SZ 13.08.2026
08:19 Uhr

Übernahme von Athora: Wenn die Lebensversicherung den Besitzer wechselt


Eine Lebensversicherung soll ein Vertrag fürs Leben sein. Doch die Bestände werden immer wieder verkauft – wie die aktuelle Übernahme von Athora durch die Frankfurter Leben zeigt. Für die Unternehmen ist das ein lukratives Geschäft. Und für die Kunden?

Übernahme von Athora: Wenn die Lebensversicherung den Besitzer wechselt
Wer eine Lebensversicherung oder private Rentenversicherung zur Altersvorsorge abschließt, bindet sich meist für mehrere Jahrzehnte – häufig bis zum Rentenbeginn. INA FASSBENDER/AFP

Wer eine Lebensversicherung oder private Rentenversicherung zur Altersvorsorge abschließt, lässt sich auf einen Vertrag ein, der idealerweise 30 Jahre und länger läuft. Die Versicherer argumentieren gerne mit der lebenslangen Partnerschaft, die sie bieten. Aber immer mehr Kunden erleben, wie ihre Versicherungen mehrfach den Eigentümer wechseln.

Das geht auch den Versicherten der altehrwürdigen Berlinischen Lebensversicherung so, die 1836 gegründet worden war und von 1949 an ihren Sitz in Wiesbaden hatte. Sie gehörte lange den Münchner Versicherungsschwergewichten Munich Re und Allianz.

Doch wer angesichts dieser vertrauenswürdigen Eigner 1996 in Wiesbaden einen Vertrag abschloss, bekam 1998 plötzlich die britische Commercial Union als neuen Eigentümer seines Versicherers. Munich Re und Allianz hatten die Gesellschaft an die Briten verkauft, die sie in ihre Amsterdamer Tochter Delta Lloyd eingliederten. Später wurde Delta Lloyd eigenständig.

2015 gaben die niederländischen Besitzer die Gesellschaft an den auf Bermuda ansässigen Abwicklungsspezialisten Athene ab, der die Delta Lloyd Lebensversicherung zunächst in Athene umbenannte. Seit 2018 heißt sie Athora Lebensversicherung.

Jetzt müssen sich die Kunden an eine weitere Adresse gewöhnen. Denn Athora wurde gerade von der Frankfurter Lebensversicherung gekauft, deren Eigner der chinesische Finanzkonzern Fosun ist. München, London, Amsterdam, Bermuda, Schanghai – so ein Lebensversicherungsvertrag kommt rum.

Die Reise zeigt, dass man die Versprechen der Versicherer von einer lebenslangen Partnerschaft nicht allzu ernst nehmen sollte. Allerdings dürfte der Mehrfachverkauf den Kunden nicht schaden, darauf achtet sehr penibel die deutsche Finanzaufsicht Bafin. Die neuen Eigner müssen die Verträge auf den Cent genau einhalten, verlangt die Behörde.

Die deutschen Lebensversicherer schwächeln. Die langen Jahre niedriger Zinsen, schwere Probleme mit veralteten IT-Systemen, hohe Kosten, ein fragmentierter Markt mit vielen kleinen Anbietern sowie die beschlossene Altersvorsorge-Reform setzen ihnen zu.

Kein Wunder, dass mancher Versicherer seine Vertragsbestände gerne loswerden möchte. Die Übernahme und die Abwicklung dieser Bestände ist offenbar ein lukratives Geschäft. Das zeigt auch die Übernahme von Athora Deutschland durch die Frankfurter Leben.

Athora ist selbst als Abwickler unterwegs, macht also kein Neugeschäft, sondern übernimmt Vertragsbestände von anderen Versicherern, verwaltet sie, zahlt nach und nach die vereinbarten Summen aus und macht irgendwann das Licht aus, wenn der letzte Vertrag abgewickelt ist. In demselben Geschäft ist die Frankfurter Leben unterwegs. Der größte deutsche Abwickler ist Viridium.

Die Eigentümer hatten eigentlich große Pläne mit Athora. Doch die Wiesbadener Tochter tritt auf der Stelle. Die 90 Mitarbeitenden verwalten derzeit 130 000 Verträge mit Kapitalanlagen von 3,4 Milliarden Euro. 2022 unterschrieb die Axa einen Vertrag, nach dem 900 000 Verträge mit 19 Milliarden Euro nach Wiesbaden gehen sollten, doch 2024 platzte der Deal. Seit elf Jahren hat Athora in Deutschland keine Bestandsübernahme zustande gebracht.

Jetzt wird der Abwickler selbst verkauft. Der Käufer Frankfurter Leben wächst dadurch deutlich auf 800 000 Policen mit Kapitalanlagen von 17 Milliarden Euro. Der Abstand zum Marktführer Viridium bleibt dennoch groß: Er hat rund 3,1 Millionen Policen mit rund 67 Milliarden Euro Kapitalanlagen im Bestand.

Zum Kaufpreis wollte sich Frankfurter-Leben-Chef Christian Wrede gegenüber SZ nicht äußern. In Branchenkreisen wird spekuliert, dass rund 200 Millionen Euro fließen. Wrede dementiert die Zahl, will aber auch keine anderen Angaben machen.

Unterstützung bekommt die Frankfurter Leben von der Deutschen Bank. Deren Tochter DWS gibt dem Lebensversicherer ein Darlehen. Die sogenannte Restricted-Tier-1-Anleihe hat kein festes Fälligkeitsdatum und gilt aufsichtsrechtlich als Eigenkapital. Die genaue Summe wollen die beiden Seiten nicht nennen, sie dürfte bei rund 40 Millionen Euro liegen.

Im Gegenzug erhält DWS nicht nur Zinsen, sondern wird – gegen entsprechende Gebühren – einen Teil der Kapitalanlagen für die Frankfurter Leben verwalten. „Ähnliche Transaktionen können wir uns auch in der Zukunft vorstellen“, sagte DWS-Chef Stefan Hoops. Den Erwerb eines Minderheitsanteils an der Abwicklungsplattform hält Hoops langfristig für möglich. Er könne aber ausschließen, dass DWS oder die Deutsche Bank Mehrheitsaktionär eines Versicherers würden, betonte Hoops.

Auf die Frankfurter Leben kommt nach der Übernahme, die Mitte 2027 vollzogen sein soll, viel Arbeit zu. Die Gewinne von Athora waren in den vergangenen Jahren eher bescheiden, die IT gilt als stark veraltet. Die Frankfurter Leben wird die Bestände auf ihr IT-System migrieren müssen. Die Kunden sollen das kaum spüren. Wenn sie etwas bemerken, dann einen besseren Service und niedrigere Kosten, verspricht jedenfalls das Unternehmen.

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