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10.03.2026
17:08 Uhr
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Die Münchner haben auch Kandidatinnen und Kandidaten gewählt, die auf aussichtslosen Listenplätzen starteten – vor allem aus einem Berufsfeld. Und auch ein früherer Staatsminister schaffte unerwartet den Sprung.

Nadine Liebchen ist Aufregung gewohnt, insbesondere in ihrem beruflichen Alltag. Die 39-Jährige fliegt als Notärztin Einsätze in der Luftrettung, ist mit Einsatzfahrzeugen der Münchner Berufsfeuerwehr unterwegs, wenn Menschen akut Hilfe benötigen. Zudem arbeitet die Mutter zweier kleiner Söhne als Oberärztin am Uniklinikum in Großhadern und forscht in den Bereichen Telemedizin und Herzkreislaufstillstand. „Jeden Tag ist etwas anderes zu tun, ich mag es aber sehr, dass mein Beruf so vielfältig ist“, sagt Liebchen, deren Alltag nun um ein weiteres Tätigkeitsfeld erweitert wird: Sie wurde am vergangenen Sonntag für die SPD in den Stadtrat gewählt – und das eher überraschend, wie sie selbst sagt.
Die Kommunalwahl in München war ohnehin ein Urnengang, der reich an Überraschungen war. Angefangen natürlich beim erstaunlich starken Ergebnis des OB-Kandidaten der Grünen, Dominik Krause, der Dieter Reiter (SPD) gefährlich nahe kam und in die Stichwahl gegen den amtierenden Oberbürgermeister einzog. Krause kam auf 29,5 Prozent, Reiter mit seinem bisher schlechtesten Ergebnis nur noch auf 35,6 Prozent.
Zum Wesen von Kommunalwahlen, Stadt- und Gemeinderatswahlen allemal, gehört aber auch, dass die Wählerinnen und Wähler immer wieder Kandidatinnen und Kandidaten von an sich aussichtslosen Listenplätzen nach vorn und damit in die Gremien wählen. Bei der Wahl des Münchner Stadtrats in diesem Jahr war auffällig, dass dies besonders oft Kandidatinnen und Kandidaten passierte, die eines gemeinsam haben: Sie arbeiten in Berufen mit einem medizinischen Hintergrund.
Das beste Beispiel hierfür ist die Sozialdemokratin Liebchen, die bereits vor sechs Jahren bei der Stadtratswahl angetreten war; „auf einem Platz jenseits der 60“, wie sie sich zu erinnern versucht. Tatsächlich hatte Liebchen, die damals mit Nachnamen noch Ponsel hieß, exakt Listenplatz 60 inne und wurde am Ende auf Platz 46 vorgehäufelt. Bei dieser Wahl gelang ihr schließlich die große Überraschung: Mit Platz 38 auf der SPD-Stadtratsliste hatte Liebchen eigentlich eine wenig vielversprechende Ausgangsposition, wurde von den Wählern aber mit dem zwölftbesten Ergebnis aller SPD-Kandidaten bedacht und zieht nun erstmals in den Münchner Stadtrat ein.
Dort sitzt sie künftig gemeinsam mit einer Arbeitskollegin. Antonia Waldner hat wie Liebchen bereits vor sechs Jahren für den Stadtrat kandidiert – auf Platz 60 der CSU-Liste. Damals wurde die 35-jährige Intensiv-Krankenschwester von den Wählern auf Platz 31 vorgehäufelt, der allerdings nicht zum Einzug ins Gremium reichte. Bei dieser Wahl war Waldners Ausgangsposition mit Listenplatz 27 deutlich besser, geschafft hat sie am Ende aber sogar das neuntbeste Ergebnis unter den 80 CSU-Bewerbern.
Wie lässt sich dieser Erfolg der beiden Frauen aus dem Gesundheitsbereich erklären, der ohnehin kein Einzelfall ist? SPD-Stadträtin Barbara Likus, die auf dem Stimmzettel Sanitäterin als Beruf angibt, wurde von Listenplatz 22 auf Rang 14 vorgewählt und zieht damit erneut ins Gremium ein. Altenpflegerin Sofie Langmeier von den Grünen verbesserte sich von Listenplatz 25 auf Rang 17. Die Kinder- und Jugendtherapeutin Renate Unterberg war auf Platz 31 der Grünen-Stadtratsliste aufgeführt und schaffte es vor bis auf Platz 21. Sie komplettiert damit die Stadtratsfraktion der Grünen.
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„Wahrscheinlich ist es ein Beruf, der schon Vertrauen gibt. Ich merke das auch in meinem täglichen Berufsleben – und das spiegelt sich dann auch im Wahlverhalten der Menschen wider“, sagt Krankenschwester und Neu-CSU-Stadträtin Waldner. Dennoch sei das Ergebnis für sie vollkommen überraschend gekommen, sagt die 35-Jährige aus Neuhausen-Nymphenburg, wo sie seit sechs Jahren bereits im Bezirksausschuss sitzt. „Ich bin echt noch überwältigt und weiß gar nicht, was ich sagen soll“, sagt sie am Telefon. Über ihr politisches Engagement aber habe sie im Vorfeld mit ihrem Arbeitgeber, dem Dritten Orden gesprochen, und dabei auch die volle Unterstützung ihres Hauses und der Station, auf der sie im Schichtdienst arbeitet, gespürt, erzählt sie. Im Stadtrat, so Waldner, wolle sie sich natürlich um das Thema Gesundheit kümmern – hauptsächlich um das Thema Pflege.
Auch Oberärztin Liebchen möchte als frisch gewählte Stadträtin ihre berufliche Expertise einbringen und dabei auch von ihrem bisherigen politischen Engagement profitieren, das in den Studierendenprotesten gegen die Einführung der Studiengebühren in Bayern im Jahr 2007 ihren Anfang nahm. Dass sie es in den Stadtrat geschafft hat, habe auch mit einem persönlichen Wahlkampf zu tun gehabt, mit dem sie „zielgerichtet“ Ärzte, Pflegerinnen und viele andere angesprochen habe, sagt sie. „Wir haben gemeinsam mit anderen Gesundheitspolitikern Flyer gemacht, die in unserem erweiterten Berufsumfeld verteilt, und auch Werbung auf Social Media gemacht“, sagt die Ärztin aus Hadern. Und natürlich, ist auch Liebchen überzeugt, seien Jobs wie Ärztin, Krankenpfleger, Rettungsdienste vertrauenerweckende Berufe, die von den Menschen geschätzt würden.
Mehr mit seinem bekannten Namen dürfte ein neues Stadtratsmitglied überzeugt haben, das in der Bildungs- und nicht in der Gesundheitspolitik gewirkt hat: Für die Freien Wähler (FW) schaffte Bayerns ehemaliger Staatsminister für Unterricht und Kultus, Michael Piazolo, von Listenplatz zehn aus den Sprung in den Stadtrat. Er wurde von den Wählern mit dem besten Ergebnis aller FW-Kandidaten bedacht – obwohl er eigentlich nicht geplant hatte, wieder in den Stadtrat einzuziehen, in dem er im Jahr 2008 für wenige Monate saß, ehe er in den Bayerischen Landtag gewählt wurde. Landtagsabgeordneter ist er noch immer, will aber dennoch das neu gewonnene Stadtratsmandat annehmen. „Der Wähler hat so entschieden. Wir haben eine Demokratie und das ist der Wählerwille“, so der 66-Jährige. „Organisatorisch werden wir das schon hinbekommen.“
Den Einzug in den Stadtrat verpasst hat indes Philip Windsperger, der vor allem als Mann hinter dem Instagram-Account „Münchner Gesindel“ und mittlerweile 357 000 Followern Popularität erreicht hat. Gestartet war der 29-Jährige als Parteifreier, wie er selbst sagt, auf Platz 33 der CSU-Stadtratsliste – am Ende aber landete er lediglich auf Rang 42.
Kaum einer im Rathaus hat es noch für möglich gehalten, doch nach Auszählung fast aller Wahllokale hat die bisherige Koalition aus Grünen, SPD, Volt und Rosa Liste eine Mehrheit.
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