eine Entscheidung bevorsteht. An der Sitzung nahmen dann auch Merz und Söder teil, um ihren Vorschlag zu präsentieren.

Merz sagte, er bitte um die Zustimmung der Fraktion für Thorsten Frei. Dieser habe „einen maßgeblichen Anteil am bisherigen Erfolg der Regierungsarbeit und der Stabilität der Koalition“. Frei komme „aus der Mitte der Fraktion und wird dort für das perfekte Zusammenspiel zwischen Parlament, Koalitionspartner und Bundesregierung sorgen“.

Der Bundestag ist seit knapp zwei Wochen in der Sommerpause. Die Unionsabgeordneten sind deshalb nicht in Berlin, sondern in ihren Wahlkreisen oder im Urlaub. Am Montag waren sie für den 29. Juli zu einer Sonderfraktionssitzung in die Hauptstadt eingeladen worden. Auf dieser Sitzung soll Thorsten Frei dann auch offiziell gewählt werden. Wer ihm im Kanzleramt nachfolgen soll, ist weiter unklar.

Aus Regierungskreisen hieß es am Mittwoch, der Respekt vor der Fraktion und dem wichtigen Amt des Vorsitzenden verlange, dass die Aufmerksamkeit jetzt allein dieser Personalie gelte. Merz werde aber „zügig“ über die Nachfolge im Amt des Kanzleramtsministers entscheiden.

SPD-Fraktionschef Matthias Miersch reagierte positiv auf die anstehende Veränderung an der Spitze der Unionsfraktion. „Thorsten Frei und ich kennen und schätzen uns aus vielen gemeinsamen Verhandlungen“, sagte Miersch. Er wolle die  Entscheidung der Unionsfraktion am 29. Juli „selbstverständlich nicht vorwegnehmen, aber ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit“.

Jens Spahn hatte am vergangenen Samstag seinen Rücktritt vom Fraktionsvorsitz erklärt. Er hatte drei Tage zuvor mitgeteilt, dass sein Mann und er in den USA mithilfe einer Leihmutter einen Sohn bekommen haben. Dies hatte in der Union einen gewaltigen Proteststurm ausgelöst. Auch deshalb, weil derartige Leihmutterschaften in Deutschland verboten sind. Und weil sich der CDU-Bundesparteitag im Februar entschieden gegen solche Leihmutterschaften ausgesprochen hatte.

In einem Brief an die Unionsabgeordneten zu seinem Rücktritt hatte Spahn geschrieben: „Mir ist in diesen letzten Tagen bewusst geworden, dass mein persönliches Glück, gemeinsam mit meinem Mann eine Familie zu gründen und Vater zu werden, nicht vereinbar ist mit meinem politischen Amt.“ Denn der Spagat zwischen seiner privaten Entscheidung zu einem Kind durch Leihmutterschaft und der nachvollziehbaren Erwartung an ihn als Fraktionschef sei größer geworden, als er es erwartet habe.

Ob Spahn nächste Woche zur Wahl seines Nachfolgers nach Berlin kommen wird, ist ebenso offen, wie die Frage, ob er sein Bundestagsmandat aufgibt. „Ich weiß es nicht, was er selbst vorhat“, sagte sogar der Kanzler am Dienstag bei einer Pressekonferenz auf die Frage nach der politischen und beruflichen Zukunft Spahns.

Eben war der Fraktionsvorsitzende noch der mächtigste Mann nach dem Kanzler in der Bundes-CDU, angesichts der Empörung über die Leihmutterschaft musste Spahn seinen Rücktritt erklären. Was ist in den drei Tagen davor passiert?

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