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07.09.2026
12:07 Uhr
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Nach seiner erstaunlichen Siegesfahrt wird der Italiener von seinen Landsleuten gefeiert – obwohl er nicht im Ferrari sitzt. Seinem Teamkollegen George Russell bleibt nur der Frust.

Kurz bevor die italienische Nationalhymne für Andrea Kimi Antonelli im Autodromo Nazionale ertönte, erklang Volare, ein Schlagerklassiker, dessen wichtigste Liedzeile Nel blu, dipinto di blu lautet. Alles in Blau, das passte immerhin zur Mercedes-Kappe des Siegers. Als der Mann aus Bologna dann vom Steg über der Boxengasse auf die lange Gerade von Monza blickte, sah er allerdings: rot, nur rot. Ein riesiges Ferrari-Herz waberte über der Menschenmenge, es war ein gebrochenes. Denn zehntausende Ferraristi skandierten „Kimi, Kimi“.
Das kam einer Adoption des Silberpfeilpiloten gleich. Der Gefeierte reagierte ungläubig, beinahe schüchtern und damit genau gegensätzlich zu seinem Tun auf der Strecke, das ihn zu einem Sieg getrieben hatte, wie ihn die Formel 1 selten gesehen hat.
Der WM-Führende startet von Platz 19, überholt das ganze Feld und feiert in seiner Heimat einen emotionalen Sieg. Ferrari-Pilot Charles Leclerc crasht früh.
Der größte Kampf des Andrea Kimi Antonelli an diesem historischen Rennsonntag war vielleicht gar nicht jener aus der letzten Startreihe ganz nach vorn. Übermannt von den Reaktionen einer Automobilnation, die 60 Jahre auf den Heimsieg eines italienischen Rennfahrers hatte warten müssen, wurde er in die Verteidigungsrolle gezwungen. Die Frage, ob diese Triumphfahrt nun schnurstracks zum Titelgewinn führe, beantwortete er vorschriftsmäßig aus dem Deeskalationshandbuch des Mercedes-Teams. Er denke gar nicht daran, wolle im Moment bleiben, nehme jedes Rennen, wie es kommt, sagte Antonelli. Der zweitplatzierte Teamkollege George Russell bemühte in seiner Frustbewältigung die gleiche Wortwahl. Der Brite wurde aber um einige Nuancen deutlicher: „Kimi hat definitiv die Kontrolle darüber, und er hat es auch verdient, die Kontrolle zu haben. Ich denke derzeit nicht einmal an einen Kampf oder ein Comeback.“
Mit seinem siebten Saisonsieg ist Antonelli bereits nach anderthalb Formel-1-Jahren zum zweitbesten Italiener nach Alberto Ascari, dem zweifachen Weltmeister aus den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts, aufgestiegen. Ascari ist zwar sein Vorbild, aber mit Pathos kann der 20-Jährige nicht viel anfangen. Er werde diesen Tag sicher niemals vergessen, aber ob es das beste Rennen seiner Karriere war? „Das Beste kommt erst noch“, sagte Antonelli. 67 Punkte beträgt sein Vorsprung mittlerweile auf George Russell, der damit gleich dreimal Zweiter ist: in der Weltmeisterschaft, im Rennen – und künftig wohl auch im Team.
Russell wirkte gedemütigt, gar gebrochen. Die Anweisungen vom Mercedes-Kommandostand in der Schlussphase an die beiden Fahrer, angesichts der Doppelführung im direkten Duell keine Risiken einzugehen, parierte Russell mit erhöhtem Kampfeswillen. Ein, zwei Manöver waren an der Grenze dessen, was Rennstallchef Toto Wolff tolerieren konnte. Antonelli hätte, vom Kontrahenten in Richtung Kiesbett getrieben, dort fast seinen Silberpfeil verloren. Wolff implizierte bei Sky eine künftige Stallorder: „Das war mit Sicherheit nicht notwendig, diesen einen Moment hätten wir vermeiden müssen. Ich weiß noch nicht genau, wie wir daraus lernen.“
Seinem neuen Paradefahrer war die Wut über die Behinderungen durch den Rivalen jedenfalls nach dem Rennen anzumerken. Zum Ausdruck brachte Antonelli dies durch einen noch beherzteren Tritt auf das Gaspedal, gegen den erklärten Willen seines Renningenieurs fuhr er auf den letzten Drücker auch noch die schnellste Rennrunde. Der frühere Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg kommentierte begeistert: „Er ist gefahren wie ein Michael Schumacher, von hinten durchs Feld, hin zur Perfektion.“
Für Toto Wolff, der den Rennazubi Antonelli vor zwei Jahren an gleicher Stelle erstmals in ein Formel-1-Auto gesetzt hatte, das dieser nach wenigen Trainingsrunden in die Leitplanken gesetzt hatte, zahlte sich jetzt der Glaube an das Talent aus. „Von seinem härtesten Moment in der Formel 1 zu seinem schönsten – der Kreis hat sich geschlossen“, jubilierte Wolff. Er verglich Antonellis Triumphfahrt zwar mit einem Wunder, erzählte aber auch, dass er dieses habe kommen sehen: „Ich arbeite schon seit einiger Zeit mit Rennfahrern, beobachte ihr Energielevel, ihre Einstellung oder ihre Verhaltensmuster. Ich wusste, dass es Kimis Mission war, das Rennen zu gewinnen. Darüber habe ich mich am Samstagabend schon mit seinem Vater unterhalten, auch er hat das kommen sehen. Es hat sich über das Wochenende entwickelt, dass ein besonderer Moment bevorstehen könnte.“
Aus Erfahrung weiß er: Wenn ein Fahrer eins ist mit seinem Auto, dann gibt es nichts, was ihn stoppen kann. Es sei „immer noch überraschend und beeindruckend zu sehen, wie schnell er sich weiterentwickelt“, sagte Wolff: „Für mich ist er wie ein KI-Agent, der sich ständig selbst verbessert und dazulernt. Sein Alter ist sicherlich von Vorteil, um kognitiv und intellektuell stärker zu werden. Er ist ungeheuer methodisch gefahren.“
Der Vorsprung in der Gesamtwertung auf Lewis Hamilton im Ferrari, dessen sechster Platz im Rennen sinnbildlich für die blamable Vorstellung der Scuderia in Monza steht, ist auf 76 Punkte gewachsen. Für den siebenfachen Champion war der Rennverlauf ähnlich demoralisierend wie für Russell, nicht nur, weil ihn Antonelli beim Überholen förmlich stehen gelassen hatte. Noch bevor Charles Leclerc spektakulär seinen roten Rennwagen in der Parabolica-Kurve verlor, war Hamilton von seinem Teamkollegen abgedrängt und damit um alle Siegchancen gebracht worden. Was da künftig helfen kann, vielleicht doch eine Stallorder pro Hamilton? Der Brite klagte frustriert: „Dafür ist es längst zu spät, ich habe zu viele Punkte eingebüßt.“
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