SZ 28.06.2026
06:18 Uhr

Fußball-WM: Wahnsinn statt Schande von Kansas City: Österreich rettet sich mit der letzten Aktion zum 3:3


Ein denkwürdiges WM-Spiel endet verrückt: Nachdem sich eine erneute „Schande“ abzeichnet, weil beide Teams nach dem 2:2 die Angriffe einstellen, trifft Algerien in der Nachspielzeit – doch Österreich findet eine Antwort.

Fußball-WM: Wahnsinn statt Schande von Kansas City: Österreich rettet sich mit der letzten Aktion zum 3:3
Nach dem Tor zum 3:3 stürmen alle Österreicher auf Sasa Kalajdzic zu. Pedro Nunes/Reuters

Österreich und Algerien haben bei der Fußball-WM die K.-o.-Runde erreicht und in einem wilden Spiel eine „Schande von Kansas City“ mit Last-Minute-Treffern vermieden. Im brisanten letzten Vorrundenspiel der Gruppe J, in dem es im direkten Duell um Platz zwei und drei ging, trennten sich beide Teams in Kansas City nach einer dramatischen Schlussphase 3:3 (1:1). Schon vor dem Spiel war klar, dass beiden Nationen ein Remis zum Weiterkommen reichen würde, weshalb zuvor an die „Schande von Gijón“ erinnert wurde, als Deutschland und Österreich in einer vergleichbaren Situation bei der WM 1982 das Fußballspielen einstellten.

Von einem offensichtlichen „Nichtangriffspakt“ war das Spiel 70 Minuten lang weit entfernt – bis dahin war es phasenweise ein offener Schlagabtausch. Danach aber gingen beide Mannschaften ebenso offensichtlich nicht mehr ins Risiko, was das Publikum mit Pfiffen quittierte. Beide Teams schoben sich in der Abwehr ab Minute 70 die Bälle zu, keiner schoss mehr aufs Tor. Der Spielstand von 2:2 zu diesem Zeitpunkt hätte beiden Teams auf Kosten der Iraner zum Weiterkommen gereicht. Es roch schon sehr nach „Schande“.

Doch dann wurde es verrückt: Mit dem ersten ernsthaften Angriff der Algerier seit der Trinkpause traf Riyad Mahrez zum 3:2 (90.+3). Damit wäre Österreich raus gewesen. Doch kurz darauf rettete Saša Kalajdžić das Team von Trainer Ralf Rangnick mit seinem Kopfballtor nur Sekunden nach seiner Einwechslung (90.+6).

„Ich habe keine Worte, was in den letzten 90 Sekunden passiert ist“, sagte ein emotionaler Rangnick am TV-Mikrofon. „3:2 hinten, die Spielzeit ist eigentlich um. Wir kommen tatsächlich nochmal ins Spiel zurück. Wir sind im Moment einfach nur happy.“

Mittelfeldspieler Marcel Sabitzer sagte im ZDF: „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das war ein Auf und Ab. Wir gehen zweimal in Führung, das musst Du nach Hause bringen. Es war teilweise unseriös.“ Der Profi von Borussia Dortmund ergänzte: „Viel zu leichte Gegentore, aber heute freuen wir uns mal. Wir haben Österreich den Atem angehalten – aber jetzt sollen sie alle schön weiter trinken.“

Als Gruppenzweiter trifft Österreich im Sechzehntelfinale am Donnerstag (21 Uhr MESZ) in Los Angeles auf Europameister Spanien. Algerien schaffte es trotz des späten Ausgleichs unter die acht besten Gruppendritten und trifft in der Nacht auf Freitag (5 Uhr MESZ) in Vancouver auf die Schweiz. Durch das für beide Mannschaften passende Resultat ist Iran, der nur noch neuntbeste Gruppendritte, nun ausgeschieden.

Marko Arnautovic (28.) und Marcel Sabitzer (55.) trafen zunächst für die Österreicher, Rafik Belghali (45.) und Rihad Mahrez (60.) hatten zunächst jeweils die passende Antwort parat. Algerien schaffte es trotz des späten Ausgleichs der Österreicher unter die acht besten Gruppendritten und trifft in der Nacht auf Freitag (5 Uhr MESZ) in Vancouver auf die Schweiz.

Zum Abschluss der erstmals ausgetragenen XXL-Vorrunde mit 48 Teams hatten Österreich und Algerien gegenüber der Konkurrenz den Vorteil, dass sie genau wussten, welches Ergebnis nötig war, um weiterzukommen. Ein Remis reichte beiden, eine Niederlage hingegen hätte das Aus bedeutet.

Ralf Rangnick wollte davon nichts wissen. Als die „Schande von Gijón“ 1982 zwischen Deutschland und Österreich (1:0) stattgefunden habe und Algerien aufgrund des „Nichtangriffspakts“ der beiden Teams aus dem Turnier flog, „war noch kein Spieler auf der Welt“, betonte der deutsche Trainer. Er werde „die Mannschaft sicher nicht ins Rennen schicken, um unentschieden zu spielen“. In den algerischen Medien war entsprechend eher von „Rache“ als Aussöhnung die Rede.

Nachdem in der Anfangsphase bis auf einen heftigen Ellbogenschlag von Arnautovic (11.) wenig passiert war, ertönten erste Pfiffe im Arrowhead Stadium. Arnautovic setzte diesen mit der ersten gefährlichen Aktion und seinem 49. Länderspieltor vorerst ein Ende: Einen tiefen Ball von Kapitän David Alaba streichelte der Stürmer am algerischen Torhüter Oussama Benbot vorbei. Der zuletzt schwache Stammtorwart Luca Zidane, Sohn von Zinedine Zidane, saß diesmal nur auf der Bank.

Nun musste auch Algerien agieren und drückte enorm aufs Tempo. Der Frankfurter Farés Chaibi scheiterte am Pfosten (40.), der starke Ibrahim Maza von Bayer Leverkusen freistehend am glänzend aufgelegten Alexander Schlager (44.), ehe es kurios wurde: Mahrez profitierte von einem abgeprallten Ball an der Eckfahne, nahm den Ball auf – und kurz darauf vollendete Belghali trocken ins kurze Eck. Allerdings hatten die österreichischen Abwehrversuche in dieser Situation diesen Namen kaum verdient.

Rangnick reagierte auf die Drangphase der Algerier und wechselte zur Pause dreimal. Es entwickelte sich ein offener Schlagabtausch. Sabitzer schob eine Hereingabe von Bayerns Konrad Laimer zur erneuten Führung ein, Mahrez antwortete nur fünf Minuten später, wieder hatte er es gegen Österreichs Abwehrspieler eher leicht. Danach aber gingen beide Mannschaften zunehmend weniger bis kein Risiko mehr ein – bis der Treffer von Mahrez eine aberwitzige Schlussphase auslöste.

Die sportliche Dramatik beim 1:1 gegen Ägypten lenkt kurz von der politischen Lage zwischen Iran und den USA ab. Angesichts der Restriktionen spricht Kapitän Taremi von einem Desaster, Trainer Ghalenoei findet: „Sie haben uns schrecklich behandelt.“

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