SZ 02.07.2026
10:20 Uhr

(+) WM 2026: Die neue Rolle der USA


Der Mitgastgeber gefällt sich als Opfer und Underdog. Nach dem Einzug ins Achtelfinale hat das Team bei dieser WM nichts mehr zu verlieren – und sehr viel zu gewinnen.

(+) WM 2026: Die neue Rolle der USA

Die US-amerikanische Fußballnationalelf hat ihre Rolle gefunden bei dieser Heim-WM, und es ist eine überraschende: Opfer und Underdog. Dieser Wandel beim bisher selbstbewussten, beinahe größenwahnsinnigen Gastgeber passierte im Sechzehntelfinale eher zufällig und könnte für das weitere Turnier wichtig werden. Symbolfigur beim 2:0-Sieg gegen Bosnien-Herzegowina in Santa Clara bei San Francisco war Angreifer Folarin Balogun, der erst das 1:0 (45.) erzielte und dann eine rote Karte empfing für ein Foul aus der Kategorie: „Sieht schlimm aus, war aber unabsichtlich.“ Er war seinem Gegenspieler Tarik Muharemovic in der 64. Minute offenkundig versehentlich aufs Sprunggelenk getreten.

Man denkt an dieser Stelle an Michael Ballack bei der WM 2002, der im Halbfinale das 1:0-Siegtor erzielt hatte, aber im Endspiel wegen einer Gelbsperre fehlte. Balogun wird dem US-Team nun im Achtelfinale gegen Belgien fehlen, am 6. Juli in Seattle. Auch seine Rolle ist fortan festgezurrt: als Nationalheld, der gegen Bosnien die Aberkennung eines Abseitstores nervenstark verarbeitete und kurz darauf regelkonform traf. Der jetzt aber zuschauen und leiden muss, als Fan auf der Tribüne.

Das Schicksal führt sie noch einmal zusammen: Luka Modric, 40, Kroatiens überragenden Regisseur, und Cristiano Ronaldo, 41, Portugals Rekordtorjäger. Einst spielten sie gemeinsam in Madrid – jetzt geht es darum, den jeweils anderen aus dem Turnier zu kicken.

Sein Teamkollege Chris Richards sagte: „Als er runtermusste, haben wir einfach die Ärmel hochgekrempelt und uns gefragt, wie wir das Spiel über die Zeit bringen. Ich bin richtig stolz drauf, wie das Team reagiert hat, die Trainer, alle Beteiligten. Und die Fans! Es hat sich angefühlt, als hätten wir die ganze Zeit trotzdem elf Mann auf dem Platz gehabt.“ Offensivkraft Christian Pulisic sagte zu Baloguns Platzverweis: „Ungerechtfertigt, hat jeder gesehen. Aber wir haben den Test bestanden und das Ding über die Zeit gebracht.“

So wurde das Spiel gegen Bosnien-Herzegowina zu einem emotionalen Test. Wer gehofft hatte, im ersten K.-o.-Spiel sportlich relevante Erkenntnisse über das Team des Hauptgastgebers zu erlangen, dürfte danach die gleichen Fragezeichen im Kopf haben wie vorher: US-Torwart Matt Freese musste erneut nicht zeigen, dass er auch Unhaltbare halten kann – es kam erneut kein Schuss dieser Art auf sein Tor. Die technischen Defizite von Flügelspieler Sergiño Dest wurden erneut nicht bestraft. Die Amerikaner mussten auch keine massive Abwehr knacken, das 1:0 fiel kurz vor der Halbzeitpause eher zufällig als geplant. Und sie benötigten keinen Geniestreich. Der Freistoß von Malik Tillman zum 2:0 (82.) war so gefühlvoll, dass er auch haltbar war.

Tillman wurde zum Man of the Match gewählt, sicher auch deshalb, damit nicht Balogun in diesen Raum mit 100 US-Reportern musste, sondern nun irgendwann ein PR-Statement verschicken kann. Tillman wiederum flüstert eher als er spricht, seine nach vorn gerichtete Botschaft hieß: „Belgien ist eines der besten Teams der Welt. Das Spiel heute aber zeigt: Wir sind bereit!“

Man kann es auch so sehen: Die US-Amerikaner sind jetzt da, wo sie sein wollen und sollen. Sie haben ihre Rollen gefunden. Sie sind als Team stabil. Einen unhaltbaren Schuss auf das Tor von Freese muss auch erst mal einer hinkriegen gegen diese US-Defensive. Und Christian Pulisic ist nicht Lionel Messi und Balogun ist nicht Erling Haaland. Aber Kevin De Bruyne und Romelu Lukaku, die Granden des Achtelfinalgegners Belgien, sind bei dieser WM bislang auch nicht die besten Versionen ihrer selbst.

Wenn die Gegner ihnen Chancen bieten oder Fehler machen, dann nutzen die US-Spieler diese bislang gnadenlos. Wie beim Freistoß zum 2:0: einfach den Ball aufs Tor zwirbeln, vielleicht lässt ihn der Torwart ja durch die Finger gleiten. „Wir haben alles durchgespielt: Torwartecke! Unter der Mauer! Ich weiß schon, dass ein paar von euch den Schuss über die Mauer nicht mögen“, sagte Tillman zu seinem Tor. Wer trifft, hat recht, alte Regel, Ende der Debatte.

Nur: Kann das alles reichen gegen Belgien? Die Antwort von Trainer Mauricio Pochettino ist dieselbe wie schon seit Monaten: Ja, warum denn nicht? Senegal hat doch gerade gezeigt, wie verwundbar die Belgier sind. „Wir fahren nach Seattle, um zu gewinnen“, sagt Pochettino. Was denn auch sonst?

Senegal führt bis kurz vor Schluss der regulären Spielzeit mit 2:0 – und scheidet dennoch aus. Die wettkampfharten Belgier treffen nun auf den Gastgeber USA.

Der TV-Sender Fox, ohnehin eher ein patriotischer als ein objektiver WM-Berichterstatter, zeigt während des Turniers eine Reklame, in der Pulisic das Siegtor im WM-Finale gegen Brasilien erzielt. Könnte doch so kommen, man wird doch noch träumen dürfen! Und wer nicht an Wunder glaubt, der hat in diesem Land sowieso nichts verloren.

Auch die jüngste Entwicklung passt dazu: das Beklagen der (regelkonformen) Hinausstellung und der (ebenso korrekten) Sperre für den Torschützen Balogun. Das Einnehmen der Opferrolle nach der Devise: Jetzt können wir nur noch gewinnen bei all der Ungerechtigkeit des Videoschiedsrichters, der Fifa-Regeln und der Fußballgötter. Die neue Rolle des US-Teams ist jetzt die des Abenteurers in einem Computerspiel, in dem nun, Level und Gegner folgend, die Widersacher immer stärker werden bis zum sogenannten Endgegner. So könnte es weitergehen, im Achtelfinale Belgien, dann gegen Spanien in Los Angeles, dann im Halbfinale Frankreich. Und im Endspiel, als hätten Fifa und Fox es so geplant: gegen Brasilien in East Rutherford bei New York.

Am Ende des erwähnten Werbespots reden zwei US-Fans in einer Bar darüber, was für ein Wunder das wäre, wenn es so käme. Schnitt zu Mike Eruzione, Kapitän des US-Eishockey-Teams bei Olympia 1980, das das legendäre Miracle on Ice geliefert hatte, inklusive Mythen und Vorwürfen, etwa über die Unterbringung der Gegner aus Sowjetunion in Lake Placid. Eruzione sagt: „Wie bitte? Ihr glaubt nicht an Wunder?“

Das ist jetzt auch die Stimmung im Soccer-Team. Das ist die Stimmung in San Francisco. Und das ist jetzt die Stimmung im ganzen Land: Wunder? Und noch eins. Und noch eins. Und noch eins. Die Pflicht, als Gastgeber nicht früh auszuscheiden, ist mit dem Achtelfinale erfüllt. Von nun an haben die USA nichts mehr zu verlieren, dafür sehr viel zu gewinnen.

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